Das war mir denn doch in dem Augenblicke zu viel. Vom Anfang an hatte die Eröffnung des Freiherrn einen vorzugsweise peinlichen Eindruck auf mich gemacht. War auch für Momente das Gefühl befriedigter Eitelkeit in mir aufgestiegen, dessen sich wohl selten ein Mädchen erwehren wird, wenn sie von dem Interesse oder gar der Liebe hört, die sie einem Manne einflößt, so war dies Gefühl doch gar schnell in den Hintergrund gedrängt worden durch die Aussicht auf den Zwang, welcher jetzt in den bisher so angenehmen Beziehungen zwischen dem Juristen und mir eintreten mußte. Hierzu nun gesellte sich der Gedanke, daß ich mit meinen Vorzügen und Fehlern das Gesprächsthema jener beiden gewesen sei, und das brachte mich vollends um allen Gleichmuth.
»Wer gibt Ihnen das Recht, so zu mir zu sprechen, Herr Freiherr?« fuhr ich heraus. »Ob ich mich geehrt fühle durch die mir sehr unerwartete Neigung des Herrn Forster oder nicht, das ist jedenfalls meine Sache. Sehr peinlich muß es mich aber berühren, daß dergleichen überhaupt zwischen Ihnen verhandelt worden ist; Herrn Forster kann es, wie mich dünkt, ebenfalls nur unangenehm sein, durch Sie mir mitgetheilt zu wissen, was ihm allein zu sagen zukommt, wenn es überhaupt gesagt werden soll.«
Das Gesicht des Freiherrn konnte ich in der tiefen Dämmerung kaum sehen, den Ausdruck desselben durchaus nicht erkennen; um so mehr überraschte mich seine Stimme, als er wieder sprach; sie klang dumpf, wie von unterdrückter Erregung.
»Ich habe keinen Vertrauensbruch begangen, als ich Ihnen von der sehr ernsten, innigen Neigung Forster's sprach und sie beim rechten Namen nannte. Eines Verstoßes mag ich mich freilich damit schuldig gemacht haben; ich weiß nicht, was in solchen interessanten Fällen die Etikette den Wissenden gebietet, ich bin unerfahren darin. Und so will ich, auf die Gefahr hin, weiter zu sündigen, noch eine Frage thun«, fuhr er, plötzlich in seinen leichten Ton übergehend, fort: »Fräulein von Günthershofen, erwidern Sie die Gefühle des Herrn Doctors?«
»Nein, durchaus nicht«, rief ich, ehe ich wußte, was ich sagte, ehe ich erwogen hatte, daß, wie er allerdings andeutete, diese Frage dem Freiherrn durchaus nicht zustand.
»Er ist nicht adlig«, sagte Herr von Günthershofen darauf, wie zur Antwort.
Allerdings, aber ich hatte noch nie darüber nachgedacht, ob ich mir als Gatten nur einen Ebenbürtigen wünschte, hatte überhaupt dem Gedanken an meine Verheirathung noch gar nicht nachgehangen und fand daher, wie mir das häufig ging, auf die Aeußerung des Freiherrn nicht gleich eine Antwort. »Ich weiß nicht, ob mich dieser Mangel bei Jemand abhalten würde, ihn zu lieben«, sagte ich endlich, nachdem ich mich besonnen hatte.
»Kind!« erwiderte der Freiherr hierauf, und das war Alles; ich hätte übrigens trotz der Dunkelheit darauf schwören mögen, daß er lächelte. »Kind!« Was konnte er mit der Aeußerung meinen? Sollte sie Tadel, Entschuldigung, Geringschätzung ausdrücken? Ich zerbrach mir vergebens den Kopf darüber. Uebrigens lag es in der Eigenthümlichkeit meines Strebens und meiner Wünsche zu jener Zeit, daß ich eine besondere Gefahr darin sah, für ein Kind, ein unerfahrenes, unreifes Mädchen gehalten zu werden; ich war daher äußerst empfindlich in dieser Beziehung und habe dem Freiherrn das Wort lange nicht verziehen.
Wir waren, zuletzt schweigend, in die Nähe des Hauses gelangt, meine Zöglinge eilten auf mich zu und nahmen mich in Beschlag und ich war froh, daß unser seltsames Gespräch sein Ende erreicht hatte. Forster sah ich an jenem Abend gar nicht mehr; auch das war mir lieb, ich gewann Zeit, mir mein Benehmen gegen ihn ein wenig vorzuzeichnen. Nicht umhin konnte ich, ein gewisses Wohlwollen gegen ihn zu hegen dafür, daß er mir seine Neigung geschenkt hatte, ich war ihm dankbar, ich achtete das Geschenk, wenn ich es auch nicht zu erwidern vermochte. Mir war das Alles so neu, mein Umgang mit Männern war bisher so beschränkt gewesen. Zum ersten Mal in meinem Leben blickte ich an jenem Abend mit Aufmerksamkeit in den Spiegel; mir kam es vor, als müsse ich neben den hellen, freundlichen, reizenden Gestalten meiner Zöglinge unendlich verlieren, um so mehr empfand ich mit einer Art Rührung die deutsche Anspruchslosigkeit meines gelehrten Landsmannes, welcher, unbeirrt durch den Glanz der fremden Blumen, sich so treu der schlichten Heimatpflanze zugewendet hatte. Ich beschloß mit ihm zu verkehren wie bisher; er würde, das wußte ich, mir die freundliche Gleichgültigkeit unserer Beziehungen nicht unmöglich machen.
Am nächsten Morgen verabschiedete sich der Freiherr. Ihm war ich dankbar dafür, daß er ging, zudem hatte ich über seine gestrigen Worte nachgedacht und fühlte ganz die Uneigennützigkeit, aus der sie hervorgegangen waren. So gestaltete sich unser letztes Zusammentreffen freundlicher als alle bisherigen. Ich wünschte Herrn Bardolph Glück auf die Reise und für den Fischfang, dankte ihm auch nochmals und fand sogar den Muth, mich zum ersten Male nach seiner in Deutschland lebenden Familie zu erkundigen. »Wie befindet sich Frau von Günthershofen«, fragte ich, »und wie erträgt sie Ihre lange Abwesenheit?«