»Du bist es, liebe Margarethe«, sagte sie schwach; »ich dachte – ich wußte nicht – ich dachte, ich sei es selber, mein Jugendbild sei es, welches mir ankündigen wollte, daß ich nun gehen müsse. Aber Du bist es, das ist gut.«

Sie schwieg und schloß die Augen; der Arzt, welcher zugegen gewesen war, nickte zufrieden. »Gut«, sagte er, »und nun, mein Fräulein, seien Sie am Platze!« Damit gab er mir einige Anordnungen für die Nacht. Die Nacht kam und verging, ebenso die folgende, ohne daß sich im Zustand meiner Mutter eine merkliche Veränderung gezeigt hätte; sie lag still und verrieth keine Theilnahme an dem, was um sie vorging. Ich saß meist an ihrem Bette; trotz aller Ermüdung der Reise schlief ich wenig, und in den Stunden der kurzen Rast ließen mich die seltsamsten Träume nicht eigentlich ruhen; alle die Verstorbenen der Familie schienen sich das Wort gegeben zu haben, mich heimzusuchen, um sich selbst untereinander und mit den Lebenden zu vermischen. Und das Wachen war kaum weniger ein Traum: die Pflege der Mutter erheischte nur einfache Dienstleistungen; die Pünktlichkeit und die Ruhe, womit dieselben zu verrichten waren, mußten besonders mein Augenmerk sein. Und wenn ich so mit einer einfachen Arbeit oder häufig mit müßigen Händen in dem großen Lehnstuhl der Mutter an ihrem Lager saß, wenn das Licht nur gedämpft durch die Vorhänge drang und mit ihm die milde Herbstluft durch das oben leichtgeöffnete Fenster, dann mußte ich mich oft zusammennehmen, um mir bewußt zu bleiben, daß ich wache und daß Alles Wirklichkeit sei. Die Sorge war verschwunden, die Aufmerksamkeit auf das Befinden meiner Kranken, auf das kleinste Symptom des Leidens oder der Besserung schloß den Gedanken an ihren möglichen Tod ganz aus: sie war krank – weiter dachte ich nicht. Mein Leben in den letzten Monaten schien weit hinter mir zu liegen, wie eine bunte Ferne; die Erklärung Forster's hatte, wie eine glänzende Lufterscheinung zuweilen thut, welche zu schnell wieder verschwindet, alle Kraft der Wirklichkeit verloren, ich glaubte kaum, daß ich sie erlebt. Und nun gar mein Streben nach Wiedererlangung unseres Erbgutes, meine bestimmten Pläne, mein Dichten und Trachten nach Genugthuung erschienen mir wie ein Märchen, Schloß Günthershofen wie ein Feenpalast der Tausend und eine Nacht.

Noch einige Tage des Wachens und der sorgsamsten Pflege, und die Mutter war außer Gefahr, einer Gefahr, deren Größe ich jetzt erst erfuhr; die Fiebernebel wichen von ihren Augen und sie schaute mich mit Bewußtsein an. Nun erst begrüßte sie mich auf das liebevollste; sie fragte mit sanfter, leiser Stimme und wurde nicht müde, mir zuzuhören; wenn ich durch das Zimmer ging, folgte sie mir mit den Blicken, sie schien sich über mein Aussehen zu freuen. Ich erzählte ihr meine Erlebnisse in England aufs genaueste; auch von Forster sprach ich und in einer stillen Abendstunde deutete ich der Mutter an, was zwischen uns vorgefallen war. Sie begnügte sich mit den wenigen Worten, die ich darüber sagte, da sie merken konnte, daß ich sein Werben nicht ermuthigt hatte; mir schien es, als sei sie froh über diesen Ausgang der Sache.

Die Mutter erholte sich nur langsam; an ein Wiederfortgehen meinerseits war nicht zu denken, da ihr eine große Schwäche zurückgeblieben war und ich sie kaum auf Augenblicke verlassen mochte. So kam ein stiller Winter heran, dessen ich mich jetzt als fast der eigenthümlichsten Zeit meines Lebens erinnere, der es an einem eigenen, traumhaften Reize nicht gebrach. Der Schnee fiel früh und ungewöhnlich tief; wochenlang leuchtete die seltsame Helle desselben in unsere kleinen Fenster hinein. Und still, wie es draußen war, da die Schuljugend des Städtchens ihre Schneeballkämpfe meist weit von unserm abgelegenen Hause ausfocht, so still war es drinnen bei uns. Die Mutter bevölkerte diese Einsamkeit für mich mit mannichfachen Gestalten; das Eis war gebrochen, welches früher ihre Vergangenheit gleichsam umstarrt hatte; sie sprach jetzt von ihrer Kindheit, ihrem Hofleben und ihrer Ehe und ich versenkte mich mit ganzer Seele in die Zeiten, welche sie heraufbeschwor. Das Haus verließ ich selten und nur wenn mich die Mutter gewissermaßen dazu zwang. »Du siehst bleich aus, Margarethe, und Deine Augen werden immer größer«, sagte sie einmal; »Du wirst zu ernsthaft; eine alte, weltmüde Frau taugt nicht als einziger Umgang für ein junges Mädchen. Geh zu Pfarrers, zu Amtmanns; die Kinder dort musiciren und tanzen zusammen und sehen frisch und vergnügt aus.«

