»Meine Mutter? Ich hoffe, daß es ihr gut geht; sie ist leider dem Briefschreiben abgeneigt, und ich erhalte nicht oft directe Nachrichten von ihr.«

Seine Mutter, jene böse Frau, welche recht eigentlich an all unserm Unglück schuld war – nach der hatte ich nicht fragen wollen. »Ich meinte Ihre Frau Gemahlin«, sagte ich auch geradezu. Er sah mich erstaunt an und lächelte dann, indem er seinerseits fragte: »Haben Sie mich für verheirathet gehalten?«

»Ja, Herr Freiherr.«

»Ich bin es nicht; ich lebe, wenn ich in Deutschland verweile, bei meiner Mutter, welche nach des Vaters Tode auf Günthershofen geblieben ist. Ich bin bisher viel herumgereist und der Gedanke an einen eignen Hausstand ist mir noch selten gekommen. In der letzten Zeit freilich mehr als zuvor«, fügte er hinzu, indem er gedankenvoll auf die nicht ferne höchst anziehende Gruppe der Gray'schen Familie blickte, welche auch wirklich das Familienleben von seiner schönsten Seite darstellte.

Die Zeit seiner Abreise war nun herbeigekommen; das Pferd, welches er bis zur nächsten Eisenbahnstation benutzen wollte, wurde eben vorgeführt, wir gingen zu den Uebrigen zurück, die ihn alle umringten und von denen er sich aufs herzlichste verabschiedete. Ich war neugierig auf das Lebewohl zwischen meinen beiden Landsleuten und sah deshalb scharf hin, als der Freiherr sich dem Juristen näherte. Sie schüttelten sich die Hände, dabei sahen sie sich einen Moment lang ernsthaft in die Augen und der Freiherr nickte Forster leicht zu, wie in Bejahung einer Frage, die jener mit den Blicken gestellt hatte. Auch mir reichte der Freiherr mit wohlwollendem Ausdruck die Hand. »Leben Sie wohl, Fräulein Margarethe«, sagte er freundlich und dann ritt er davon.

