Ich war seinem Raisonnement eben nicht zugänglich und entgegnete rasch und unbedacht: »Das beweist gar nichts. Der Fürst hat dem Gerichte den Ausspruch, den es thun sollte, dictirt; er wußte wohl, warum.«

Bei der Nennung des Fürsten hatte der Freiherr eine Bewegung wie unter dem Einfluß physischen Schmerzes gemacht; ich merkte auch, daß ich im Begriffe war, zu weit zu gehen, und wendete mich, um zu den Uebrigen zurückzukehren. Da hob der Freiherr noch einmal an: »Wenn Sie nichts dagegen haben, Fräulein, will ich mit Herrn Forster, der sich zu einer Mittelsperson ganz gut zu eignen scheint, Einiges in der Angelegenheit besprechen und ihm auch die Auskunft, welche Sie verlangten, geben. Sie können dann thun, was Ihnen gut dünkt.«

Die ersten Worte seiner Bemerkung hatten mich überrascht, ehe ich ihm aber für sein Anerbieten danken konnte, härtete mich wieder der Schluß: »Sie können dann thun, was Ihnen gut dünkt.«

»Das will ich«, sagte ich kurz. »Gute Nacht, mein Herr!« Und damit verließ ich ihn und eilte, nachdem ich mich von den Uebrigen verabschiedet hatte, nach meinem Zimmer, nicht um mich zur Ruhe zu begeben, mir war, als würde ich nie wieder ein Bedürfniß nach Schlaf fühlen können, so kreisten die Gedanken in meinem Kopfe, welche mich beunruhigten und mich jetzt häufig viele Stunden in der Nacht wach hielten. Manchmal kam es mir vor wie ein Traum, wie ein Betrug meiner aufgeregten Phantasie, daß ich den Freiherrn gesprochen haben sollte, ihn selbst, den deutschen Adligen, hier in den schottischen Bergen. Wie sonderbar war doch das Zusammentreffen! Wie sehr aber auch erhob es die Ideen, die mich seit einigen Wochen beherrschten, nun erst recht zu den wichtigsten, die es für mich geben konnte; nun mußte etwas geschehen, das Schicksal hatte selbst die Hand geboten. Und dann wendeten sich die rastlos arbeitenden Gedanken der Person des Freiherrn zu, seinem Betragen, seinen Worten, und da überfiel mich auf einmal eine entsetzliche Unruhe, als habe ich irgend etwas gethan, was sich nie wieder gut machen lasse, an irgend etwas Unnahbares gerührt, irgend etwas ganz, ganz verfehlt. Ich wußte mir dies Gefühl nicht zu erklären: ich rief mir Alles, was ich gesprochen, ins Gedächtniß zurück, ich mußte mir sagen, daß ich harte Worte gebraucht, aber keine, die nicht meine innigen noch bestehenden Ueberzeugungen ausgesprochen hätten. So suchte ich mich denn durch Gründe zu beruhigen, aber es wollte nicht gehen; wie hart, wie rücksichtslos, wie rachsüchtig, ja wie frei in meinen Ausdrücken mußte ich ihm vorgekommen sein! Und wenn auch, dachte ich dagegen, ist es nicht natürlich, daß ich keine freundschaftliche Gesinnung für ihn hege, noch zeigen kann? Er stammt aus jener verhaßten Familie und er muß ein gewissenloser Mann sein, sonst könnte er den Besitz der durch Trug und Tücke an sein Haus gekommenen Güter nicht ruhig genießen. Aber glaubte er an jenen Trug, jene Tücke? Er war ja noch ein Knabe gewesen zur Zeit jenes Processes; vielleicht, ja wahrscheinlich hatte sein Vater ihn nie eingeweiht in das Complot zwischen sich und dem Fürsten. Und dann – und am quälendsten machte sich der Selbstvorwurf geltend – wie schonungslos, wie unmädchenhaft hast Du auf den Makel seiner Geburt hingedeutet, an dem er unschuldig ist! So stritten sich die Gedanken in mir, klagten sich an und entschuldigten sich, bis ich mir meine Mutter vergegenwärtigte und ihre Erzählung mir wiederholte, um mich von neuem zu meinem Vorhaben zu stärken. Nun aber, während die stillen Stunden der Nacht an mir vorbeizogen, eine nach der andern, und mit dem nahenden Morgen kam das angstvolle Erwarten der Aufschlüsse, die mir durch Forster zu Theil werden sollten, und machte meine Pulse schneller schlagen, sodaß ich erst nach Sonnenaufgang in einen kurzen Schlaf verfiel, während dessen das arbeitende Gehirn die Gedanken, die es zuvor bewegt, aus ihrer Folge gerissen, in wirren Träumen durcheinander warf und zu sinnlosen Bildern verkettete.

