Obgleich in unsern traulichen Plaudereien eine ferne Vergangenheit das Hauptthema bildete, hatte meine Mutter des verhängnißvollen Processes mit keinem Worte wieder gedacht und auch ich hatte über meine Versuche, meine Unterredungen mit Forster, erst wegen der Schwäche der Mutter, später, weil ich sie dadurch zu verstimmen fürchtete, geschwiegen; der Name des Herrn Bardolph war nicht einmal zwischen uns genannt worden. Die Ruhe aber, die wir so gern um uns erhielten und in der wir alles Störende fern zu halten suchten, sollte gar bald unterbrochen werden.

Es war an einem der lauen Tage, wo die Frühlingssonne mit stetiger Milde die schneegetränkte Erde erwärmt. Ich kam von einem kleinen Gange durch die noch braunen Felder zurück, einige grüne Blättchen und frische Halme in der Hand, als Boten an die Mutter von dem Frühling, der nun wirklich da war; den eigenen Geruch der erneuten Erde hatte ich mit Entzücken eingesogen, hatte mir eben gesagt, daß man von der Erde eigentlich kein anderes Glück brauche als das Genießen ihrer Erscheinungen in den verschiedenen Zeiten des Jahres, das köstlich frische Wiedererwachen im Frühling, die Fülle des Lebens, die Macht der Sonne im Sommer, die Klarheit, die Milde, den Früchtesegen eines schönen Herbstes und die heimliche Ruhe im Winter – da sollte ich mich bald überzeugen, wie das Menschenleben uns doch so leicht nicht losläßt, an wie vielfachen Fäden es uns hält. Da stand das Schicksal an der Thür, in Gestalt des Postboten freilich nur, und ich hielt einen Brief in der Hand, an Fräulein von Günthershofen gerichtet. Ich kannte die Schrift der Adresse nicht; wer mochte an mich schreiben außer den englischen Freunden, von denen der Brief augenscheinlich nicht kam? Eine Vermuthung, die ich sogleich als toll verwarf, zurückdrängend, trat ich in das Gärtchen am Hause, in die kahle Laube, und riß das Couvert auseinander. Ja, doch – es wahr wirklich wahr! Das Schreiben begann mit »Liebe Cousine!« und war unterschrieben: »Bardolph von Günthershofen.« Er wollte mir also sagen, daß er keine Indicien gefunden, daß Alles beim Alten sei und bleiben werde. Ich hielt inne, nachdem ich die ersten Worte gelesen, mein Herz klopfte stürmisch – wo war die Ruhe hin, in welche ich mich seit Monaten hineingelebt? Nein, ich wollte nicht zittern vor irgend etwas, das mir noch begegnen konnte, und hier, was fürchtete ich eigentlich? Hatte ich nicht alle Hoffnung längst aufgegeben? Lag nicht auch der Mutter jeder Gedanke an eine Aenderung in unserm Schicksal fern? Wie konnte mich also eine neue Bestätigung des längst Gewußten erregen? Nachdem ich mich beruhigt zu haben glaubte, las ich den Brief und las ihn wieder und wieder und rieb mir die Augen, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träume. Dann ging ich hinauf zur Mutter, zeigte ihr meine grünen Blättchen, plauderte mit ihr, las ihr vor und fuhr nur von Zeit zu Zeit mit der Hand über die Stirn, weil mir war, als umziehe sie ein Nebelgebilde. Nachdem die Mutter zur Ruhe gegangen, setzte ich mich aufs Sopha, zog die Lampe dicht vor mich und nahm den Brief aus der Tasche; aber nein, so fiel das Licht zu grell auf denselben, ich stand wieder auf und holte einen Schirm, schob die Lampe fort und legte das Blatt so beschattet vor mich hin. Da fiel mir ein, die Magd könnte mich stören; ich erhob mich von neuem und verriegelte die Thür, dann setzte ich mich, bezwang meine fiebernde Unruhe und las. Der seltsame Brief lautete folgendermaßen:

  »Liebe Cousine!

