Der Freiherr sah mich an, das fühlte ich, obwohl ich vor mich hin und nicht zu ihm in die Höhe schaute; ich mochte ihm ganz anders vorkommen als vor einigen Monaten im Stübchen der Mutter – das arme Fräulein mit den edlen Entschlüssen und dem zu kurz gewordenen Kleide. Aber was lag auch Alles zwischen jenem Abend und diesem! An dem Abend noch hatte ich eine wahre Geschichte erzählen hören, die mich innerlich ganz umwandelte – nicht zum Bessern, wie ich mir später wohl gesagt habe, die den Stolz weckte und den Haß einbürgerte in einem bis dahin gar einfältigen, guten Herzen. Auch äußerlich hatte ich mich verändert; die Mutter würde ihre Freude an mir gehabt haben, wenn sie mich gesehen hätte in den langen, weiten, schweren Kleidern, die ich jetzt trug, der damaligen Mode gemäß, und durch welche ich mir eine ganz andere Haltung angewöhnt hatte, als meine frühere gewesen.

Diesmal war die Pause länger als vorhin; offenbar wußte der Freiherr nicht, was er mir erwidern sollte, endlich sagte er leise: »Ja, es sind traurige Verhältnisse, sehr traurige, aber wie können sie geändert werden?«

Er sprach dies, wie es schien, mehr zu sich als zu mir, und als rede er von etwas, das seinen Gedanken nicht fremd sei. Ich aber richtete mich hoch auf, sah ihn fest an und entgegnete ihm: »Ich will Ihnen sagen, gnädiger Herr, wie sie geändert werden können, diese traurigen Verhältnisse; sie können es, indem meine Mutter auf dem Rechtswege wieder zu den Gütern meines Vaters gelangt, die ihm vor zwanzig Jahren – abhanden gekommen sind«, bezwang ich mich zu schließen; mir hatte etwas Anderes auf der Zunge geschwebt. Da war sie nun, die Kriegserklärung – mir war, nachdem ich sie ausgesprochen, als schwebe jetzt etwas über mir, was alle Augenblicke auf mich niederstürzen könnte. Auf den Freiherrn jedoch schienen meine Worte nicht den Eindruck zu machen, den ich gefürchtet hatte; er sagte sogleich in ruhigem Tone: »Fahren Sie fort, Fräulein Base! Die Güter gehören zum Theil jetzt mir, das heißt, ich habe sie gegenwärtig in Besitz. Sie wollen einen Process gegen die Erbrücker und mich anhängig machen?«

»Ja, das will ich, sobald ich von rechtskundiger Seite erfahren haben werde, ob irgend eine Chance für uns da ist!«

»Ich verdenke es Ihnen nicht«, sagte er leicht, »aber wissen möchte ich doch, ob dieser landesflüchtige Herr Doctor Ihnen die Idee zuerst in den Kopf gesetzt hat. Verzeihen Sie meine Hypothese, aber Sie scheinen vertraut mit ihm. Ihre Frau Mutter hatte, soviel ich weiß, nie die Absicht –«

»Halten Sie ein, Herr Freiherr!« rief ich entrüstet. »Sie mögen sich sicher dünken auf dem erschlichenen Besitzthum – wahrscheinlich sind Sie das auch, denn wer die Macht hat, hat gewöhnlich das Recht – aber meiner spotten sollten Sie doch nicht. Die Idee, wie Sie meine Absicht zu nennen belieben, ist in mir aufgestiegen, als ich eines Abends vor meiner Mutter saß und sie mir ihre Geschichte erzählte, eine Geschichte des Leidens, der entsetzlichsten Kränkungen, der Verfolgung, des Unterliegens. Kennen Sie jene Geschichte, mein Herr? Ihre Aeltern haben darin mitgespielt, Sie selber nicht; kennen Sie den wahren Sachverhalt?«

Ich war so erregt, so ganz aufgegangen in dem Gegenstande unseres Gesprächs, daß ich Zeit und Ort vergessen hatte; wir waren unwillkürlich nach dem fernern Ende der Terrasse hingegangen, weit von uns standen die Uebrigen in einer Gruppe, wir achteten ihrer nicht. Und noch heute, wenn ich jene Scenen überdenke, die mir fest im Gedächtniß geblieben sind, noch heute erschrecke ich fast vor der Art und Weise, in welcher ich zu dem Freiherrn sprach; ich kann nicht begreifen, woher mir der Muth kam, dem hohen, stattlichen, sichern Cavalier gegenüber. Er antwortete auf meine letzte Frage nicht, und während er schwieg und vor sich hin sah, hingen meine Augen begierig an seinem Munde. Endlich richtete er das Antlitz in die Höhe und seine Blicke begegneten den meinen – er schlug vor denselben die Augen wieder nieder.

»Sie haben sehr harte Worte gegen mich gebraucht, Fräulein«, sagte er dann dumpf, »aber wenn ich mich an Ihre Stelle versetze, kann ich Ihnen nicht Unrecht geben. Sie glauben also, daß das Urtheil, welches uns damals die Güter Ihres Vaters zusprach, ein ungerechtes gewesen?«

»Ja, ich glaube es, fast möchte ich sagen, ich weiß es, obgleich mir nicht bekannt ist, auf welchen Grund hin man die Rechte meines Vaters anzutasten gewagt hat. Meine Mutter hat leider über diesen wichtigen Punkt geschwiegen. Ich habe an sie geschrieben und mir Auskunft erbeten; ein Brief von ihr ist angekommen und durch eine Nachlässigkeit mir vor der Abreise von C. nicht zugestellt worden. Seitdem ich Sie nun hier gesehen, ist mir eingefallen, daß Sie mir auf meine Bitte diese Auskunft gewiß nicht verweigern würden. Die Motive zu dem Verfahren gegen meinen Vater kenne ich wohl, aber nicht den Vorwand, welchen man benutzt hat, um es ins Werk zu setzen.«

»Den Vorwand?« sagte der Freiherr ruhig. »Hat nicht ein Gericht, ein wenn auch nicht unfehlbares, so doch vollständig competentes Gericht die Ansprüche beider Linien geprüft und die unserigen als gültig erkannt?«