Ich sah die Nothwendigkeit ein, meine noch immer leidende Mutter sogleich zu beruhigen, und so entledigte ich mich denn so rasch wie möglich meiner seltsamen Erzählung. Ich sagte der Mutter, wie ich den Freiherrn vor dem Hause getroffen, wie er lieber mir als ihr die unglückliche Wendung der Dinge habe mittheilen wollen, ich legte dieselbe dar, so gut ich vermochte, und wiederholte die Selbstanklagen des Herrn von Günthershofen, ich sprach von der uns zugedachten Wiedererstattung. Auch diesmal hatte ich mich getäuscht mit meiner Voraussetzung darüber, wie die Mutter dies Alles aufnehmen würde; sie schien kaum überrascht, ja fast wie befriedigt und schenkte der Erzählung des Freiherrn unbedingten Glauben.
»Ja, das ist sie, daran erkenne ich sie«, warf sie ein, während ich sprach; sie lächelte, als ich geendet. »Das klingt wie ein Kapitel aus einem Roman, nicht wahr?« sagte sie. »Aber ich fühle die Wahrheit heraus. Der arme Vetter! Besser hätte er von unserm Rechte nicht überzeugt werden können, auch wenn er jene Briefe nie gelesen hätte, als durch dies charakteristische Vorgehen seiner vortrefflichen Mutter.«
Auch in Bezug auf die Abtretung des Besitzes sprach die Mutter anders, als ich erwartet hatte. »Ich werde nicht mehr lange bei Dir sein, mein Kind«, sagte sie, »und es ist gut, daß Du nicht allein und zugleich bettelarm in der Welt dastehen wirst. Das Schloß ist allerdings nur ein Theil des uns zukommenden Besitzes, aber wenn es dem Freiherrn Ernst ist mit der Restitution, so nimm sie an. Er ist ja ohne dasselbe reich genug; wir wollen es als ein Geschenk von Gott ansehen, dem es einst gefiel, uns Alles zu nehmen, und dem es jetzt gefällt, uns einen Theil wiederzuerstatten.«
Weiter wurde zwischen uns von der gewaltigen Veränderung, die nun in unserm Leben eintreten konnte, nicht geredet, und auch unsern Gedanken vermochte sie keine neue Richtung zu geben. Ich wenigstens empfand keinerlei Genugthuung darüber; noch nie war ich so niedergeschlagen, so hoffnungslos traurig gewesen, als ich es nach jenem Abend wurde. Von den wenigen Bekannten, die ich im Städtchen besaß, zog ich mich infolge dieser Stimmung ganz zurück; Tage und Wochen lang sah ich kaum einen Menschen außer meiner Mutter und der Magd. Ich pflegte gegen Abend erst hinauszugehen, am liebsten unter die Weiden bei der Stadtmauer, und dann allemal, ehe ich ins Zimmer zurückkehrte, erst auf jenen erhöhten Platz im Garten. Dort stand ich eine Weile, nahm den Hut ab und ließ mir die laue Abendluft durch das Haar wehen. Tönten einmal draußen auf der Straße Schritte, so schrak ich zusammen und konnte mein Zittern eine Zeit lang kaum bemeistern.
Blicke ich jetzt, nach Jahren, auf jenen Zustand zurück, so muß ich allemal meinem Geschick danken, daß es die Keime, welche sich damals in mir zeigten, nicht zur Reife kommen ließ. Meinen geistigen Thätigkeiten fehlte das Gleichgewicht, und hätten die Umstände fortgefahren, einige so sehr auf Kosten der andern zu begünstigen, so wäre ich eine excentrische, trübsinnige Einsiedlerin geworden. Fürs erste zerriß das Schicksal das Gewebe meiner müßigen Träumereien, indem es den Gedanken einen wirklichen Gegenstand unterschob, und zwar durch einen Brief von Lucy. Ich hatte deren schon viele gehabt; sie schrieb mir mit der größten Regelmäßigkeit und ich antwortete ebenso. Bedeutenden Inhalts pflegten diese Documente im Ganzen nicht zu sein; es waren Berichte über beiderseitiges Befinden und stets fand sich darin der Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen ausgesprochen. Diesmal war Lucy's Schreiben länger als gewöhnlich und die erste Nachricht, die sie mir mit lebhaften Worten mittheilte, war, daß der Freiherr sich im Hause ihrer Aeltern befinde. Sie erzählte dann, wie gut man sich amüsire, wie viele Land- und Wasserfahrten man mache, daß bei schlechtem Wetter im Hause deutsch gelesen werde, und wie sehr sie mich zu dem Allem herbeiwünsche, obgleich ich, wie sie sich erinnere, meinem Vetter damals nicht besonders hold gewesen sei. »Wären Sie aber jetzt hier«, meinte sie weiter, »so würde die Fehde zwischen Ihnen wohl aufhören, so liebenswürdig ist der Freiherr; Sie würden ihm nicht widerstehen können. Uns alle erhält er in guter Laune, sogar der Bär Forster – dies Epitheton führte der Jurist bei dem lustigen Mädchen schon lange – sogar er, der seit Ihrer Abreise, um mit John zu reden, stets ein Gesicht wie ein Leichenstein gemacht hat, fängt langsam an aufzuthauen. Was uns ärgert, ist, daß er lange, geheimnißvolle Privatunterredungen mit dem Freiherrn hält, während welcher wir uns langweilen müssen; es wird dabei, wie man allgemein behauptet, von Ihnen gesprochen. Sie müssen kommen, unsere Minerva, Miß Mentor, wie Papa Sie nennt, und Ihrem Landsmann den verlorenen Seelenfrieden wiederbringen, denn wir alle sind darin einig, daß er denselben in Ihrer Verwahrung gelassen hat.«