Es entstand eine Lücke durch sein Fortgehen, das verhehlte sich keiner der Zurückbleibenden; alle bedauerten offen, daß man nicht länger hatte zusammenbleiben können, und freuten sich zugleich der angenehmen Bekanntschaft, auf deren Fortsetzung sie hofften, denn der Freiherr hatte für das nächste Jahr einen Besuch in Goldwell-House, dem Wohnsitze der Familie, in Aussicht gestellt. Auch ich, zu meiner eignen Verwunderung, vermißte den Freiherrn, dessen Abreise ich doch herbeigewünscht hatte; Niemand konnte sich ganz dem Einfluß seiner edlen, bedeutenden Persönlichkeit entziehen, ich hatte es, wie ich jetzt merkte, auch nicht gekonnt; die Ruhe und Sicherheit seines Benehmens verfehlten nie ein wohlthätiges Gefühl in seiner Nähe hervorzubringen, gegen welches ich mich freilich anfangs absichtlich verhärtet hatte. Ich dachte über seine letzten Worte nach und konnte nicht umhin, im Innersten die Frau für sehr glücklich zu halten, welcher es vergönnt wäre, an seiner Seite durch das Leben zu gehen. Begierig war ich darauf, wen er einmal wählen würde; ich hoffte mit seiner Gemahlin befreundet zu werden, ich wollte dann von dem Anerbieten der Freundschaft Gebrauch machen, welches er uns, meiner Mutter und mir, hatte zu Theil werden lassen. Während ich mich diesen Gedanken hingab, zwischen den Andern sitzend und ziemlich einsilbig an der Unterhaltung Theil nehmend, fielen mir plötzlich die jungen Grays ein in Verbindung mit der Aeußerung des Freiherrn, und bei diesem Gedanken zog sich mein Herz schmerzlich zusammen. Die reizende, jugendliche, flatterhafte Lucy, die ältere der beiden – denn von der fünfzehnjährigen Blanche konnte wohl kaum die Rede sein – als Gattin des ernsten deutschen Edelmanns – ich sagte mir, daß das ja gar nicht passe, daß es ganz unnatürlich sein würde, aber doch mußte ich mir wieder eingestehen, es sei nicht unmöglich, ja, je mehr ich darüber nachdachte und mir alle die kleinen Scenen, welche sich während des Hierseins des Freiherrn zugetragen hatten, im Geiste wiederholte, desto wahrscheinlicher kam es mir vor, daß er sich zu dem von ihm so himmelweit verschiedenen jungen Mädchen hingezogen gefühlt habe. Mit Vorliebe war er auf ihr heiteres Geplauder eingegangen, oft hatte er, wie mir jetzt einfiel, mit unverhohlener Bewunderung der schlanken, elastischen, jugendkräftigen Gestalt nachgeblickt, wenn sie auf unsern Ausflügen mit den Brüdern um die Wette uns übermüthig vorangeeilt war, noch öfter hatte er sich ihr vorsorglich angeschlossen, ihrer Wagehalsigkeit Einhalt gethan, sie beim Klettern gestützt und bewacht wie ein Kind. Ja, wie ein Kind, und so war sie mir auch dann immer vorgekommen; ich dachte damals nie anders, als daß er sie wie ein wildes Kind betrachte – war sie doch erst sechzehnjährig – aber jetzt, beim Zurückblicken, kam mir das Alles ganz anders vor. Und Lucy konnte auch zeigen, daß sie wußte, was sie wollte, daß sie einmal eine tüchtige, energische Frau abgeben würde; in ihr wohnte der fröhliche Muth des Glücks und der Gesundheit und ein heller Verstand. Und dazu – wie schön war sie! Wie eine Göttin der Jugend erschien sie mir oft, mit den lebensprühenden blauen Augen, dem kräftigen, prächtigen Blondhaar, den feinen, reizenden Zügen. Es wurde in der Familie stillschweigend, mit sorglichem Stolz anerkannt, daß Lucy eine Schönheit »zu werden versprach«; wer konnte so blind sein, nicht einzusehen, daß sie es längst sei! Und warum sollte ich mich nicht freuen, wenn sie die Gattin meines stattlichen Vetters wurde? Sie war freilich eine Ausländerin, und es gab in Deutschland hochgeborene Mädchen genug, die ihr nicht nachstanden an Schönheit und sie übertrafen an aristokratischem Aussehen und Wesen und denen ich, wie mich dünkte, die Herrschaft auf meinem Schlosse – so sagte ich mir in solchen Augenblicken mit doppelter Bitterkeit – lieber gegönnt hätte als der Fremden, dem Kinde. Aber wenn sie dem Freiherrn gefiel, wenn sie ihn glücklich machen konnte, und daß dies ihrer heitern, glücklichen Natur gelingen würde, bezweifelte ich nicht, so kam es mir zu, ohne Neid – Neid, das häßliche, gemeine Wort, ich zuckte davor zusammen und doch sagte ich mir dasselbe schonungslos vor – ja, ohne Neid die Verbindung der Beiden mit anzusehen. Ueberhaupt, wie hatte ich mich hinreißen lassen von meiner Frauenschwäche, über Heirathen zu speculiren; was ging es mich an, wenn der Freiherr eine Kaffernprinzessin heimführte nach Günthershofen! Was war er mir eigentlich, was war er mir noch vor wenigen Monaten gewesen? Nicht existirt hatte er für mich, dann hatte ich ihn kennen gelernt als den Sohn meiner Feinde, ihn mit Abneigung, mit Mißtrauen betrachtet, und nun, nun war ich ganz aus meinem gewöhnlichen Gleise herausgezogen worden durch den Zauber seiner Nähe – als vorsorgliche Base war ich eben gar daran, ihn mit einer Frau zu versorgen. Aber das sollte anders werden. Meine Sorge gehörte meiner Mutter, war doch sie zu stützen, zu hegen mein Lebenszweck. Auf einen Augenblick kam mir der Gedanke, ob ich nicht jetzt schon am besten zu ihr zurückkehre; gewiß trug sie die Einsamkeit schwer, wenn sie es mir auch nicht gestehen wollte, da sie mich glücklich glaubte. Die mancherlei Eindrücke und die Unruhe der nun folgenden Reise verhinderten mich für den Augenblick, meine künftigen Maßregeln durchzudenken; in Goldwell-House angekommen, fand ich einen mehrere Tage alten Brief an mich vor, welcher mir die Krankheit meiner Mutter meldete und mich aufforderte, schleunigst nach Hause zu kommen. Ich war wie vom Blitze getroffen; wie eine Strafe kam mir dies Ereigniß vor für die Gedanken und Pläne der letzten Wochen. Aber es hieß sich zusammenraffen. Ganz verstört theilte ich sogleich der Frau Gray den Inhalt des Briefes und meine Absicht, sofort abzureisen, mit. Sie sowie die ganze Familie bewiesen mir die lebhafteste Theilnahme. In wenigen Stunden war Alles mir Zugehörige gepackt; ein Jeder legte hülfreiche Hand an. Herr Gray hatte sich sogleich daran gemacht, aus den ihm zu Gebote stehenden Tabellen meine Reiseroute aufzustellen; er besaß eine große Virtuosität im Reisen und machte gern Andere auf die Kunstgriffe und Vortheile aufmerksam, die ihnen, wenn sie es nur richtig anfingen, zu gute kommen mußten. In meinem Falle, wo sich nur darum handelte, rasch an Ort und Stelle zu kommen, bewährte er sich mit seinen Ermittelungen vortrefflich, auch konnte er nicht unterlassen, mir, trotz meiner gedrückten Stimmung, allerlei Warnungen gegen Uebervortheilung und unnütze Ausgaben ans Herz zu legen. In seiner heitern, wohlwollenden Weise wußte er sich eigentlich mit denen, welche ein besonderer Kummer drückte, nicht wohl zurecht zu finden.

