»Haben Sie sich jetzt getröstet über John's Nachlässigkeit?« fragte mich Herr Forster, nachdem wir eine Weile zusammengestanden hatten. Ich drehte mich rasch nach ihm um, um zu sehen, ob er etwa seine spöttische Miene angenommen und mich mit dem Mangel an Selbstbeherrschung, den ich bei jener Gelegenheit gezeigt, necken wolle. Es schien nicht so, er sah ganz ernsthaft aus.

»Ich war außerordentlich ärgerlich darüber«, antwortete ich ihm, eine directe Antwort vermeidend.

»Ja, das konnte man sehen, das hätten Sie mir nicht zu sagen gebraucht; aber es kommt doch auf Verzögerung jener Antwort so gar viel nicht an. Setzen wir jedoch den Fall, Sie hätten dieselbe, wir fänden die Mittheilungen Ihrer Frau Mutter wichtig, ich sagte Ihnen nach meiner Ueberzeugung, daß der Stand der Angelegenheiten Sie nicht hindere, Ihre Verwandten vor Gericht zu ziehen, wollten Sie es denn wirklich zu einem Processe kommen lassen?«

Ich sah ihn verwundert an, ich verstand ihn gar nicht.

»Ich meine«, fuhr er fort, und seine Stimme hatte etwas Strenges bei den folgenden Worten, »wollen Sie versuchen, Ihre Verwandten von den Gütern zu vertreiben und sich an ihre Stelle zu versetzen?«

»An ihre Stelle!« sagte ich jetzt in einiger Aufregung, in der es mir nicht darauf ankam, mit seinen Worten zu spielen. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Forster! Die Leute sind gar nicht an ihrer Stelle! Was in aller Welt, welche Rücksicht, welche lächerliche Schwäche sollte mich abhalten, mir Recht zu verschaffen, Recht, Recht! Ich dürste danach, diese Eindringlinge zu vertreiben; wohin, ist mir gleich und wäre es ins Elend, in welchem wir so lange leben mußten!«

»Fräulein von Günthershofen!« sagte er beschwichtigend in einem Schulmeisterton.

»Was wollen Sie!« rief ich jetzt, immer erregter werdend und indem ich in der erhöhten Stimmung des Augenblicks unbewußt eine Hypothese aufstellte, die sich nachher als Wahrheit erwies. »Soll auf der Ehre meines Vaters, vielleicht der Mutter meines Vaters ein Makel bleiben? Soll meine Mutter, meine verehrungswürdige Mutter ferner in Dürftigkeit ihre Tage verbringen, weil mir der Muth fehlt, eine Schmach aufzudecken, über die eine Reihe von Jahren dahingegangen ist? Nein, Alles will ich daran setzen, daß wir Recht erhalten, nur Recht, weiter nichts!«

Er sah mich verwundert an. »Das altadlige Blut hat bei Ihnen noch nichts von seiner Hitze eingebüßt«, sagte er dann und lächelte. »Aber lassen wir das! Sehen Sie nur, wer ist denn das, der sich dort so lebhaft mit Ihren Zöglingen unterhält?«

Mich berührte der rasche Uebergang in seiner Rede sehr unangenehm; es kam mir vor, als habe er nur mit meiner Erregbarkeit experimentiren wollen; ich konnte nicht sprechen und wandte mich ab, anstatt der von ihm bezeichneten Richtung mit den Augen zu folgen. Herr Forster schwieg nun eine Weile und schien selbst die Gruppe, auf welche er meine Aufmerksamkeit hatte lenken wollen, zu beobachten; endlich berührte er mich leicht am Arm und sagte freundlich: »Kommen Sie, liebes Fräulein, verderben Sie sich den schönen Abend nicht. Der Haß ist ein schlimmer Gast im Herzen; dasselbe kann, während es ihn beherbergt, nicht glücklich sein.«