Sechstes Kapitel.

Es erschien mir wie eine Vergünstigung des Schicksals, daß Herr Gray sich vornahm, die Zimmer in dem schöngelegenen Gasthause, welche wir inne hatten, noch für eine Weile zu benutzen und dasselbe zur Basis unserer Operationen in den nachbarlichen Bergen zu machen. Der Freiherr, für den sich gerade noch Raum gefunden hatte, blieb auch auf die herzliche Einladung der Familie, er möge sich ihren Ausflügen in der nächsten Zeit anschließen. Hier war nun auch Gelegenheit, sich die Briefe, welche inzwischen zu Hause angekommen sein mochten, zuschicken zu lassen. Frau Gray schrieb an die alte Köchin, die das Haus hütete, und drei Tage darauf erhielten wir ein ganzes Paquet Briefe.

Wir saßen gerade auf dem Balkon beim Frühstück, als der Postbote mit dem Ränzchen auf dem Rücken und dem Bergstock in der Hand angewandert kam. Herr Gray nahm die Briefe in Empfang; meine Augen hingen an ihm in fiebernder Erwartung, während er dieselben langsam durch die Hände gleiten ließ.

»Setzen Sie lieber Ihre Tasse hin, Fräulein«, sagte Forster neben mir mit leichtem Spott. »Sie zittern zu sehr, als daß Sie Ihre Manipulationen fortsetzen könnten.«

Ich gehorchte mechanisch und in demselben Augenblick streifte mein Blick den Freiherrn. Herausgefordert durch seinen Ausdruck, schaute ich wieder hin, er sah unverwandt auf mich, mit düsterem Gesichte, er wußte, was ich erwartete – eine Anklage war es, eine Anklage ehrlosen Handelns, gegen seine Familie gerichtet. Aber mich kümmerte sein Aussehen wenig, denn John reichte mir eben mit einer komisch zerknirschten Miene, die nur ich zu deuten vermochte, den Brief meiner Mutter, um welchen er eine besondere Botschaft an die alte Wirthschafterin geschickt hatte. Nun endlich, endlich hielt ich ihn in Händen, nun brauchte ich die Aufschlüsse des Freiherrn glücklicherweise nicht mehr. Ich riß sogleich den äußern Umschlag ab und schaute auf das Couvert mit den theuern Schriftzügen meiner Mutter; liebkosend deckte ich dann wieder die rechte Hand darüber und schaute auf, froh in der Sicherheit des Besitzes. Da begegnete ich zuerst John's lachenden braunen Augen, der liebe Junge nickte mir freundlich zu; und nun mußte ich auch wieder nach dem Freiherrn hinsehen: er hielt die Augen auf meine Hände gerichtet, mit denen ich den Brief wie ein Kleinod umfaßt hielt. Mich beschlich in dem Augenblicke ein Gefühl der Furcht vor ihm, welches ich noch gar nicht gekannt hatte. Wäre er doch weit fort von hier, dachte ich.

