»Nun, es ist dergleichen schon öfter dagewesen«, meinte er. »Der Freiherr scheint nicht so übel; es muß Ihnen wirklich schwer fallen, seiner einnehmenden Persönlichkeit gegenüber Ihre feindseligen Absichten fest zu halten.«
»Das wüßte ich nicht«, erwiderte ich. »Das Gefühl des schmählichsten Unrechts, das einem zugefügt worden ist, frißt tiefer, als Sie zu glauben scheinen. Der Freiherr ist ein Cavalier und ein angenehmer Gesellschafter, das beweist noch nichts für seine Grundsätze. Jedenfalls will ich, da er hier ist, eine Unterredung mit ihm suchen.«
Mein Landsmann sagte hierauf nichts weiter, bis er mich nach einer Weile darauf aufmerksam machte, daß es immer dunkler werde und das Herabsteigen am Tage sogar nicht ungefährlich sei. So wendeten wir uns denn dem Thale zu. Der Weg war allerdings sehr beschwerlich und ohne des Doctors stützende Hand würde ich ihn kaum ohne Unfall passirt haben. Ich war aber so erfüllt von meinen Gedanken und Plänen, die sich jetzt besonders darum drehten, auf nicht allzu auffallende Weise eine Unterredung mit dem Freiherrn herbeizuführen, daß ich ihm kaum für seine Hülfe dankte und es mir auch gar nicht einfallen ließ, darüber nachzudenken, wie er eigentlich auf dieselbe abenteuerliche Idee hatte verfallen können wie ich, den Bergpfad am Abend noch aufzusuchen. Ueber unser Zusammentreffen erhielt ich jedoch bald Aufklärung. Vor dem Hause auf einer Art Balkon, der in der Höhe von einigen Stufen an der Fronte desselben hinlief, promenirten die Herren, indem sie ihre Cigarren rauchten. Als wir uns näherten, schritt uns der Freiherr entgegen.
»Meine Landsleute haben wohl als echte Deutsche den Aufgang des Mondes von jener Felsplatte aus beobachtet?« sagte er lächelnd. Forster nahm es auf sich, zu antworten.
»Fräulein von Günthershofen mag dergleichen Gelüste gehabt haben, ich fürchtete es wenigstens und stolperte die Felsen hinauf, hinter ihr drein, um sie womöglich unversehrt zurückzugeleiten, und hier sind wir nun, merkwürdigerweise, ohne den Hals gebrochen zu haben.«
»Ich habe bis jetzt versäumt, Ihnen für Ihre Dienste zu danken«, beeilte ich mich zu sagen und fügte hinzu: »Ich wußte gar nicht, daß Sie mit so guten Absichten oder daß Sie überhaupt mir nachgekommen waren.«
»O bitte, es ist gern geschehn«, erwiderte er hastig und ging dann mit einer etwas linkischen Verbeugung plötzlich von uns; ich blieb mit meinem Verwandten allein. Das Herz klopfte mir während des nun für einige Momente eintretenden Schweigens so stark, daß ich fürchtete, er möchte den Schlag desselben hören; jetzt war mir Gelegenheit gegeben zu der Unterredung, die ich so sehr herbeigewünscht hatte. Der Freiherr begann endlich – er hatte galant seine Cigarre weggeworfen, als ob er auf eine verwandtschaftliche Plauderei rechne:
»Sie leben mit einer liebenswürdigen Familie, mein Fräulein, wenigstens scheint es mir so nach kurzer Bekanntschaft. Sind Sie zufrieden?«
Gereizt wie ich gegen ihn war, empörte mich diese einfache Frage; wie konnte er denken, daß ich zufrieden zu sein vermöchte, fern von meiner fast in Dürftigkeit lebenden Mutter, unter Fremden das Brod der Abhängigkeit essend!
»Ich kann, von meiner Mutter durch die Noth getrennt, wohl kaum zufrieden sein, Herr Freiherr«, antwortete ich ihm denn auch etwas gezwungen. »Ich sehne mich nach ihr, sie ist alt und bedarf meiner, man hat ihr weiter nichts gelassen als mich.«