Der Freiherr athmete schwer, es kostete ihm Anstrengung, mir zu antworten. »Es befanden sich darunter«, sagte er endlich leise, »Briefe des Fürsten an meine Mutter, welche die Umrisse des ganzen Plans, Sie von Ihren Gütern und aus dem Lande zu treiben, enthielten. Bei der Vertraulichkeit, welche zwischen beiden herrschte, kam da Allerlei zur Sprache, was vollständig genügt haben würde, Ihre Sache zu retten. Aber das war nicht Alles. Die Duplicate der gefälschten Correspondenz zwischen Ihrer Großmutter und dem Baron d'Elange, jenes Hauptbeweises gegen Sie, waren da, vielleicht als Curiosum aufbewahrt; meine Mutter muß aus einer Art teuflischer Freude an dem ganzen Handel die compromittirenden Papiere vor der Vernichtung bewahrt haben, anders kann ich mir ihre Existenz nicht erklären. Wir haben hier angenehme Familienangelegenheiten durchzusprechen, nicht wahr, Cousine?«
Er brach ab und wir schwiegen einige Augenblicke. Es war ganz dunkel geworden; jetzt erst dachte ich mit Schrecken daran, wie unruhig die Mutter mich erwarten mochte. »Kommen Sie mit zu meiner Mutter«, sagte ich, »sie wird sich um mich ängstigen.«
»Ja, und ich habe Sie hier in Dunkelheit und Kälte und Nässe zurückgehalten! Sie werden krank werden. Ich habe Ihnen noch nie Anderes als Uebles zugefügt. Gehen Sie, erzählen Sie Ihrer Mutter Alles, Sie wird Ihnen oder vielmehr mir nicht glauben; sagen Sie ihr dann, daß sie sich bei« – er nannte einen Notar in einer benachbarten größern Stadt – »erkundigen möge. Vielleicht auch wird sie niemals das ihr Angehörige unter einer Form in Besitz nehmen wollen, welche für eine Schenkung angesehen werden könnte. Nun, nous verrons! Vertrauen wir dem Glück ein ganz klein wenig, Margarethe! Leben Sie wohl!«
»Sie wollen fort?« rief ich ängstlich.
»Ja, und ich werde Sie nun in Jahr und Tag nicht wiedersehen, ma petite cousine!« Er faßte meine beiden Hände; ich konnte seinen plötzlich leichten Ton, indem er sich über sich selber lustig zu machen schien, nicht begreifen. »Sie sind eine kleine Zaubrerin. Sie haben die Last von mir genommen, mit der ich vor Sie hintrat, mir ist jetzt, als werde sich noch Alles zum Guten lösen; Ihnen muß man beichten, wenn einem die Absolution nützen soll.«
Er blieb noch immer stehen; mit meinen Händen in den seinen drehte er sich jetzt um und sah nach dem Hause, nach den kleinen erleuchteten Fenstern des Wohnzimmers.
»Dort hinten hausen Sie – schon Jahre lang? Nun, Schloß Günthershofen hat etwas höhere Fenster und Sie werden im Park ein wenig mehr Raum haben, sich zu ergehen, als in diesem Irrgarten. Aber ich muß nun fort, kommen Sie.«
Er geleitete mich bis zur Hausthür; ich fand nichts mehr zu erwidern. »Adieu, ma cousine«, sagte er endlich, neigte den Kopf und küßte mich auf die Stirn, dann ging er.
Ich aber – da stand ich in der dunkeln Hausflur und Alles, was ich in dieser Unterredung, die für mein eintöniges Leben ein Ereigniß war, gehört und erfahren, stürmte verwirrend auf mich ein; ich empfand eine tiefe Traurigkeit, die unerklärliche Laune des Freiherrn bei seinen letzten Worten hatte verfehlt, mich anzustecken. Rathlos und niedergeschlagen setzte ich mich auf die Treppenstufen – wie sollte ich vor die Mutter treten und ihr das Alles erzählen? Ich fühlte, daß ich es nicht konnte. Da hörte ich oben ihre Schritte, sie hatte die Hausthür schließen hören und wollte in ihrer Angst um mich herabkommen. Ich sprang in die Höhe und eilte hinauf; in der Thür stand die Mutter und empfing mich in ihren Armen, so erfreut war sie, mich wieder zu haben, ich aber, überwältigt durch diesen seltenen Ausbruch mütterlicher Sorge und bedrückt durch ein unbestimmtes Gefühl, daß ich dieselbe in diesem Augenblicke gar nicht verdiene, lehnte den Kopf an ihre Schulter und brach in heiße Thränen aus. Die Mutter gerieth darüber in die größte Bestürzung.
»Um Gotteswillen, Margarethe, mein Kind, was fehlt Dir, was ist Dir widerfahren? Sprich doch, was kann Dir begegnet sein?«