»Bitten möchte ich Sie aber zu glauben«, fuhr mein Begleiter fort, »daß ich bisher nie eine Ahnung davon gehabt habe, die Rechtmäßigkeit unseres Besitzes könne angezweifelt werden.«

»Sie wird es auch, glaube ich, nur von mir und meiner Mutter«, fühlte ich mich gedrungen zu bemerken; »vor der Welt sind Sie ganz im Rechte und uns hat man überhaupt auch vergessen.«

»Ich fürchte, Sie sagen die Wahrheit«, entgegnete er trübe. »Ich habe erst vor kurzer Zeit von den Umständen Ihrer Frau Mutter Kunde erhalten, bis dahin hatte ich nichts gewußt, als daß damals zwischen den verschiedenen Zweigen unserer Familie ein Bruch stattgefunden habe. Ich war zur Zeit des Processes bei einem Bruder meiner Mutter in Lievland, wo ich mehrere Jahre meiner Knabenzeit zugebracht habe. Als ich zurückkam, waren meine Aeltern nach Günthershofen gezogen; das Gut gefiel mir und ich fragte nicht viel, wer früher dort gewohnt habe.«

Der Freiherr war also, wie es schien, zu uns gekommen, sobald er von der Dürftigkeit seiner Verwandten gehört hatte, und wie konnten seine Absichten andere als wohlwollende gewesen sein? Warum hätte er sich sonst überhaupt um uns bekümmert? Gleichgültigkeit und Uebelwollen seinerseits hätten gewiß die Kluft bestehen lassen, welche sich zwischen den Verwandten und uns befand. Es wurde mir immer mehr klar, daß zu Feindseligkeit oder Mißtrauen gegen den Freiherrn absolut kein Grund vorhanden sei, ich war mir meines abstoßenden Wesens beim Zusammentreffen mit ihm jetzt schmerzlich bewußt und es drängte mich, dies auszusprechen. Ehe ich aber dazu den rechten Anfang fand, gab eine Aeußerung des Freiherrn unserm Gespräche eine ganz andere Wendung. Er schien den etwas peinlichen eigentlichen Gegenstand desselben als erledigt zu betrachten und fing in einem ganz andern Tone an, während wir uns auf den Heimweg machten:

»Sie haben einen guten Freund an Herrn Forster, mein Fräulein – kannten Sie denselben schon in Deutschland?«

Ich antwortete der Wahrheit gemäß und erzählte überhaupt von dem deutschen Juristen, was ich wußte; es war eine Wohlthat, sich einmal auf neutralem Gebiete bewegen zu können, ohne die Bitterkeit, welche aus dem Bewußtsein des nun einmal zwischen uns stehenden Unrechts entsprang. Der Freiherr hörte mir ruhig zu, während ich den Charakter, die Kenntnisse, das Benehmen Forster's rühmte; als ich endlich schwieg, sagte er leise: »Ihr Landsmann müßte in Ihren Augen noch ein ganz besonderes Verdienst haben – er liebt Sie.«

Ich blieb voller Erstaunen stehen und wartete auf einige erklärende Worte. Da mein Begleiter schwieg, schritt ich beklommen neben ihm her; ich konnte nichts Passendes zu antworten finden, bis er von neuem anhob:

»Nun, Fräulein von Günthershofen, haben Sie mir darauf nichts zu sagen? Ach, gewiß war Ihnen die Thatsache längst bekannt, da Sie eine junge Dame sind.«

»Nein«, rief ich nun lebhaft, froh, einen Anknüpfungspunkt gefunden zu haben, »nein, ich hatte keine Ahnung davon. Herr Forster ist mir immer als ein bloßer Bekannter mit der gewöhnlichen Höflichkeit und ziemlich zurückhaltend begegnet; nach unserer letzten Unterredung ist er sogar, wie ich glauben muß, unwillig von mir gegangen. Aber«, rief ich, plötzlich in eine meiner unglücklichen impulsiven Fragen ausbrechend, »wissen Sie, was Sie mir da mittheilen, gewiß? Und warum sagen Sie es mir überhaupt?«

»Ihre erste Frage ist leicht zu beantworten«, erwiderte Herr von Günthershofen. »Durch die Rechtsangelegenheit sind wir, wie Sie sich denken können, dahin geführt worden, über Ihre Umstände und über Sie selber zu reden; da ist mir Manches klar geworden. Ein Wort hat das andere gegeben und zuletzt hat mir Forster mit der ihm zu Zeiten eigenen, fast kindlichen Offenheit aus seinen Gefühlen kein Hehl gemacht. Sie können sich nur durch dieselben geehrt fühlen, Fräulein.«