Siebentes Kapitel.

Unser Aufenthalt in den schönen schottischen Bergen näherte sich seinem Ende. Ich war froh darüber, denn mir war er seit der Dazwischenkunft des Freiherrn ein peinlicher gewesen; ich fühlte das Vergnügen der Freiheit und Ungebundenheit nicht wie die Uebrigen, auf mir ruhte ein schwerer Zwang. Der Frau Gray war mein stilles Wesen aufgefallen; in ihrer mütterlichen Art drang sie in mich, ihr zu sagen, was mir fehle, und trotzdem oder eben weil ich mein vollständiges Wohlsein behauptete, kam sie zu dem Schluß, daß mein Gesundheitszustand kein guter sei, daß mir die Strapazen und Aufregungen einer Reise nicht bekämen, daß ich zu Hause einen Zuschuß zu den Ferien erhalten und mich recht ausruhen müßte. Ich ließ das Alles zuletzt über mich ergehen, weil widersprechen nichts half. Besonders peinlich war es jedoch, wenn sie mir ihre Sorgfalt zu Zeiten angedeihen ließ, wo wir alle zusammen waren; meine beiden Landsleute wußten ja, was mir eigentlich fehlte; ich wagte dann auch stets noch einige schwache Proteste gegen die mir zugetheilte Rolle einer Leidenden. Nach einer solchen Scene war es, wo der Freiherr sich, als wir vom Abendessen aufgestanden waren, zu mir gesellte; ich wußte, daß er am nächsten Morgen abreisen würde, und fühlte Erleichterung bei dem Gedanken daran. Durch Gespräche bei Tische hatte ich erfahren, daß er zunächst nach Norwegen sich wenden wollte, um dort zu fischen, wie er sagte, und dann endlich nach seinen Gütern zurückzukehren gedenke. Herr Bardolph fing die Unterhaltung an, indem er sich nach meinem Befinden erkundigte.

»Sie sehen nicht wohl aus«, sagte er etwas unsicher; »ich fürchte, ich habe Ihnen durch meine Anwesenheit die Ferienreise verdorben.«

Da diese Voraussetzung genau mit der Wahrheit übereinstimmte, konnte ich es nicht über mich gewinnen, sie abzuwehren, wie es die Höflichkeit erfordert hätte; ich suchte nach etwas Unverfänglichem, das ich antworten könnte, und weil mir damals die gewöhnlichen Phrasen nicht recht zur Hand waren, so entstand eine unangenehme Pause. Der Freiherr sprach zuerst wieder; er fragte mich, ob es mir recht sein würde, ein wenig mit ihm den Bergpfad hinaufzugehen, es sei das letzte Mal, daß er mich belästigen wolle. Ich schloß mich ihm schweigend an und wir gingen zusammen in den herrlichen, warmen Sommerabend hinein. Die Luft wehte so lau um uns her, die Bergkräuter dufteten so würzig, das Abendlicht von dem klaren Himmel herab war so mild, daß mir das Alles bis ans Herz drang; ich fühlte meinen Trotz gegen den Freiherrn schwinden, ich schämte mich der kindischen Waffe und beschloß, ihm, der sich stets gütig und einfach gegen mich benommen hatte, nun auch freundlich entgegen zu kommen. Wir stiegen eine Weile schweigend bergan; der Pfad war steil und ich wurde in der letzten Zeit wirklich leichter müde als sonst wohl; so blieb ich endlich stehen, um Athem zu schöpfen. Der Freiherr wandte sich zu mir.

»Ich habe bisher nicht gewagt, Ihnen den Arm zu bieten«, sagte er mit einem ernsten Lächeln; »ich fürchtete, Sie würden mich abweisen.«

»Warum sollte ich das«, entgegnete ich ihm und wollte unbefangen erscheinen und sprechen, aber die Rolle, die ich mir zugetheilt hatte, schien mir schwerer werden zu wollen, als ich geglaubt. Ich legte meinen Arm in den seinen und wir gingen weiter; da dachte ich plötzlich: Wenn mich die Mutter so sähe! und hätte mich am liebsten losgemacht und wäre fortgeeilt. An der Stelle, wo mich vor einiger Zeit Forster getroffen, hielten wir, die moosigen Sitze waren so einladend, die Stille und Geschütztheit des Plätzchens so lockend. Ich saß mit dem Rücken gegen das Thal, vor mir den weiten Himmel, an dem die Sterne zu erscheinen begannen, Herr Bardolph mir gegenüber im tiefen Schatten.

»Ich gehe morgen, wie Sie wissen werden«, hob er an, »und möchte vorher noch einmal auf die Angelegenheit, von welcher wir neulich sprachen und welche Sie so beschäftigt hat, zurückkommen. Durch Forster habe ich gehört, daß die gewünschte Auskunft von Frau von Günthershofen in Ihre Hände gelangt ist, auch daß Sie durch die Aufschlüsse Ihrer Frau Mutter bestimmt worden sind, den Gedanken an einen Rechtsstreit mit Ihren Verwandten aufzugeben. Sie zweifeln nicht an der Gerechtigkeit Ihrer Sache, aber die Schwierigkeiten sind Ihnen zu groß –«

»Ja, im Augenblick unüberwindlich«, schaltete ich ein.

Der Freiherr nickte. »Ich bedauere diese Hindernisse«, fuhr er fort, »und da mir wie Ihnen daran liegt, die Umstände des damaligen traurigen Processes aufgeklärt zu sehen, will ich mich nach meiner Rückkunft sofort zu unserm Familienarchiv wenden und suchen, ob ich dort irgendwelche Indicien finde, die zur Beleuchtung der Sache dienen können. Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß ich Ihnen auch dann sofort Nachricht von dem Erfolge zukommen lassen werde, wenn die entdeckten Aufschlüsse nicht zu unsern Gunsten sind.«

Der Freiherr hatte im Geschäftston, kalt und glatt, gesprochen, daher mochte es kommen, daß mir in jenem Augenblicke die Uneigennützigkeit, der Edelmuth seines Anerbietens nicht in dem Maße klar wurden wie später, als ich darüber nachdachte. Ich dankte ihm mit wenigen höflichen Worten – wir waren in ein ganz bequemes Fahrwasser der Geschäftlichkeit gerathen.