Ich bat die Mutter flehentlich, mich nicht unter die Leute zu schicken; ich sei tausendmal glücklicher und zufriedener zu Hause bei ihr; sie wisse ja, daß ich als Kind schon nicht mit den andern gespielt habe. Sie schüttelte den Kopf und meinte: »Es ist unnatürlich; ich bereue jetzt, Dich früher von den Mädchen Deines Alters hier fern gehalten zu haben, sodaß Du jetzt ihrem Umgang keinen Geschmack abgewinnen kannst. Sie sagten mir freilich damals wenig zu, aber eine oder die andere war doch wohl darunter, die Dir eine liebe Freundin hätte werden können.«

Ich wunderte mich, als ich die Mutter so sprechen hörte, noch mehr aber, da sie fortfuhr: »Es geht mir ans Herz, Kind, daß Du bei einer alten Frau, in einem Landstädtchen verkümmern mußt. Du gehörst in die große Welt; Deine unter Mangel und Kummer verlebte Jugend hat Dir doch das nicht nehmen können, was Dich vor hundert andern auszeichnen würde; ja, mein Kind, Du siehst aus wie eine geborene Freifrau von Günthershofen.«

Ein Todesschreck durchfuhr mich bei den letzten Worten. »Liebe Mutter, was willst Du?« fragte ich verwirrt. Sie beachtete meinen Einwurf nicht. »Du wirst Dich wahrscheinlich nicht verheirathen«, fuhr sie fort, »und das thut mir ebenfalls weh; ich wünsche zwar nicht, daß Du die Gattin eines Bürgerlichen würdest, und auch dazu wirst Du wohl kaum Gelegenheit finden, aber –«

»Aber, liebe Mutter, das thut nichts«, fiel ich ein. »Ich versichere Dir, ich möchte nie anders leben, als wir es jetzt thun, ich kann mir keinen behaglichern, wünschenswerthern Zustand denken und bin ganz zufrieden.«

Die Mutter schüttelte den Kopf, aber sie schwieg; zuweilen bemerkte ich, wie ihre Augen mit Sorge auf mir ruhten, sie mochte an die Zeit denken, wo sie nicht mehr da sein würde. Ich aber lebte nur in der Gegenwart oder vielmehr in der Vergangenheit, welche in dieser stillen Zeit so mächtig über mich geworden war, ich war froh, wenn nichts mich von meinen Träumereien abzog.

Einige Monate mochten nach meiner Rückkehr verflossen sein, als eines Tages die Mutter einen Brief von einem alten Rechtsfreunde erhielt, der mit meinem Vater in Verbindung gestanden hatte. Derselbe theilte ihr mit, es habe sich Jemand bei ihm nach dem jetzigen Aufenthaltsort der Frau von Günthershofen-Erbrück erkundigt, da er eine schon sehr alte Schuld zu tilgen wünsche, wozu ihn seine Verhältnisse erst jetzt ermächtigten. Namen und Wohnort des Mannes waren genannt, ich habe beide vergessen; sie waren damals der Mutter und mir gleich unbekannt. Der letztern fiel die Sache nicht auf, da sie wußte, daß mein Vater durch seine weitläufige Oekonomie in Verbindung mit Landwirthen und Kaufleuten gestanden und manchem wesentliche Dienste geleistet hatte. Der alte Advocat theilte uns ferner mit, daß wir nach Erfüllung einiger Förmlichkeiten das Geld, eine ziemlich bedeutende Summe, in Empfang nehmen könnten, und so traf es denn binnen kurzer Zeit auch ein, mir besonders hoch willkommen, da nun so manches zur Pflege der Mutter Dienliche bequem bestritten werden konnte. Sogar ein Badeaufenthalt für den Sommer wurde geplant und wir sahen dem kommenden Frühling ruhig und friedlich entgegen.