Jetzt wußte ich plötzlich, warum ich unglücklich war; durch diesen Brief mit seinem schonungslosen Uebermuth errang ich mir eine Klarheit, von der ich damals glaubte, sie sei das einzige Gut, auf welches ich im Leben noch Anspruch zu machen habe. Ich gewann den Muth, mir einzugestehen, daß der Freiherr längst alle meine Gedanken erfüllte, und philosophirte sehr weise darüber, ob dies wohl die Liebe sei, von der die Dichter seit alten Zeiten singen, von deren Kunde die Weltgeschichte voll ist. Fast zweifelte ich daran, denn jene Liebe, das hatte ich in Büchern gelesen, verlangte ungestüm nach Besitz, und ich bildete mir ein, daß ich mich darauf freue, Herrn Bardolph als Gemahl Lucy's zu sehen, weil er dann glücklich sein würde. Das erstickende Gefühl, was mich allemal überkam, wenn ich mir dachte, wie er sie in seine Arme nehmen und ihr schöner blonder Kopf an seiner Brust ruhen würde, nannte ich Schwäche und hoffte es mit der Zeit zu überwinden. Nachdem ich einigermaßen mit mir selber fertig geworden war, blieb mir noch eine Pflicht zu erfüllen: ich schrieb an Forster und bat ihn um Verzeihung, daß ich ihm damals nicht gleich mit Bestimmtheit geantwortet habe. »Sie ließen mir freilich wenig Zeit dazu«, sagte ich ihm; »Sie wollten keine Antwort, aber ich würde Ihnen dennoch eine gegeben haben, wenn ich schon damals mit mir selbst im Klaren gewesen wäre, wie ich es jetzt bin. Und warum sollte ich Ihnen nicht den Grund meiner Ablehnung Ihres ehrenden Antrags sagen? Mich dünkt, Sie haben ein Recht darauf, ihn zu wissen. Besonders aber drängt es mich zu dem Geständniß, was ich Ihnen machen will, weil es mir scheint, als müßten Sie aus demselben eine Art Trost schöpfen können, wenn anders ich wirklich das Unglück habe, Ihnen Schmerz zu bereiten. Ich liebe einen edlen, vortrefflichen Mann, der von meiner Neigung nichts weiß und nie davon erfahren wird. Es kostet mich keine Scheu, keine Verlegenheit, Ihnen dies zu sagen; jenes Gefühl ist ohne mein Zuthun in mir entstanden, es wird mich nicht hindern, der Verbindung des so sehr Geliebten mit einer Andern mit dem einzigen Wunsche zuzusehen, daß beide glücklich werden mögen. Und das Letztere wünsche ich Ihnen auch und bin überzeugt, Sie werden noch finden, was Sie suchen.«
Auch Lucy antwortete ich; wider meinen Willen wurde der Brief gegen den ihrigen etwas kalt und karg. Wochen vergingen, ohne daß ich Antwort erhielt; die Grays waren jetzt auf ihrer Herbstreise und wahrscheinlich hatten meine Briefe ihre Adressen noch gar nicht erreicht. Ich liebte es, mit einer Art trauriger Genugthuung mir die fröhlichen Scenen auf jener Reise, die Gruppen glücklicher Menschen auszumalen; an dem Abglanz jenes Glückes wollte ich mich auch erwärmen, an den schrägen, matten Strahlen, die von weither zu mir herüberschossen; aber sie gaben ein gar kaltes Licht.
Mit dem scheidenden Sommer verschlimmerte sich der Zustand meiner Mutter auch wieder, das Leiden, von dem sie lange schon nie ganz frei gewesen, trat heftiger auf und machte sie immer mehr mit dem Gedanken an einen baldigen Tod vertraut. Sie fürchtete ihn nicht, sie hatte sich jahrelang das Sterben, in dem sie eine Wiedervereinigung mit ihren geliebten Todten sah, leise herbeigesehnt; sie trauerte aber um mich, die so ganz allein zurückbleiben sollte. Wir hatten jetzt oft, wenn es der Zustand der Mutter zuließ, lange Gespräche mit einander; zuerst eigentlich in meinem Leben gab sie mir Gelegenheit, meine Ideen und Meinungen über so Manches auszusprechen, wovon ich früher vor ihr nicht zu reden gewagt. Sie hörte mich dabei mit einer fast ängstlichen, forschenden Aufmerksamkeit an, die ich mir nicht recht erklären konnte. Ich sprach aber gern, meine Hand auf ihren Knieen und ihr von Zeit zu Zeit in das liebe Antlitz mit den noch immer schönen Augen blickend, während sie die Worte von meinen Lippen zu trinken schien. »Gott sei Dank, Margarethe«, sagte sie einst, während eines solchen Zwiegesprächs, tief aufathmend, »daß Du geworden bist, wie ich Dich jetzt kennen lerne. Mir verdankst Du es nicht – ich habe Dich vernachlässigt, habe in meinem egoistischen Kummer das arme Kind sich selbst überlassen; nein, versuche nicht, mir zu widersprechen, ich weiß, wie schwer ich gefehlt habe. Jahre sind vergangen, während welcher ich Dich kaum kannte, mich nicht um Dich kümmerte, da Du stündlich um mich warest, jetzt werd' ich gewahr, was ich für eine Tochter habe, aber Gott straft mich gerecht, indem er mich nicht ernten läßt, wo ich nicht säete; Du bist aufgewachsen zur Freude und ich muß fort.«
»Mutter, sprich nicht so!« bat ich. »Du hast noch gar Vieles zu erleben; Du sollst in Schloß Günthershofen einziehen und die Margarethe als Schloßfräulein sehen.«
Die Mutter schüttelte ernst mit dem Kopfe.