»Sie betrügen!« rief ich unwillkürlich. »Nein, ich bin überzeugt, daß Sie es gut meinen, o, mehr als gut meinen, daß Sie Recht und Wahrheit mehr lieben als Besitz; ich habe nun einmal diese Gewißheit und sie scheint um so fester, je mehr ich mich früher bemüht habe, Ihnen zu mißtrauen.«

»Sie sind ein Kind, Margarethe – aber ein Kind, das ich anbeten könnte«, fügte er leiser hinzu, »und dann haben Sie wieder die Klugheit und Energie eines Mannes. Aber hören Sie! O, ich hätte nicht gedacht«, unterbrach er sich schmerzlich, »daß ich so wie ein geständiger Verbrecher je würde dazustehen haben!«

»Aber Sie haben kein Unrecht begangen«, nahm ich ungeduldig das Wort. »Reden Sie! Hatten Sie sich getäuscht über jene Papiere, waren dieselben doch nicht so wichtig, wie Sie geglaubt hatten? Nein? Nun, dann hat man Sie Ihnen entwendet. Ihre Mutter –«

»Ha, Sie kennen die vortreffliche Frau, wie ich merke«, sagte er bitter. »Ja, ich, in verbrecherischem Leichtsinn, in elender Leichtgläubigkeit, hatte mich wieder, zum hundertsten Male, von ihr täuschen lassen. Als sie sah, daß ich nicht von meiner thörichten Restitutionsidee, wie sie's nannte, abzubringen war, ergab sie sich mit wehmüthiger Resignation darein, Schloß Günthershofen zu verlassen. Aber damit bestach sie mich noch nicht. Sie hatte gehofft, ich werde mich erweichen lassen; als ich fest blieb, wurde sie krank. Mit schwacher Stimme bat sie mich, sie wenigstens auf dem Schlosse sterben zu lassen; lange werde sie den neuen Besitzern ja nicht im Wege sein. Ich zuckte die Achseln – ja, Kind, das that ich – und fuhr unbeirrt mit meinen Vorbereitungen zu unserer Uebersiedlung nach Lievland fort. Ich hatte dabei natürlich viel in der nahen Stadt zu thun und ritt oft hinein; einmal blieb ich sogar über Nacht dort. Alles war nachgerade so weit geordnet, daß ich den Tag meiner Reise zu Ihnen festsetzen konnte; es drängte mich, die entscheidenden Papiere in Ihre Hände zu legen. Ich bewahrte dieselben in meinem Schreibtisch unter doppeltem Verschluß, in meinem Zimmer, welches nur mein mir ergebener Diener zu betreten pflegte und zu dem ich den Schlüssel in jener Zeit stets bei mir trug. Lächerlich nutzlose Vorsicht! Ich hätte bedenken sollen, daß im Schlosse Günthershofen von jeher auf Schloß und Riegel nicht zu bauen gewesen! Als ich am Abend vor dem Tage, der zur Abreise bestimmt war, vor meinem Schreibtisch sitzend und mit einem Gefühl der Erleichterung Fach für Fach öffnend, an das innerste gekommen war, in dem ich die Documente verborgen hatte, fand ich dieselben nicht vor. Soll ich Ihnen mein fieberhaftes Suchen, die Wuth und Angst, die mich befiel, schildern? Erlassen Sie es mir. Ich ging zur Mutter, die an jenem Tage zuerst wieder das Bett verlassen hatte; sie mochte mich erwarten. Ich wollte die Thür hinter mir verschließen, der Schlüssel fehlte, der Riegel bewegte sich nicht, Alles war vorgesehen. Als ich vor sie hintrat, blitzte der Triumph aus ihren Augen, zum ersten Mal zeigte sie sich mir wahrhaft dämonisch. Sie mögen ermessen, was ich bei der schrecklichen Scene litt, wenn ich Ihnen sage, daß sie mir zu verstehen gab, sie wisse wohl, daß sie auch nach meinem innersten Wunsch gehandelt, indem sie jene Papiere verbrannt habe – ja armes Kind, sie waren vernichtet – ich könne nun wieder aufhören, den Tugendhaften zu spielen, meinte sie. Ich hätte sie tödten können, ich faßte ihr Handgelenk, als sie nach dem Kamin zeigte, in dem ich noch das verkohlte Papier zu sehen glaubte, und preßte es, daß sie aufschrie, aber als ich losließ, lachte sie höhnisch, nannte mich einen Thoren und sagte mir noch einige Wahrheiten, für die ich ihr Dank weiß. Und nun lassen Sie mich wissen, was Sie von mir halten.«

