»Ich kann nicht glauben, daß mir das zu Theil werden sollte; ich könnte es auch nur um Deinetwillen wünschen. Ich mag nicht noch einmal Reichthum und Rang auf meinen Schultern fühlen, sie sind zu schwach dazu. Als ich vor so vielen Jahren das Schloß verließ – es gehörte uns damals noch – da wurde es mir einen Moment lang ganz klar, daß ich es nie wieder betreten würde. Es gibt Menschen, denen ein solches – Hellsehen möchte ich es nicht nennen, es ist eine kurze Ueberzeugung, die man sich später gehabt zu haben erinnert, ohne sie noch zu besitzen – ein- oder zweimal im Leben zu Theil wird; die seltsame Gabe ist mehreren Gliedern meiner Familie eigen gewesen.«

Die Mutter schwieg sinnend und in mir ging in jenem Augenblick etwas Seltsames vor; auch ich wußte plötzlich ganz genau, daß ich – aber nein, die Gewißheit, die mir wie etwas Fremdes, nicht in mir Entstandenes ans Herz trat, war sicher nur eine blendende Lüge. Die Mutter hob nun an, mir die Sensation jener momentanen Prophetengabe, die gleich nach ihrem Verschwinden auch zu nichte werde, da man selber nicht an sie glaube, zu beschreiben; mir wurde bange, ich bat sie, sich nicht aufzuregen; die leuchtenden Augen, mit denen sie wie in eine weite Ferne zu schauen schien, schnitten mir ins Herz; sie sah schon jetzt zuweilen aus, als gehöre sie nicht mehr der Erde an. – Zu andern Zeiten aber plauderten wir traulich; ich erzählte ihr von so manchem Eindruck, den ich, besonders während meines Draußenseins, empfangen, und die Mutter neckte mich sogar scherzend und meinte, so altjüngferlich ich mich stelle, so wisse sie besser, wie es eigentlich mit mir stehe. Ich erschrak dann und fragte mich, ob sie mein Geheimniß mit mütterlichem Scharfblick errathen habe, ich wollte ihr Alles gestehen, aber stets hielt mich eine gewisse Bangigkeit ab. Wenn ich mich irrte, wenn das Geständniß meiner Abtrünnigkeit sie traf wie ein Donnerschlag, wenn sie mir vielleicht von neuem gebot zu hassen! Was wußte ich, inwieweit das furchtbar starke Gefühl in ihr sich durch die letzten Ereignisse zu Gunsten des Freiherrn abgestumpft hatte! Und wäre es anders, billigte sie, begriff sie auch nur meine Neigung, wozu sie ihr gestehen, da sie unerwidert war; sie mußte im besten Falle ihren regen Stolz verwunden. So schwieg ich, bis es zu spät war, und es ist lange Jahre ein bitterer Schmerz für mich gewesen, zu der Neigung meines Herzens nicht den Segen meiner Mutter empfangen zu haben.

Zehntes Kapitel.

Eines Tages hatte uns der gute Pfarrer besucht, wie er es von Zeit zu Zeit und seit der zunehmenden Schwäche der Mutter häufiger zu thun pflegte. Ich begleitete ihn nach meiner Gewohnheit hinaus vor die Thür. »Kommen Sie doch einmal mit in den Garten«, sagte er, noch ehe dieselbe geschlossen war, laut zu mir; »Sie haben da eine Rose, von der ich mir einen Ableger ausbitten möchte.« Als wir vor den Rosenbäumchen standen, meinte er lächelnd: »Eine Kriegslist wie diese hätten Sie mir wohl nicht zugetraut, aber ich mußte Sie auf einige Minuten allein sprechen; Sie müssen mir dieselbe verzeihen.«

Auf meine verwunderte Frage berichtete er rasch: »Herr von Günthershofen hat an mich geschrieben; er hat mir auseinandergesetzt, wie Schloß Günthershofen und mit der Zeit factisch in Ihren Besitz übergehen werde. Es drückt ihn, Sie in Verhältnissen zu wissen, die Ihrem Range und Vermögen so wenig angemessen sind; er schreibt mir, der Gedanke sei ihm von Tag zu Tage unerträglicher geworden, daß Sie hier Beschränkung leiden, während seine Mutter auf und von Ihrem Eigenthum lebe. Und er beschwört mich, Sie zu bewegen, etwas von dem Ihren anzunehmen.« Ich schüttelte heftig mit dem Kopfe. »Um Ihrer Mutter willen soll ich Sie bitten, welcher jede Stärkung, jede Bequemlichkeit zu verschaffen ja Ihre Pflicht sei.« Der Pfarrer sprach noch Manches, sprach wärmer, je mehr er sah, wie ich in meinem Widerstande unsicher wurde, da ich daran dachte, wie oft mir das Herz weh gethan hatte, wenn ich für die Mutter dies oder jenes nicht erlangen konnte, weil ich zu arm war. Welches falsche Zartgefühl konnte mich abhalten, anzunehmen, was von dem besten Manne geboten wurde und was doch auch wirklich uns zukam? Ich schwieg in diesen Gedanken und der gute Pfarrer wollte fortfahren, mich mit neuen Gründen zu überreden, da unterbrach ich ihn. »Ja, ich will, Herr Pfarrer«, sagte ich abgewendet; »der Freiherr hat Recht, um der Mutter willen darf ich mich nicht weigern.«

»Recht so, mein Kind«, sagte er und nahm meine beiden Hände; »aber lassen Sie die Mutter nichts merken; sie möchte die Sache anders auffassen und sich gekränkt fühlen. Ich komme bald und stelle Ihnen die Sendung zu.«

Auch in seinem Glücke dachte er also an uns! Ach ja, er war gut und edel durch und durch; er verdiente alle Liebe, ein Jeder mußte ihm gut sein, der ihn kannte. Dies war auch mit mir der Fall; daß er nichts davon wußte, was lag daran? Ich liebte ihn und schämte mich dessen nicht.

All mein Denken war nun bald nur meiner Mutter zugewendet, deren Zustand sich täglich verschlimmerte. Daß sie bald sterben würde, wußte sie; ich wehrte mich innerlich gegen die Hoffnungslosigkeit, die auch mich nach und nach überkam; wenn mich die liebe Kranke schonend und zärtlich vorbereiten wollte, suchte ich dem gefürchteten Thema mit krankhafter Angst auszuweichen. Eines Abends saß ich am Bett, während draußen ein kalter Mondschein über der herbstlichen Welt lag; die Mutter hatte den Tag über große Schmerzen und von fiebernder Unruhe gelitten und war in der Dämmerung eingeschlummert. Jetzt schlug sie die Augen auf und sah mich klar und voll an, ja sie lächelte sogar.

»Es geht Dir besser, liebste Mutter?« fragte ich, indem ich mich über sie beugte.

»Ja, mein Kind, die Schmerzen sind vorüber; ich glaube nicht, daß sie wiederkommen werden bis – nein, komm Margarethe, nicht mehr dies thörichte Zusammenzucken; was nützt es, sich der Wahrheit verschließen zu wollen? Ich muß meine Zeit benutzen, sie ist gar kostbar für mich geworden.«