Diese wohlfeile Weisheit dünkte mir ganz unerträglich, die Thränen stiegen mir auf, ich wollte mich nicht so meistern lassen. Nach einigen Augenblicken jedoch gewann die Ueberzeugung die Oberhand in mir, daß ich es eigentlich nicht besser verdiene; meine Reizbarkeit und Erregtheit kamen mir geradezu kindisch vor, ich bezwang mich mit einiger Anstrengung, drehte mich herum und wollte versuchen, unbefangen zu den Uebrigen hinzugehen. Aber was war das? Wer, um Gotteswillen, wer stand einige Schritte von mir bei den jungen Grays? Sollte mir denn die Selbstbeherrschung gar so schwer gemacht werden? Welche sonderbare Aehnlichkeit hatte jener große stattliche Herr mit einem Andern, den ich freilich nur einmal in meinem Leben gesehen, dessen Bild sich aber meinem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt hatte? In mir kämpften Neugierde und Angst sogar vor dem Scheinbild jener Gestalt, bis Herr Forster scherzend sagte: »Kommen Sie, Ihre Gouvernantenpflichten schon rufen Sie dorthin. Sind Sie nicht hier als Beschützerin jener jungen Damen?«

So schritten wir denn zusammen auf die in einiger Entfernung stehende Gruppe zu. Sie bestand aus meinen beiden Zöglingen, die sich in ihren hellen hübschen Kleidern, mit den leichten, blaubebänderten Strohhüten, welche so gut zu den rosigen Gesichtern und den schönen blonden Haaren paßten, gar anmuthig ausnahmen, ihrem Bruder Roger und einem vornehm aussehenden Fremden, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Er stand halb abgewendet von mir, im Gespräche auf die Tiefe vor uns deutend; jetzt drehte er sich herum, ich konnte ihm in das Gesicht sehen und nun war mir's, als müßte ich mich fortwenden und davoneilen, ehe er mich erkennen konnte, die Felsen hinab, in die Einöde hinein, nur fort aus seiner verhaßten Nähe. Aber zum Fortlaufen, wenn es auch die Umstände erlaubt hätten, war es zu spät, der Freiherr hatte mich gesehen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, eine Bewegung, die ich ihm so übel wie möglich auslegte – er wollte sich gewiß nur fassen zu einer Förmlichkeit, wie sie sich der armen Verwandten gegenüber schickte, die so unbequem vor ihm aufgetaucht war; vielleicht verleugnet er mich gar, dachte ich, aber ich hatte mich getäuscht. Sehr freundlich – sogar mir konnte sein Benehmen nicht anders als freundlich vorkommen – that er mir ein paar Schritte entgegen und streckte seine Hand nach der meinigen aus; ich reichte ihm dieselbe nicht, sondern verbeugte mich nur. Seine leichte Höflichkeit glitt über diesen kleinen Zwischenfall hinweg; mit den herzlichsten Ausdrücken begrüßte er mich als seine Cousine – welches Vorgehen ich ihm nur als Heuchelei auslegte – und erwies sich, während mein Benehmen den Uebrigen bis zur Ungeschliffenheit zurückhaltend erscheinen mußte, so liebenswürdig, daß sich alle, Herr Gray, welcher inzwischen auch auf dem Plateau angelangt war, nicht ausgenommen, von ihm bezaubert fanden. Ein Gespräch, anfänglich nur von ihm und Roger geführt, hatte sich, wie ich nachher erfuhr, durch die Umgebung angeregt fesselnd weitergesponnen, bis alle hineingezogen waren; auf Reisen wird man leicht bekannt und die Grays gehörten überdies zu den liebenswürdigsten, zugänglichsten Menschen. So stieg denn der Freiherr von und zu Günthershofen mit in den Gasthof hinab, wo er der Mutter vorgestellt wurde und auch sie durch seine ritterliche Galanterie sehr zu seinen Gunsten stimmte. Er speiste mit uns zu Abend und befestigte bei allen den durchaus angenehmen Eindruck, welchen er gemacht hatte; an mich richtete er nur von Zeit zu Zeit ein Wort und dann in einer gewissen schonenden Weise, als wisse er nach meinem vorherigen Benehmen nicht, wessen er sich von mir zu versehen habe, und fürchte eine Probe Günthershofen'scher Rücksichtslosigkeit.