»Nur ruhig, liebes Kind«, sagte er zu mir, »nicht den Kopf verloren! Sie müssen sich nicht das Schlimmste denken; ich hoffe, wir sehen Sie in wenigen Wochen fröhlich wieder. Die Mädchen werden ja wohl ihre Ferien über die Zeit Ihrer Abwesenheit hinausdehnen, bleiben Sie also nicht zu lange, damit Sie in den Köpfen noch etwas von dem vorfinden, was Sie so gewissenhaft hineingebracht.«

Seine Gattin war mütterlich um mich beschäftigt, die Mädchen trieben sich mit verweinten Augen zwischen Koffern und Schachteln herum und thaten alle möglichen unnöthigen Handleistungen. John machte sich mit seinen kräftigen Muskeln beim Heben, Tragen und Zuschnüren der Koffer nützlich, seine treuherzigen Augen und der ungewohnte Ausdruck des Ernstes auf dem offenen, heitern Gesicht, welchen, wie ich fürchte, festzuhalten ihm schwer wurde, machten besondern Eindruck auf mich. Es ging endlich an das Abschiednehmen. Mir war schwer ums Herz. Ich habe mich in meinem Leben nie leicht der Hoffnung hingegeben; auch hier schien mir das Traurigste das Wahrscheinliche, ich fürchtete die lieben, guten Menschen nicht wiederzusehen. Forster erblickte ich unter all den herbeigeeilten Hausgenossen nicht, ich fragte nach ihm. »Wie, wissen Sie denn nicht?« hieß es da. »Er ist nach der Stadt voraus und erwartet Sie am Bahnhofe. Er will Sie ja nach dem Hafen begleiten.«

Das war eine große Freundlichkeit von ihm, da ich fast eine Tagereise und keine von den bequemsten bis nach L. vor mir hatte, wo ich spät am Nachmittage ankommen sollte und mich abends auf das Dampfschiff begeben mußte; ein Begleiter, der sich mancher Besorgung unterziehen würde, war eine Wohlthat für Jemand, dem der Kopf schmerzte und das Herz weh that.

Ich sagte nun traurig Lebewohl. Lucy schien besonders erregt; schluchzend hing sie an meinem Halse und küßte mich mit mehr Innigkeit, als ich sonst bei dem leichtlebigen Mädchen gewohnt war. Ist da wohl mein Vetter im Spiel? dachte ich und mußte trotz meiner trüben Stimmung in mich hineinlächeln; nicht unmöglich, daß sie einen Theil der Zuneigung, welche sie für den Freiherrn empfinden mochte, auf mich übertrug, dank der wenn auch entfernten verwandtschaftlichen Beziehung, in welcher ich zu ihm stand. »Gott erhalte Ihnen Ihre Mutter«, sagte Frau Gray leise, indem sie mich umarmte, »und lasse Sie froh zu uns zurückkehren.«