So schied ich. Während der anderthalb Stunden, welche ich im Wagen auf dem Wege nach der Station zubrachte, ließ ich, müde zurückgelehnt in die Kissen, die Ereignisse der letzten Monate an meinem Geiste vorübergehen. Sie waren bedeutsam gewesen, aber ich konnte in meinem Innern noch keinen rechten Abschluß zu denselben finden, obgleich mir der zurückgelegte Abschnitt in meinem Leben fertig vorkam wie ein Aufzug eines Dramas, nach welchem man mit einiger Spannung auf das in die Höhe Gehen des Vorhangs zu den folgenden harrt. Was mochte mich erwarten? Nur Trauriges, so schien es mir damals, konnte mir begegnen; mit einer Art bitterer Genugthuung über mein unbestreitbares Unglück quälte ich mich mit dem Gedanken, daß meine Mutter mir nun genommen werden würde, daß sie sterben würde in Armuth und Kummer um mich. Dann machte ich mir wieder Vorwürfe über dies »Schmerzbehagen« und suchte zu hoffen. So schwankte es in mir und ich fand keine Ruhe.
Ich näherte mich nun der Station; aus der Ferne hörte ich den Pfiff der Locomotive und dann, weiterhin, all den unerquicklichen Lärm eines Bahnhofs. Und jetzt fiel mir erst Forster ein, den ich ganz vergessen hatte, und ich fing an, mich vor der bevorstehenden Reise mit ihm ein wenig zu fürchten. Aber er war so gut und ehrenhaft, er konnte doch gewiß diese Gelegenheit nicht benutzen wollen zu einer Erklärung, vor welcher ich eine wahre Todesangst hatte.
Der Wagen hielt und nun kam er auch schon herzu und half mir heraus und gleich hatte ich Gelegenheit, die Vortheile seiner Begleitung zu empfinden. Er führte mich, ohne eine Wort über sein Mitgehen zu verlieren und als ob sich das Alles so von selbst verstände, sogleich zum Wartesaal, wo er mich zu verweilen bat, während er zurückging, das Gepäck besorgte und Billets nahm.
Wir fuhren dann zusammen fort; ich ergriff die erste Gelegenheit, um ihm zu danken; er erwiderte trübe: »Dies ist ja das Wenigste, was ich für Sie thun kann, und es geschieht gern, sehr gern.« Weiterhin wurde nur noch von gleichgültigen Dingen zwischen uns gesprochen und der Reisenachmittag verging ruhig, während sich Forster allein der Sorge um unser Weiterkommen unterzog. Wir langten mit der Dämmerung in L. an und durchfuhren, um nach der Rhede zu gelangen, die häßliche, lärmvolle Stadt von einem Ende zum andern. Mein Begleiter blickte düster aus dem Fenster des Wagens hinaus auf das wüste, unerquickliche Treiben; er dauerte mich von Herzen. »Sie haben Heimweh, Herr Forster«, redete ich ihn nach einem langen Schweigen an, um im nächsten Augenblick die schonungslose Aeußerung zu bereuen. Er drehte sich rasch um und sah mich mit großen, traurigen Augen an.
»Ja, bei Gott, ich habe Heimweh«, sagte er, als werde ihm das jetzt erst klar, »Heimweh wie ein Kind. Ich versichere Ihnen, ich sehne mich unbändig danach, die braune schmuzige Tapete in der Kinderstube zu Hause einmal wiederzusehen und das hölzerne Schaukelpferd mit den stieren Augen und der schwarzlackirten Mähne – es ißt bei der Mutter, welche es sehr liebt, das Gnadenbrod. Sie werden mich auslachen, aber auf Ehre – mag es Andern komisch vorkommen – weh thut es deshalb doch und unterdrücken und wegvernünfteln kann man es so wenig wie das Zahnweh.«
Ich fühlte keine Neigung zum Lachen, mir waren sogar die Thränen in die Augen gekommen bei seinen Worten. Warum mußte auch dieser gute, so warm und im besten Sinne kindlich fühlende Mensch sich einfallen lassen, ein politischer Verbrecher zu werden? Er hätte das Andern überlassen sollen.
»Haben Sie denn keine Aussicht auf Begnadigung?« fragte ich leise, nachdem ich meine Thränen hinuntergeschluckt hatte. Er verneinte.
»Und Sie wollen nicht in England sich eine Heimat gründen, wie so manche Ihrer Landsleute in ähnlichem Falle?« Er schüttelte mit dem Kopfe. »Sie hören es ja«, sagte er, »an welcher thörichten Schwäche ich laborire; ach, und das ist die thörichtste nicht!«
Er brach ab. Ich fühlte ein so tiefes Mitleid mit ihm, daß ich – mein eigener Kummer mochte mich weicher gestimmt haben als gewöhnlich – meine Thränen kaum zurückhalten konnte bei diesen halb unwilligen und spottenden und daher um so rührendern Klagen und nichts sehnlicher wünschte, als endlich allein zu sein, um ungestört weinen zu können.
Nachdem wir, auf der Werfte angelangt, meinen Platz auf dem Dampfboot gesichert und das Gepäck an Bord gesehen hatten, blieb noch fast eine Stunde bis zur Abfahrt des Schiffes. Forster bat um die Erlaubniß, während derselben bei mir bleiben zu dürfen, und wir gingen auf der überbauten Werfte in dem lauen Sommerabend auf und ab. Da sprachen wir nun von diesem und jenem, von den allergleichgültigsten Dingen und fühlten doch beide, daß etwas zwischen uns lag, um das wir absichtlich in großen Kreisen herumgingen, daß wir uns fürchteten, an die eigentliche Stimmung der Stunde zu rühren. Da schlug eine Uhr in der Nähe, es blieb uns nur noch eine Viertelstunde; Forster hatte abgebrochen, um die Glockenschläge zu zählen, er nahm auch das fallengelassene Thema nicht wieder auf. Ich merkte es nicht, ich dachte darüber nach, daß ich diesen Menschen, der mir doch nahe gestanden hatte, noch eine Viertelstunde und dann vielleicht nie mehr sehen würde. »Sonderbar«, sagte ich zu mir selber, »sonderbar und traurig!«