»Ich habe an meine Mutter geschrieben, um mir Auskunft über diesen Punkt und noch andere zu verschaffen.«
»Gut, wir müssen also warten.«
Dies »wir« entzückte mich; er schien meine Angelegenheit unter seine Interessen aufgenommen zu haben. Als ich aufstehen wollte, bat er mich, ihm einstweilen Alles zu sagen, was ich über die jetzigen Besitzer von Erbrück und Günthershofen wisse. Das that ich, und so kam es, daß ich auch des Besuchs erwähnte, den uns der Freiherr vor meiner Abreise gemacht hatte. Diesen Umstand griff Herr Forster lebhaft auf, ließ sich jedes Wort der Unterhaltung wiederholt erzählen und schien die Zusammenkunft ebenso sonderbar zu finden wie meine Mutter damals. Endlich sagte er: »Mein Fräulein, Sie haben mir Vertrauen geschenkt, und ich kann dasselbe vorerst nur dadurch lohnen, daß ich Sie sich nicht falschen Hoffnungen hingeben lasse. Ich habe Ihre Mittheilungen nur hinnehmen können als ein unparteiischer Rechtskundiger, dessen Gutachten Sie wünschen. Dasselbe kann ich Ihnen erst dann aussprechen, wenn wir über den Hauptpunkt, die Ansprüche Ihrer Verwandten, unterrichtet sein werden. Und dann kann ich Ihnen insoweit nützen, als Sie von mir werden erfahren können, ob es thunlich wäre, jene Ansprüche vor Gericht in Frage zu ziehen.«
Er stand jetzt auf und verbeugte sich, da ich mich zum Gehen anschickte, ohne mir zu folgen; so schritt ich denn, nachdem ich ihm herzlich für seine Aufmerksamkeit gedankt hatte, allein und gedankenvoll dem Hause zu.
Im Ganzen war ich mit der Unterredung recht zufrieden; hatte doch der Jurist unsern Fall ernster Beachtung werth gehalten, war doch derselbe wie aus der Luft auf den festen Boden gerückt. Die Hoffnung wachte mit einem Male mächtig in mir auf, aber ich wies die sich herbeidrängenden Gedanken zurück. Meine Mutter, meine verehrte, angebetete Mutter wieder in Besitz und Rang – es war zu viel, es konnte nicht so kommen, das Glück wäre zu groß gewesen. Ich konnte mich jedoch nicht enthalten, fast beständig an die mir so wichtige Angelegenheit zu denken. Die Unruhe im Hause, welche die Reisevorbereitungen mit sich brachten, kam mir dabei zu statten, meine Zerstreutheit und Ruhelosigkeit würden sich sonst schwer haben verbergen lassen.
Herr Forster hatte seit unserer Unterredung sein Benehmen gegen mich geändert; wir nahmen jetzt oft gemeinsam unsere deutschen Interessen wahr und verkehrten in der ungezwungenen Weise des Hauses mit einander. Die Uebrigen bemerkten das und sprachen nun erst mit mir über den Gast, was sie bisher, einem richtigen Gefühl folgend, vermieden hatten. Roger erzählte von seinem ersten Zusammentreffen mit meinem Landsmann auf dem Rigi, wo er, zufällig mit ihm ins Gespräch gerathen, bald durch seinen klaren Verstand und sein einfaches, männliches Wesen gefesselt worden war.
»Er ist ein seltener Mensch«, sagte mir Roger einstmals vertraulich, da wir zusammen auf der Veranda vor meiner Glasthür standen; »besonders liebenswürdig ist an ihm das Geltenlassen Anderer und eine Naivetät den Formen der Gesellschaft gegenüber. Nur in einem Punkte ist er schwach, in dem nämlich, was die politischen Verhältnisse Ihres Vaterlandes betrifft. Die scheinen nun freilich auch danach angethan zu sein, den Vernünftigsten zu ärgern.«
John spielte mit dem Gaste Ballschlag und ritt mit ihm zur Fuchshetze, welche die jungen Männer, es muß gesagt sein, trotz ihrer Barbarei, mit all der Freude der Jugend und Kraft am sich Austoben, am Wagen und Stürmen genossen, ruderte und turnte mit ihm und ließ sich zuweilen mit lustigem Augenzwinkern herab, sich beifällig über die Anstelligkeit des Doctors zu dergleichen auszusprechen. Die Mädchen endlich betrachteten ihn als eine ziemlich indifferente Acquisition, da es ihm an Aufmerksamkeit gegen die kleinen Bedürfnisse der Damen fehlte. Wenn wir zusammensaßen und es machte sich der Mangel einer Fußbank etwa geltend, so entdeckte er diesen Umstand erst, nachdem einer der andern Herrn aufgestanden war, den betreffenden Gegenstand zu holen. Dann sprang auch er auf, in verzweiflungsvoller Hast, lief eifrig suchend umher, gelangte dabei aber immer an den Ort zuletzt, wo, der Wahrscheinlichkeit nach, der fehlende Artikel sich finden mochte, und brachte endlich, nach langem Suchen, triumphirend drei oder vier herbei, während wir, längst im Besitz der kleinen Bequemlichkeit, ihm boshaft dankten.
Roger theilte mir übrigens auch mit, daß Herr Forster aus sehr guter Familie und wohlhabend genug sei, um eine Anstellung im Staate ganz entbehren zu können, daß er aber nichtsdestoweniger juristische Beschäftigung und eine gemeinnützige Wirksamkeit schmerzlich vermisse und sehnlich auf einen Umschwung der Dinge harre, der ihm die Rückkehr in das Vaterland ermögliche.