Alle waren in der heitersten Laune außer mir. Ich eilte nach Tische schnell fort, aber wohin sollte ich mich wenden, um die Einsamkeit zu finden, nach der es mich so sehr verlangte? Wir waren in den obern Zimmern für wenige Tage eng zusammengepackt; dort hielten sich jetzt die Kinder und das Dienstpersonal auf. Hinter dem Hause befand sich ein Gärtchen, auf dasselbe gingen aber die Fenster des Speisesaals, in welchem unsere Gesellschaft noch beisammen saß, und man hätte mich sehen können. So setzte ich denn meinen großen Strohhut auf und eilte aus der vordern Thür den Weg hinauf, den wir vor kurzem herabgestiegen waren. Noch währte die lange Dämmerung des Sommertags; es war ziemlich hell und ich schritt rasch fort, fliehend eigentlich vor den peinlichen Empfindungen, die mich in der Nähe des Gastes unten bestürmten.

An einer lieblichen Stelle des Pfades, wo moosüberzogene Steinblöcke gelagert waren, über welche blühender Flieder herabhing, setzte ich mich, und hier überkam mich das Gefühl der Einsamkeit so sehr, während ich an die Uebrigen dachte, welche unter fröhlichen Scherzen zusammenweilten, und ich fühlte plötzlich ein so heißes Verlangen nach meiner Mutter, die in ihrem ärmlichen Stübchen auch einsam saß, daß ich die Arme vor mir auf einen Felsblock legte, das Gesicht hineindrückte und den Thränen freien Lauf ließ, die ich seit Wochen schon so oft zurückgedrängt hatte. Aber auch diese Erleichterung sollte mir verkümmert werden; ich hörte Schritte sich nahen und richtete mich schnell in die Höhe, der einzelne Fußgänger wurde sichtbar und ich erkannte aufathmend den Doctor. Erst schritt er an meinem Zufluchtsorte vorüber, dann wandte er sich plötzlich, wie von einem Einfall getrieben, um und stand im nächsten Augenblicke vor mir. Sowie er mich gewahr wurde, erhob er drohend den Finger: »Sie werden sich erkälten, Fräulein.« Statt aller Antwort begnügte ich mich meinerseits zu bemerken, als spiele ich auf ein uns beiden bekanntes Thema an und es brauche keiner Einleitung:

»Das ist der Freiherr!«

»Ihr Feind«, ergänzte er, »den Sie von Haus und Hof vertreiben wollen.«

Ich nickte. »Hassen Sie ihn noch?« fragte darauf der Doctor mit einer so eigenthümlichen Betonung, daß mir plötzlich der Gedanke aufstieg, Herr Forster halte mich für und behandle mich wie ein Kind, dessen Launen man nachgeben müsse, um heftige Scenen zu vermeiden; eine Angst überfiel mich bei dieser Idee, die mir die Kehle zuschnürte. Ich mußte ihm beweisen, daß er sich irre, daß ich wisse, was ich wolle, und vor den Folgen meiner Handlungsweise nicht zurückschrecke. Deshalb sagte ich sehr ruhig, indem ich mich erhob: »Ich habe den Freiherrn vermieden, weil es mir peinlich war, mich von ihm in einer Weise behandeln zu lassen, die auf freundschaftliches Einvernehmen deutet.«

»Er weiß also nicht, wie Sie gegen ihn fühlen?« fragte Forster.

»Ich glaube nicht; er soll es aber wissen, ich werde mit ihm reden, von ihm erfahre ich auch vielleicht, was ich von meiner Mutter zu hören wünschte.«

»Hoffen Sie gar nicht auf einen gütlichen Vergleich?« warf Forster dazwischen. Die Idee war mir ganz neu und ich antwortete demgemäß.