Mir war unheimlich geworden bei seinem hastigen Sprechen, seinem schlimmen Lachen, zugleich aber fühlte ich das innigste Mitleid mit ihm. Der Verlust, von welchem er sprach, machte in jenem Augenblicke wenig Eindruck auf mich, hatte ich doch den Besitz mir noch nie recht vergegenwärtigen können. Ich sagte ihm das mit einfachen Worten, weil ich ihn beruhigen wollte. »Der Vorfall ist nicht so schlimm, als Sie ihn auffassen, Herr Freiherr«, sprach ich zu ihm. »Sie müssen bedenken, daß wir uns eigentlich wenig Rechnung auf eine günstige Wendung der Dinge gemacht hatten; weder die Mutter, das glaube ich behaupten zu dürfen, noch auch ich werden daher das, was Sie mir erzählt haben, als ein Unglück fühlen. Ihre edle Absicht bleibt uns zu einer Art Beruhigung; ich für meinen Theil lasse mir für jetzt gern damit genügen, daß unser Recht von dem Hauptrepräsentanten der Gegner anerkannt wird und daß dieser, ich bin es überzeugt, seine Anerkennung desselben bethätigen wird, sobald er dazu die Freiheit hat.«

Der Freiherr stand mit untergeschlagenen Armen vor mir und sah mich an, ich glaube aber kaum, daß er mir zuhörte; erst als ich schwieg, schien er zu merken, daß ich gesprochen hatte. Ich wiederholte daher meine Gründe für das Unnöthige seiner Selbstanklage. Er schüttelte den Kopf.

»Sie sind unerfahren, Margarethe, bescheiden, genügsam, vergebend, ach, Sie sind zu gut! Ihre Mutter wird anders über mich denken. Aber das muß ich einstweilen ertragen, ich weiß, daß ich einen guten Anwalt an Ihnen habe. Ich gehe jetzt außer Landes, sobald ich die Abtretungsurkunde von Schloß Günthershofen mit seinen liegenden Gründen an Sie in aller Form ausgefertigt und bei einem Notar, den ich Ihnen bezeichnen werde, niedergelegt habe, für den Fall, daß mir etwas zustieße. Sie werden dann nach dem Tode meiner Mutter das Schloß sogleich in Besitz nehmen können. Sie könnten dies schon jetzt, in wenigen Wochen, aber ich bezweifle, daß Ihre Frau Mutter sich dazu verstehen würde, auch möchte ich Sie, ich muß es gestehen, nicht in der Nähe der jetzigen Bewohnerin wissen. Erbrück bleibt Ihnen natürlich durch meine Schuld verloren.«

»Aber wessen klagen Sie sich eigentlich an?« fragte ich. »Wie konnten Sie die Papiere besser verwahren als in einem verschlossenen Schreibpult in Ihrem Zimmer?«

»Ich hätte sie gleich einem Rechtskundigen überliefern oder Ihnen zukommen lassen sollen«, entgegnete er; »ich unterließ es während einiger vorbereitenden Geschäfte meinerseits, weil ich mich selber in gewisser Hinsicht als Ihren Anwalt, Ihren Stellvertreter ansah.«

»Noch eine Frage, der Mutter wegen, welche dieselbe zu stellen wünschte: was waren es eigentlich für Papiere, die Sie gefunden hatten?«