Sie hielt, schon erschöpft, inne; ich reichte ihr, indem ich die Thränen mühsam unterdrückte, auf ihren Wink zu trinken; dann fuhr sie, häufig ermattet stockend, mit stetigem Entschlusse fort, während ich sie nicht zu unterbrechen wagte, und sprach von der Zeit, wo ich allein sein würde.
»Es ist besser, wir besprechen zusammen, was Dir nach meinem Tode geziemen wird zu thun, liebe Tochter«, sagte sie; »Du wirst ohne Verwandte, ohne Schutz dastehen unter eigenthümlichen Verhältnissen. Der Freiherr wird Dir nach dem, was vorgefallen ist, gewiß Schloß Günthershofen zur Wohnung anbieten; ich möchte von Dir hören, wie Du über Deine Zukunft zu entscheiden gedenkst. Sei stark, meine Tochter! Ich weiß, ich verlange viel, aber Du bist Deiner sterbenden Mutter den Kampf mit diesen Thränen schuldig; laß mich wissen, soweit dies Menschen vorherbestimmen können, was aus Dir werden wird, damit ich beruhigt hinübergehen kann.«
Ja, die Mutter verlangte viel; noch in ihren letzten Stunden schien in ihrem Wesen jene Vornehmheit, jenes ruhig, selbstverständlich Gebietende durch, was sie stets ausgezeichnet hatte. Ich sollte meinen unsaglich bittern Jammer hinunterschlucken, sollte mich des Gefühls, daß ich sie besaß, daß sie doch noch bei mir war, berauben, in den letzten Augenblicken vielleicht, in denen es mich noch auf Erden beglücken konnte. Ich that es, ich dachte an die Zeit, die so trostlos öde vor mir lag, die Zeit, in der ich, gleichsam mit allen Wurzeln aus dem Boden gerissen, heimatlos und ganz, ganz allein sein würde. Die Mutter fragte wieder:
»Willst Du mit seiner Mutter auf Schloß Günthershofen wohnen?«
»Nein«, rief ich heftig, »nein, nein! Ach Mutter, kann ich denn nicht hier bleiben, in diesen Zimmern, wo Du und ich zusammen waren –«
»Hier bleiben, ganz allein? Nein, mein Kind; versprich mir, das nicht zu thun – ich bitte Dich, ich befehle es Dir, auch wenn Dir die Mittel dazu geboten würden. Ich habe Dich in der letzten Zeit beobachtet, das Alleinsein hat Gefahr für Dich. Höre meinen Rath, meinen Wunsch! Gehe nach England zurück; ich bin gewiß, man wird Dich liebevoll aufnehmen. Es ist ja auch nur für einige Jahre; glättet sich später die Angelegenheit mit dem Freiherrn, wird Günthershofen einmal durch den Tod seiner Mutter frei, so bist Du in den Stand gesetzt, zu leben, wo und wie es Dir gefällt, Du wirst unabhängig sein. Ich danke Gott, mein Kind, daß es so gekommen ist.«
Wir sprachen danach wenig mehr; die Mutter nahm meine Hand, ich blieb lange unbeweglich, während es endlich todtenstill im Zimmer geworden war. Noch einmal gelang es mir, alles Andere zu vergessen und nur zu wissen, daß ich bei meiner Mutter sei und ihre warme Hand die meine halte. Am nächsten Morgen war ich allein, die theure Gestalt lag noch da, aber sie gehörte mir nicht mehr – geheimnißvoll hatte sich in der Stille der Nacht etwas derselben entwunden, war mir entflohen – ich kam mir wie betrogen, wie hintergangen vor. Thränen fand ich da nicht, ich saß ganz still; einmal berührte ich das Kopfkissen, um es noch mechanisch zu glätten, ich fuhr zurück, es war eiskalt. Ich konnte, was vorgegangen war, nicht fassen: gestern Abend hatten von diesem Munde noch Worte an mein Ohr geklungen, jetzt war er unbewegt. Erst leise, dann immer heftiger sagte ich wiederholt: »Mutter, sprich, sprich, Mutter, noch einmal, noch ein Wort!« Ich küßte ihre Hand, hauchte darauf, hielt sie zwischen meinen Händen und rieb sie sanft; einmal schien mir's, als sei sie wieder warm, in erstickender Bewegung schaute ich nach dem Antlitz und erkannte meinen Irrthum. Da fiel mir ein, daß man Todten die Augen schließe; mit zitternden Fingern berührte ich ihre kalten, schweren Lider, und damit, mit dem Bewußtsein, daß ich der Mutter nun den letzten Dienst erwiesen, kam erst Leben in meinen Schmerz – mit einem Jammerruf warf ich mich neben dem stillen Lager nieder.
