Der Brief ging ab, meine Nachschrift blieb unentdeckt, aber sie beschwerte mir das Gewissen; ich brauchte meiner Mutter so selten etwas zu verheimlichen und fühlte mich, wenn ich es that, stets dadurch erniedrigt. Es hatte sich bei mir eine Art Cavalierehrgefühl ausgebildet, dessen moralischer Werth zweifelhaft sein mochte.

Wir erwarteten nun von Tag zu Tage Antwort vom Freiherrn. Je länger sie ausblieb, desto mehr fühlte sich die Mutter in ihren Zweifeln gerechtfertigt. »Vielleicht hat unser edler Vetter gedacht, wir würden ihn an Großmuth übertreffen und sein Anerbieten zurückweisen«, sagte sie. »Wir beiden mitleidigen Frauen mochten denken, er würde durch seine beispiellose Aufopferung an den Bettelstab gebracht, und das nicht übers Herz bringen können, wir konnten uns erbieten, in unserer Dürftigkeit, die uns durch lange Gewohnheit doch hätte lieb und theuer werden müssen, zu verbleiben. So hat er vielleicht calculirt. Aber ich weiß, daß er in Lievland bedeutend begütert ist, er hat dort den Oheim beerbt, von dem er uns sprach; die Einkünfte von Günthershofen bezieht, glaub' ich, seine Mutter allein.«

Je länger das Schweigen unseres Verwandten währte, desto weniger konnte ich den Beschuldigungen meiner Mutter entgegensetzen; sie erbitterten mich aber, ich war weit entfernt, ihr Glauben zu schenken, ich hielt die alte Frau für ungerecht und unmäßig hart. Sie hatte auch wirklich die Weichheit, die nach ihrer Krankheit über sie gekommen schien, jetzt ganz wieder abgestreift unter den Erinnerungen, welche der Brief des Freiherrn in ihr wach rief. Und ich, zum ersten Male in meinem Leben machte ich jetzt an mir die Erfahrung, daß ich mit vollem Bewußtsein von den Ansichten der Mutter abwich. Im Stillen widersprach ich ihr heftig, im Gespräch wurde dieser Widerspruch freilich nur zur schüchternen Einwendung, aber ich hielt ihn doch aufrecht. Mit mir war überhaupt, wie ich mit Schrecken bemerkte, Vieles ganz anders geworden; ich dachte und dachte und kam dabei oft zu nahezu wunderlichen Resultaten. So fiel es mir einmal ein, darüber zu speculiren, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn – es konnte ja dergleichen einmal später sich ereignen – wenn meine Neigung auf Jemand fiele, der vor den Augen meiner strengen Mutter keine Gnade fände. Würde ich mich ihr unterwerfen, entsagen und leiden? Ich konnte zu keinem Ergebniß kommen, vielleicht hatte ich nicht den Muth, meine Schlüsse mit der gehörigen Consequenz zu ziehen, und hinterher tadelte ich mich bitter über diese rebellischen Gedanken.

Der Frühling, welcher sich so lieblich angekündigt hatte, kam mit Stürmen; der laue Wind brauste über die noch kahlen Felder, der Himmel war trübe und tief verhangen, es war alles Andere eher als schönes Wetter bei uns. Ich aber liebte diese Zeit, ich hatte meine Freude an dem feuchten Lebensathem, an dem Ungestüm im Werden, ich fühlte auf einmal die größte Sehnsucht nach draußen und wäre gern weit und breit herumgestreift, wenn mich die Sorge um die Mutter nicht an das Haus gebannt hätte. Aber von Zeit zu Zeit, gewöhnlich in der Dämmerung, schlüpfte ich hinaus. Unser Häuschen lehnte sich an die Stadtmauer; auf der andern Seite desselben floß ein Bach, von Weiden eingefaßt, deren eine Reihe zwischen dem Wässerchen und der alten grünbewachsenen Mauer eine Art bedeckten Gang bildete. Jetzt waren sie freilich noch fast kahl, der Boden war feucht und schlüpfrig, das Wasser regentrübe, aber ich gewann dem heimlichen Plätzchen auf einmal großen Geschmack ab, ich sog mit Entzücken die feuchte Luft desselben ein, ich ließ mir den warmen, ungestümen Wind, der unter den Weidenzweigen herfuhr, um die Stirn wehen und schaute, an die Mauer gelehnt, durch die Stämmchen nach dem Horizont, wo sich die schweren Wolkenschichten die den übrigen Himmel bedeckten, wie Coulissen weggeschoben und einen blendenden weißgrauen Streifen freigelassen hatten, auf den die dunkle Decke von oben hineinhing, wie Haar auf eine niedrige Stirn. So wenigstens sah es aus an einem Abend im März. Ich hatte lange ruhig gestanden und mit einer Art von schwermüthigem Behagen auf das von der fernen Helle seltsam beleuchtete flache Land geblickt; nun bog ich um die Mauer herum, zum Stadtthore hinein und ging nach dem Hause. Ehe ich wieder in das enge Zimmer zurückkehrte, wollte ich noch einmal einen tiefen Athemzug aus der Frühlingluft thun; ich öffnete die niedrige hölzerne Gitterthür und trat in das Gärtchen am Hause, auf einen Hügel zu, der sich fast bis zur Höhe der Stadtmauer erhob und um den diese eine niedere Brustwehr bildete. Während ich da stand, tönten Schritte auf dem Kies, mit Befremden sah ich im Umwenden eine hohe, dunkle Gestalt auf mich zu kommen. Der Mann trat dicht zu mir und grüßte – es war der Freiherr. »Sie hier?« rief ich erstaunt, indem ich ihm die Hand reichte. Er hielt die meine fest und küßte sie.

»Sie wünschen meine Mutter zu sehen?« fragte ich nach einigen Augenblicken, da er schwieg und noch immer meine Hand hielt; dabei wollte ich mich losmachen und ihm vorangehen. Er hielt mich zurück.

»Nein, Margarethe«, sagte er hastig – ich fuhr zusammen, da er mich beim Namen nannte – »nein, ich kann nicht vor Ihrer Mutter stehen, wenigstens in diesem Augenblicke nicht. Sie hat Recht gehabt – ich habe Sie mit falscher Hoffnung erfüllt, habe Sie schnöde betrogen!«

Ich sah ihn entsetzt an, ich wollte auf seinem Gesicht die Bestätigung seiner Worte lesen. Er war bleich, seine Augen, die ich sonst für hell gehalten hatte, schienen fast schwarz und mir war, als fühle ich sie auf meiner Stirn brennen.

»Lassen Sie uns einige Augenblicke hier bleiben«, bat er; »ich will Ihnen Alles erzählen, Sie haben gesagt, daß Sie mir glauben.«

»Und ich werde Ihnen immer glauben, in Allem, was Sie mir sagen«, entgegnete ich ihm.

»Gott segne Sie dafür, Margarethe; aber woher kommt Ihnen dies Vertrauen zu mir? Wer sagt Ihnen, daß ich Sie nicht betrüge?«