Als wir uns in Schottland trafen, versprach ich Ihnen, nach meiner Rückkehr auf Schloß Günthershofen eine genaue Nachforschung mit Bezug auf irgendwelche Papiere anzustellen, die mit dem Rechtsstreit zwischen unsern Familien in Verbindung ständen, und Ihnen so bald als möglich von meinem Erfolge zu berichten. Diesem Versprechen komme ich hiermit nach. Ich begab mich, sobald ich mich zu Hause oder vielmehr in Günthershofen eingerichtet hatte, an jedem Morgen nach dem Bibliothekzimmer, welches wir, da es alle unsere Familie angehenden Papiere enthält, das Archiv nennen. Hier unterzog ich Alles der genauesten Durchsicht. Ich fand die verschiedenen Urkunden, Bescheinigungen, Erlasse, Correspondenzen alle in guter Ordnung; jedes einzelne Document ging durch meine Hände. Nachdem ich sie alle vergebens durchsucht, wendete ich mich zu den alten Schränken selber, in welchen sie enthalten gewesen, da ich Grund hatte, ein geheimes Fach zu vermuthen; ich ging dann die Bibliothek durch, durchblätterte ein jedes Buch, aber ebenfalls ohne zu finden, was ich suchte. Ihnen muß ich es gestehen, mit der Erfolglosigkeit meiner Bemühungen wurde das Mißtrauen gegen unsere Sache in mir rege. Es war auffallend, daß sich von einem langen Rechtsstreit kein einziges Document, daß sich unter den Quittungen nicht die Kostenberechnung eines Advocaten, noch mehr, daß sich unter den Briefen, die ich alle durchging, kein einziger fand, in dem ein Wort über jene Vorfälle zu lesen gewesen wäre; ich fing an, eine Vernichtung gewisser Papiere zu argwöhnen. Wie die Sache sich aber auch verhielt und wie sehr ich meinet- und Ihrethalben eine Aufklärung gewünscht hätte, ich hatte kein Recht, die Ehre meiner Aeltern Ihnen gegenüber bloßzustellen, indem ich meinem Argwohn Worte gab, und so verschob ich es von Tag zu Tag, Ihnen das unbefriedigende Resultat mitzutheilen.

Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich so ganz ohne meine Mutter handelte, doch liegt die Erklärung nahe. War sie nun so fest überzeugt von der Rechtlichkeit unserer Ansprüche wie ich es gewesen war, oder war sie Mitwisserin eines schlimmen Geheimnisses, im einen wie im andern Falle würde sie meine Zweifel als abenteuerliche Ideen verworfen haben. Ich nahm mir jedoch vor, mir von ihr die ganze Sache noch einmal erzählen zu lassen. Den günstigen Augenblick dazu glaubte ich gekommen, als ich mich eines Abends in ihren Zimmern befand; ich stellte einige Fragen, unser Gespräch wurde aber plötzlich durch ein heftiges Unwohlsein meiner Mutter unterbrochen. Die Kammerjungfer eilte in das Nebenzimmer, um aus einer Schatulle der Mutter die Tropfen zu holen, deren sie sich in solchen Fällen bedient; das Mädchen konnte das Fach nicht öffnen, ich eilte ihr zu Hülfe und da hatten wir das Unglück, die Schatulle umzuwerfen. Dadurch war eine in das Holz fest eingefügte Klappe aufgesprungen und verschiedene Paquete mit Papieren zum Vorschein gekommen – ein eigenthümlicher Zufall, nicht wahr, mein Fräulein? Ein Blick auf eins derselben erfüllte mich mit solchem Interesse, daß ich meiner Mutter, sobald dieselbe einigermaßen wieder zu sich gekommen war, meine Absicht zu erkennen gab, die Sachen auf meinem Zimmer einer genauen Durchsicht zu unterwerfen. Ich will Sie mit weitern Einzelnheiten verschonen, mein Fräulein, und erlaube mir nur noch, Ihnen mitzutheilen, daß Ihre Frau Mutter die rechtmäßige Besitzerin von Günthershofen und Erbrück, meine Familie und ich aber Betrüger sind. Da ich jedoch diesen Charakter bisher ohne mein Wissen, ohne meine Schuld getragen und nicht jetzt als Erbtitel von meinem Vater mit Wissen und Willen überkommen möchte, so verzichte ich meinerseits vollständig auf den Nießbrauch der Ihnen zugehörigen Güter und habe auch meinen Entschluß meiner Mutter und den Herren von Erbrück zu wissen gethan. Bei ihnen nun finde ich dieselbe Bereitwilligkeit, sich des ungerechten Gutes zu entledigen, nicht vor, wie ja auch zu erwarten stand; sie wollen den Preis eines unter der Ehrlosigkeit zugebrachten Lebens nicht leichten Kaufs hergeben. Ihrer Frau Mutter, mein Fräulein, rathe ich aber nun dringend den Rechtsweg an; ausgerüstet mit den Papieren, welche ich gefunden und die ich Ihnen selbst überbringen werde, ist der Erfolg nicht zu bezweifeln. Es wäre jedoch auch möglich, daß Ihre Frau Mutter einen Vergleich wünschte, zu dem sich meine Mutter und die von Erbrück im Bewußtsein der Unhaltbarkeit ihrer Sache gewiß herbeilassen werden, sobald sie sehen, daß es mir mit der Ueberlieferung der Papiere an Sie Ernst ist; sie scheinen es bis jetzt noch nicht zu glauben. – Was ich bei all diesen Vorgängen fühle, mein Fräulein, brauche ich wohl nicht auszudrücken, meine Handlungsweise mag für mich Zeugniß ablegen. Versichern Sie Ihre edle Mutter meiner tiefsten Ehrerbietung, welche sie aber, wie ich leider fürchten muß, als von dem Mitglied einer ruchlosen und ihr verhaßten Familie kommend, mit Verachtung von sich weisen wird. Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich Sie am Anfang des Briefes meine Cousine genannt habe; ich hätte eine ohnedies sehr entfernte Verwandtschaft im Augenblicke solcher Enthüllungen nicht betonen sollen.«