Es wurde nun, wie gewöhnlich am Morgen, über die weitere Verwendung des Tages verhandelt und der Punkt gewählt, welchen man in Augenschein nehmen wollte. Da die Entfernung keine geringe war, mußte sofort aufgebrochen werden, meine Unlust zu der Expedition war aber so groß, daß ich Kopfweh vorschützte und um die Freiheit bat, zu Hause bleiben zu dürfen. In einer halben Stunde zog Alles ab und nun war ich endlich allein; ich setzte mich auf dem kleinen Kanapee in meinem Zimmer zurecht, ganz sicher, nicht gestört zu werden, und fing an zu lesen. Wie ich gewollt, hatte die Mutter meine Anfrage als aus einer Art Neugier hervorgegangen betrachtet und beantwortete sie daher erst am Ende des Briefes, nachdem alles Uebrige, was mich irgendwie interessiren konnte, berührt worden war, in folgenden Worten: »Ich dachte mir, liebe Margarethe, als ich Dir die Geschichte unserer Unglücksfälle erzählte, daß dieselben einigen Eindruck auf Dich machen würden. Lange überlegte ich, ob es nicht besser wäre, Dich noch unwissend zu lassen in Bezug auf dieselben, aber es schien mir schließlich nicht das Richtige. Du gingst fort, ich konnte sterben inzwischen, später wäre Dir vielleicht das oder jenes zu Ohren gekommen über die Vergangenheit Deiner Familie und hätte Dich mit Unruhe oder gar mit Zweifeln an unserer Ehre erfüllen müssen; auch war ich Dir eine Erklärung unserer so wenig standesgemäßen Armuth schuldig. Du berührst nun in Deinem Briefe einen Punkt, den ich damals von meinem Berichte ausgeschlossen hatte, aber ich sehe nach reiflicher Ueberlegung auch dafür keinen Grund mehr. Die Wahrheit, sei sie auch noch so herb, ist fast immer wohlthätig, und es ist uns für das Leben ein Muth nöthig, welcher der härtesten Wahrheit ins Gesicht zu sehen vermag. So wisse denn, daß man in jenem verbrecherischen Processe die Ehre der verstorbenen Mutter Deines Vaters angriff; man sagte aus, daß Dein Vater nicht der Sohn des Gemahls der Frau von Günthershofen sei, sondern eines Edelmanns, zu dem sie allerdings, sowie ihr Gemahl, in freundschaftlicher Beziehung gestanden hatte. Diese niedrige Anklage gegen eine längst verstorbene, edle, von ihren Freunden hochgeehrte Frau belegte man mit Beweisen in Form eines Briefwechsels zwischen ihr und jenem Edelmann, angeblich unter den Papieren des letztern nach seinem Tode gefunden, gefälscht aber, ja für die Gelegenheit fabricirt, wie Dein Vater und ich überzeugt waren und ich es noch bin. Es thut sich hier vor Dir eine Tiefe der Bosheit auf, mein armes Kind, die Du wahrscheinlich nicht geahnt hast; Du erhältst auch zugleich Antwort auf Deine Frage, warum ich nie gegen die Besitzer unserer Güter gerichtlich eingeschritten sei. Zur Zeit wurde es, wie Du weißt, von Deinem Vater versäumt. Der Schlag hatte ihn zu hart getroffen und seine Thatkraft gelähmt; es wäre auch da schon fast hoffnungslos gewesen und wurde es im Laufe der Jahre immer mehr, da uns alle Beweise fehlten, daß jene Correspondenz wirklich eine gefälschte sei. Ich habe mit Sachwaltern darüber gesprochen und sie haben die Achseln gezuckt; wer mochte sich unter so ungünstigen Umständen, wo ein Erfolg nur durch die weitläufigsten, kostspieligsten Untersuchungen zu erzielen gewesen wäre, der Sache einer gänzlich verarmten Edelfrau gegen mehrere reiche und angesehene Familien annehmen, wer eine Skandalgeschichte wieder durchgehen, von welcher sich das Gefühl mit Abscheu abwendet. Die, welche durch ihre hohe Meinung Deine Großmutter und ihren Freund in Schutz genommen haben würden, waren längst todt, jener selbst war gestorben, ohne Verwandte zu hinterlassen, denen an der Klärung seiner Ehre gelegen gewesen wäre: unsere Sache war und ist hoffnungslos. Laß Dir daher an dem Bewußtsein genügen, meine Tochter, daß wir Unrecht leiden, aber keins begangen haben, und bedenke, daß es uns nicht zusteht, diejenigen zu beneiden, welche sich durch Meineid an uns bereichert haben.«