»Fräulein von Günthershofen«, sagte Forster plötzlich, »darf ich fragen, ob Sie, wenn Ihre Mutter sich wieder wohl befindet, zu der Familie Gray zurückkehren werden?«
Ich antwortete, daß ich davon nichts wisse, daß ich aber schon zuweilen gedacht, es wäre besser, wenn ich bei der Mutter bliebe. »Ich kann Stunden geben«, sagte ich gleichsam entschuldigend, »und bringe auch einige Ersparnisse mit.«
»Sie also werden in Deutschland sein und ich muß in England bleiben!« rief er schmerzlich und fuhr, als ich über den plötzlichen Ausbruch betroffen zu ihm aufsah, hastig fort: »Das überrascht Sie, Fräulein, ich kann es mir denken; Ort und Stunde sind gut gewählt, um Geständnisse zu machen, nicht wahr? Aber es mag nun drum sein – Sie mögen von mir, dem deutschen Bären, denken, was Sie wollen, ich will mir die Buße auferlegen, Ihnen hier zu gestehen, daß ich – daß ich – daß ich Sie unvernünftig liebe, Margarethe! Es ist schlecht von mir, Sie hier zu überrumpeln, hier, wo Sie mir nicht entrinnen, mir nicht die Thür weisen können, wie Sie es sonst wohl thäten, aber ich habe absichtlich so lange gewartet, um Sie nur eine Viertelstunde zu quälen; Sie werden mir zugestehen, daß ich mich bis jetzt zusammengenommen habe. Und ich will auch jetzt keine Antwort«, fuhr er fort, die Worte hastig herausstoßend, da ich in die Höhe blickte und sprechen wollte; er war unter dem Einfluß einer Erregung, die peinlich anzusehen war. »Still, ich kann Ihr Nein jetzt nicht ertragen, sagen Sie nichts als nur das Eine, Margarethe: sind Sie versagt, gehört Ihre Liebe einem Andern?«
Ich schüttelte mit dem Kopfe.
»Dann will ich ruhig warten. Gehen Sie, pflegen Sie Ihre kranke Mutter und nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß ein armes, trauriges Herz im Exil Ihr Bild in sich geschlossen hat wie ein Kleinod. Ich weiß, ich habe auf Ihre Zuneigung keinen Anspruch, bin ich Ihnen doch nicht einmal mit den äußern Zeichen von Aufmerksamkeit begegnet, die man in der Gesellschaft gewöhnlich für eine Dame hat. Ich wagte das nicht. Sie schienen mir so fern, so fremd, so kalt, vom ersten Tage an, wo Sie mit der griechischen Jungfrau um die Heimat klagten: »das Land der Griechen mit der Seele suchend« – ich werde den Ton Ihrer Stimme bei jenen Worten nie vergessen. Und dann später, als Sie mich um Rath fragten, als Sie in Ihrem kindlichen Sinn das Recht wollten um des Rechts willen und so wenig an den Besitz dachten, sogar bei den Ausbrüchen dessen, was Sie für Haß hielten, ach, wie verschieden war Ihr edles Aufglühen von dem niedrigen Haß der Bösen! Als ich Sie immer besser kennen lernte, da verlor ich mich selber immer mehr, und jetzt –«
Er schwieg endlich. In unaussprechlicher Beklommenheit blickte ich nach dem Schiffe, die Bewegung auf demselben deutete auf seine schleunige Abfahrt. Während wir nach der hölzernen Brücke zugingen, welche auf das Verdeck führte, sagte ich hastig, erregt durch die Kürze der Zeit und ohne meine Worte viel zu messen: »Herr Doctor, ich danke Ihnen für Ihre Neigung, sie ist mir nicht gleichgültig; mehr verlangen Sie jetzt nicht. Leben Sie wohl, Gott segne Sie und lasse Sie bald die Heimat wiedersehen.«
Erschüttert beugte er sich tief über meine Hand, welche ich ihm hingereicht hatte. Unsere Zeit war um, die Schiffsleute näherten sich der Brücke, auf welcher wir uns befanden, um sie in die Höhe zu ziehen – wir schieden. Er eilte fort; ich stand, während sich das Schiff schwerfällig in Bewegung setzte, auf dem Verdeck und schaute ihm nach und wünschte ihm von ganzem Herzen Friede, Freude und alles Gute, was er verdiente. Stundenlang noch, während das Schiff in ruhiger Bewegung den dunkeln Fluß hinabfuhr, blieb ich, auf die Brüstung gelehnt, stehen oder ging auf und ab und blickte zu den Sternen in die Höhe, die ich nun bald über den Wipfeln der heimischen Bäume sehen sollte, und in die Gedanken an meine Mutter und die heiße Sehnsucht nach ihr tönten doch immer die seltsamen Worte, welcher Forster zu mir gesprochen hatte.
Die weitere Reise verlief ruhig und rasch; am Abend des folgenden Tages saß ich am Bette der Mutter.
Achtes Kapitel.
Sie war sehr krank. Ein heftiges Fieber hatte sich zu einem anfangs leichten Unwohlsein gesellt, der Arzt empfahl dringend die allergrößte Ruhe um sie her. Ich war von ihm sorgfältig angemeldet worden, sodaß meine Gegenwart die Mutter nicht überraschte, doch sah sie mich, als sie mich zuerst erblickte, verwirrt an; ich gewahrte, daß sie sich zu sammeln und sich mein Kommen klar zu machen suchte. Ich sollte keine Gemüthsbewegung verrathen, hatte der Arzt dictirt, aber als ich ihre lieben Augen mit so fremdem Blick auf mich gerichtet sah, konnte ich meine Thränen nicht zurückhalten. Um sie zu verbergen, kniete ich am Bett nieder und senkte den Kopf in die Kissen; mir war in dem Augenblicke zu Muth, als sei ich schon jetzt allein in der Welt, als gehöre ich zu Niemand mehr und Niemand zu mir, als habe sich die Mutter während meines Fortseins von mir abgewendet, ganz ihren Todten zu. Ihre Stimme aber löste den Bann.