So schrieb der Freiherr. Es wäre vergeblich, schildern zu wollen, was ich bei diesen Aufschlüssen empfand; soviel nur ist mir noch jetzt klar, daß ich die Tragweite derselben in Bezug auf uns, die Veränderung, die uns bevorstand, nicht fassen konnte und wenig bedachte; ich beschäftigte mich vorzugsweise mit der Handlungsweise des Freiherrn, seinem Opfer, seinem Zustande dabei. Süße Thränen weinte ich darüber, daß ein Mensch so großartig uneigennützig denken und handeln konnte; daß dieser Mensch jetzt lebte, daß ich ihn kannte, daß das Alles nicht eine kalte That der Vergangenheit, ein Vorfall aus Büchern, sondern Wirklichkeit war, entzückte mich.

Die Lampe war trübe geworden; ich schloß die Augen, ein jedes Wort des Briefes war meinem Gedächtniß gegenwärtig, ich sah sogar die Schriftzüge im Geiste vor mir. Wie schnitt mir der herbe Ton der letzten Worte ins Herz, wie jammerte mich der stolze Edelmann, an dem jetzt das Gefühl der Schande nagte, welcher er sein Haupt beugte. Ich kannte ihn, so sehr ich mich bemüht hatte, ihn zu verkennen, ich wußte, wie ihn die Entdeckung niedergeschmettert haben mußte. Und was ließ sich Alles zwischen den Zeilen lesen, welche widerliche Scenen mit der Mutter, mit dem bösen, herzlosen Weibe mochten stattgefunden, welcher Festigkeit mochte er bedurft haben, um seine Absicht aufrecht zu erhalten. Aber was sollte nun geschehen? Jetzt erst dachte ich an die nächsten Maßregeln, dachte ich mir aus, wie ich der Mutter morgen vorbereitend mein Zusammentreffen mit dem Freiherrn erzählen oder vielmehr gestehen wollte und ich mußte fürchten, die bisherige Verheimlichung desselben würde sie schmerzen. Die Nacht, während welcher kein Schlaf in meine Augen kam, wollte nicht enden; ich sehnte den Morgen herbei, vor dem ich doch zitterte, und sagte mir hundertmal die Worte vor, mit denen ich mein Geständniß bei der Mutter beginnen wollte.

Neuntes Kapitel.

Die Mutter wußte nun Alles. Ich hatte ihr alle meine innern und äußern Erlebnisse in England dargelegt, sie hatte gesehen, wie durch ihre Erzählung der Funken geworfen worden war, welcher jetzt zur Flamme neuen bittern Streites sich entfachen sollte, sie konnte mir, da sie die ganze Wahrheit erfuhr, nicht zürnen. Dann hatte ich ihr, als eine Folge des vom Freiherrn gegebenen Versprechens, seinen Brief vorgelegt. Derselbe machte weniger Eindruck auf sie, als ich erwartet hatte; sie schien kaum zu glauben, daß eine günstige Wendung der Dinge jetzt noch eintreten könnte, schien die ganze Sachlage kaum zu begreifen.

»Das wäre er zu thun fähig, der Sohn des elendesten der Menschen und eines feilen Weibes? Er wäre so ganz aus der Art geschlagen, daß er seine betrügerische Sippschaft selber an den Pranger stellen wollte, ohne Aussicht auf Gewinn, ja mit bedeutendem Verluste auch für sich? Und wäre er's – soll ich mein Eigenthum gleichsam als ein Geschenk annehmen, welches ich seiner Großmuth verdanke? – Nein, Margarethe, ich vermag dies Alles nicht zu fassen«, sagte sie dann wieder. »Wie hätte er gegen seine Mutter aufkommen können, wie will er es noch? Wie eine Tigerin den Raub, wird sie Alles festhalten wollen, was ihr den Besitz sichern kann. Und was sind es für Documente, die er gefunden? Werden sie vor Gericht genügen, um das ganze, niederträchtige Gewebe von Fälschungen aufdecken zu können? Es muß eine Correspondenz zwischen dem alten Freiherrn und seinen vertrautesten Helfershelfern sein, und warum wäre die nicht sogleich vernichtet worden? Ist es denkbar, daß Jemand die schlagendsten Beweise einer entehrenden Schuld sorgfältig aufbewahrt für seine Ankläger? Nein, Kind, der Brief kommt mir wie ein Blendwerk oder wie eine grausame Spielerei vor.«