Elftes Kapitel.
»Herbst ist es nun, Stürme des Meeres, die wollen nicht ruhn!« So hatten wir in der rührenden Klage der schönen Ingeborg gelesen. Jetzt wurden wir still, die beiden jungen Mädchen, denen ich die Frithjofssage zum ersten Male vorführte, waren ergriffen von den eben gehörten Worten und schauten beide sinnend ins Feuer, welches vor uns im Kamine brannte. Alles stimmte zu behaglicher Ruhe in meinem Zimmer, wo ich jetzt, nicht mehr wie früher in der »Schulstube«, meinen nun erwachsenen Schülerinnen ihre deutschen Stunden gab. Die Sessel und das niedrige Kanapee, Teppiche, Vorhänge und die Tapeten der Wände waren dunkelfarbig, durch die Glasthür und über die Veranda hinaus sah man auf den winterlichen Park und blickte von dem grauen, windgefegten Himmel nur um so lieber zurück auf die warmen Farben des kleinen Raums und in die prächtig glühenden Kohlen. Lucy stand jetzt von ihrem niedrigen Sitze auf und schaute, die hohe Gestalt leicht nach hinten gebogen, aus dem Fenster, während sie vor dem Feuer stehen blieb. Wie oft sah ich sie jetzt still bewundernd an, sie war gar so schön; in diesem Augenblicke verkörperte sie mir Ingeborg, ein Maler hätte sich kein edleres und lieblicheres Vorbild für die königliche nordische Jungfrau denken können. Und nun richtete sich neben Lucy eine Andere auf, umfaßte sie leicht und blickte in den Spiegel, der dicht vor den beiden über dem Kaminsims sich erhob. Da sah sie, wenig kleiner als die Lucy's, eine dunkle Gestalt und ein bleiches Gesicht, welches, wie es ihr schien, die Jugendfrische der Gefährtin nur mehr hervorhob, und wendete sich leise seufzend ab.
Solche Anwandlungen gekränkter Eitelkeit hatte ich je zuweilen neben der immer prächtiger erblühenden Lucy, nicht ohne daß ich mich ihrer stets geschämt hätte, und das um so mehr, je enger ich in herzlicher Liebe und Anhänglichkeit mit der Familie Gray verbunden wurde. Sie hatten mich empfangen wie eine Tochter, die man längst erwartet; mit dem Takte der Herzensgüte richtete Frau Gray Alles wie für einen beständigen Aufenthalt um mich ein, ich sollte das Haus wie meine Heimat betrachten lernen. Von meinen Verhältnissen hatte ich Einiges fallen lassen, mehr schien die Dame, wie ich mir dachte, von dem Freiherrn erfahren zu haben; es war mir klar, daß man mich zwar für heimatlos, aber nicht für arm und von meiner Arbeit abhängig halte. Es kam mir vor, als überlasse man mir die wenigen Gouvernantenpflichten, welche der Unterricht der Töchter etwa noch forderte, nur um zu verhindern, daß ich mich für unnütz und überflüssig im Hause halte; als ich aber nach einiger Zeit der Mutter meine Scrupel, länger als Erzieherin bei ihr zu fungiren, eröffnete, da die jüngern Kinder eine Gouvernante hatten, bat sie mich so inständig zu bleiben, wußte so viel von dem guten Einfluß zu sagen, den ich auf die Mädchen haben sollte, von ihrer aller Gewöhnung an mich und dergleichen, daß ich mich auf eine Zeit lang wieder beruhigte.