So schloß meine Mutter. Ich saß eine lange Zeit ganz still, nachdem ich den Brief zu Ende gelesen, und suchte vergebens meine Gedanken zu sammeln; ich konnte mich nicht fassen, ich war wie betäubt, als habe ich einen Schlag erhalten. War denn das Alles möglich? Konnte die Bosheit mit einer so beispiellosen Frechheit Unschuldige angreifen, Lebendige und Todte? Und konnte und durfte sie so triumphiren? Lange wirbelte es mir im Kopfe und ich hatte nur ein dumpfes Gefühl unleidlichen Schmerzes, dann aber wurde ich ruhiger und merkwürdigerweise so ruhig, daß ich mich an die Stelle meines jetzigen Gegners, des Freiherrn Bardolph von Günthershofen, setzen, gleichsam von seinem Standpunkt aus die Angelegenheit ansehen konnte. Ich hatte ihm doch an jenem Abend und auch zuvor Unrecht gethan; er glaubte gewiß an die Gerechtigkeit seiner Sache, ja das Gericht sogar war vielleicht überzeugt gewesen und hatte redlich verfahren. Diese Ansicht besserte jedoch meine Stimmung keineswegs; noch nie war mir so wirr, so trüb zu Muthe gewesen, nie hatte ich mich so haltlos und elend gefühlt. Während ich, den Kopf in beiden Händen, dasaß, klopfte es an die Thür und Forster trat herein. Ohne im Anfang recht zu wissen warum, so dumpf war mir zu Sinne, fühlte ich Erstaunen bei seinem Anblick; erst als er seine Anwesenheit erklärend entschuldigte, fiel mir ein, daß ich geglaubt hatte, er sei mit den Uebrigen fort. Er habe auch Briefe von Wichtigkeit erhalten, sagte er, und sich deshalb der Partie nicht angeschlossen. Dann fragte er, da ihm mein verstörtes Wesen auffiel: »Schlechte Nachrichten?«
Ich hielt ihm schweigend meinen Brief hin, in dem ich mit dem Finger auf die Stelle deutete, an welcher er anfangen sollte zu lesen. Er setzte sich und las, ein-, zwei-, dreimal, dann sagte er ruhig: »Ich war nach den Aufschlüssen, welche mir der Freiherr gegeben hatte, hierauf vorbereitet; ihm scheint es, beiläufig, nie in den Sinn gekommen zu sein, daß hier ein Unrecht vorliege, und so peinlich es ist, kann ich doch nicht umhin, Ihnen zu sagen –«
»Daß Sie es auch nicht glauben«, unterbrach ich ihn. »O ja, ich weiß schon, weiß Alles, was Sie mir sagen können.«
»Das doch wohl nicht, Fräulein von Günthershofen«, entgegnete er mit unerschütterlicher Ruhe. »Deshalb erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Der Anschein ist allerdings nicht zu Ihren Gunsten. Was man in der Sache thun könnte, wäre etwa Folgendes. Wir müßten das Gerichtsverfahren von damals genau prüfen, auf die Voraussetzung hin, daß der Ausspruch ohne genügende Beweise gefällt worden sei; man müßte einem Formfehler nachspüren, dessen Dasein mir nicht ganz unwahrscheinlich vorkommt. Auf diesem Wege aber, wohl dem einzigen, der sich einschlagen ließe, finden sich Schwierigkeiten vor, welche mir unüberwindlich scheinen. Das Fürstenthum ist inzwischen mediatisirt, das oberste Gericht mit dem in W. verschmolzen worden; ob sich die Acten überhaupt wiederfinden würden, ist sehr fraglich, jedenfalls würden die nöthigen Nachforschungen mit großen Kosten verknüpft sein. Sie werden kaum einen Anwalt bewegen können, die Sache zu übernehmen, es müßte es denn ein Freund, der über viel Zeit verfügen kann, aus Liebhaberei thun. Mein wohlüberlegter Rath also ist, mein Fräulein, daß Sie den Gedanken an einen Proceß aufgeben.«
Er schwieg und ich auch; ich war in Nachdenken versunken. Ich dachte an meine Mutter, wie sie nun bis zu ihrem Ende arm bleiben würde, und auch an meine eigene, ziemlich trübe Zukunft. Ich ging die Erzählung der Mutter noch einmal durch, das Bild meines armen Vaters schwebte mir vor, wie er, gebrochen an Geist und Körper, dem Grabe zuwankte und ich sagte mir, daß er nun doch nicht gerächt werden würde. Dabei aber herrschte eine große Ruhe in mir, ich fühlte keine Bitterkeit, sondern nur Trauer; es mochte der Umschlag sein nach der fieberhaft aufgeregten Stimmung der letzten Wochen, daß ich eine Mattigkeit in mir spürte, welche es mir fast wie eine Wohlthat erscheinen ließ, nun ruhen zu müssen, nicht um unser Recht kämpfen zu können. Denn daß unser Recht unterdrückt worden, daran zweifelte ich auch jetzt nicht. Durch alle meine Gedanken aber tönten abgerissen die Worte in mir wieder, welche Forster vor einiger Zeit fallen gelassen: Der Haß ist eine schwere Bürde; sie klangen mir im Ohr, ohne daß ich darauf gehört oder darüber nachgedacht hätte. So hatten wir beide lange Zeit geschwiegen, bis Forster wieder anfing: »Wollen Sie mir folgen, Fräulein?«
»Für jetzt, ja«, antwortete ich ihm, »denn was kann ich thun? Ich bin arm, ich habe keine Freunde, ich sehe die Unmöglichkeit ein, zu handeln, und bin kein Kind, welches mit dem Kopf durch die Wand will.«
»Könnten sich dann nur, während dieses Waffenstillstandes, freundliche Beziehungen zwischen Ihnen und dem Freiherrn bilden«, fuhr er fort. »Ich weiß, bei gewöhnlichen Menschen wäre dies nicht möglich, aber Sie beide müßten sich, meine ich, über Manches hinwegzusetzen vermögen, was Andere beschränkt. Von Ihrer Meinung über den Charakter Ihres Verwandten sind Sie wohl in etwas zurückgekommen, und der Freiherr hat in Bezug auf Sie keine Vorurtheile zu überwinden.«
War es ein gewöhnlicher Widerspruchsgeist, der mich überkam, zugleich mit der Ueberzeugung, daß der Doctor vernünftig rede, oder hatte er, trotz seiner Vernünftigkeit, mein von den Vorwürfen, die ich mir hatte machen müssen, schmerzlich erregtes Selbstbewußtsein zu unsanft berührt, das wüßte ich jetzt nicht zu sagen, so viel weiß ich nur, daß ich ihn höchst unliebenswürdiger Weise fragte: »Sagen Sie dies im Auftrage des Herrn von Günthershofen?«
Forster sah mich erstaunt an. »Nein«, erwiderte er dann; »der Freiherr will Ihnen wohl, aber er hat mir keinerlei Aufträge an Sie gegeben.«
»Nun, so lassen Sie ihn von mir wissen, daß ich sein Wohlwollen nicht brauche«, rief ich trotzig, und Forster, den meine Unart empören mochte, empfahl sich nach wenigen gezwungenen Worten. Ich sah ihn auch den ganzen Tag nicht mehr, und jener Tag, den ich allein und einsam verbrachte, ganz meinen quälenden Gedanken hingegeben, ist einer der traurigsten meines Lebens gewesen.