So erging sich die Mutter in Zweifeln und Fragen, die immer mehr zu bittern Anklagen gegen die Familie des Freiherrn wurden. Ich stellte ihr vergebens meine Ansichten, meine Auslegungen und Erklärungen entgegen, und was konnte ich auch sagen? Ich konnte den Stand der Dinge nur aus einer Quelle, aus der fremdartigen Hochherzigkeit unseres Verwandten herleiten, und zu meinem Glauben schüttelte die Mutter bitter den Kopf; sie war alt und kummergehärtet, sie hoffte und glaubte nicht leicht mehr.

»Aber was soll geschehen, liebe Mutter?« fragte ich endlich. »Das ist doch immerhin eine Art Geschäftsbrief, welcher wenigstens eine Antwort erfordert.«

»Schreibe Du«, entgegnete sie; »danke ihm für seine Handlungsweise, wenn Du willst, sage aber auch, wie sehr ich über dieselbe betroffen gewesen, und bitte um nähere Auseinandersetzung. Was es für Papiere sind, die er gefunden hat, möchte ich wissen, ehe ich mich zu weitern Schritten entschließe.«

Ich schrieb und las der Mutter meine Antwort vor. »Nein, Margarethe«, rief sie, »zerreiße das! Welcher Ton der unbegrenzten Dankbarkeit! Was fällt Dir ein, Kind? Will er wirklich wieder gut machen, was seine Aeltern verbrochen, nun, was thut er da mehr, als was jeder Ehrenmann an seiner Stelle thun würde? Erzeigt er uns etwa eine Wohlthat? Sind wir Bettler, die er unverdient beschenkt? Nein, meine Tochter, Du bist noch zu jung, um die Welt zu verstehen; ich hoffe wenigstens, daß er Deiner Jugend zuzuschreiben ist, dieser Mangel, den Du noch oft zeigst, an dem, was den Adel auszeichnen sollte und auszuzeichnen pflegte, die innere und äußere Ruhe gegenüber selbst dem Unerwarteten, das kühle Herankommenlassen der Dinge, der durch Leidenschaft unbeirrte Blick!«

War er der guten Mutter wohl geblieben, dieser durch Haß wie durch Liebe, durch Furcht wie durch Dankbarkeit unbeirrte Blick? So dachte ich, zum ersten Mal in meinem Leben mich innerlich gegen meine treuste Freundin auflehnend. Sie sah mir an, daß ich bei mir selbst widersprach, und mit einem flüchtigen Lächeln sagte sie in einem leichten Tone, der aber keinen Widerspruch mehr aufkommen ließ, wie sie ihn zuweilen annehmen konnte:

»Komm, ma fille, schreibe, ich will dictiren.«

»In Deinem Namen, liebe Mutter?« fragte ich scheu.

»Ja, wenn Du nicht für meine Worte einstehen magst, schreibe nur meinen Namen darunter.«

So schrieb ich denn eine kühle, geschäftlich klingende Antwort auf den Brief des Freiherrn, in welcher die Mutter mit wenigen Worten ihre Verpflichtung gegen ihn anerkannte, falls er wirklich gesonnen sei, das Unrecht, welches seine Verwandten begangen, wieder gut zu machen, aber auch nicht verfehlte, ihre, wie mich dünkte, beleidigende Verwunderung über seinen Entschluß zu betonen, und dann um genauere Auskunft über den Fund bat.

Ich konnte das Schreiben nicht so gehen lassen. Heimlich verschaffte ich mir Gelegenheit, ein paar Worte hinzuzufügen. »Verzeihen Sie meiner Mutter ihre Kälte«, schrieb ich; »bedenken Sie, wie lange sie unglücklich gewesen ist! Sie glaubt Ihnen noch nicht, ich aber glaube Ihnen Alles und habe Ihnen schon tausendmal im Stillen abgebeten, daß ich Sie früher verkannt habe. Wenn sich auch unüberwindliche Schwierigkeiten dem Siege unserer Sache entgegenstellen – und die ahne ich fast, ich kann an keinen guten Ausgang glauben – so will ich Ihnen doch bis an mein Lebensende danken für das, was Sie thun wollten und schon gethan haben. Verzeihen Sie mir!«