Ich hatte das Haus ziemlich still gefunden bei meiner Rückkehr. John war in seinem ersten Semester zu O., wo er mit Forster, der an der Universitätsbibliothek eine ehrende Anstellung erhalten hatte, zusammen hauste; Roger war auf Reisen. Uns wurde indessen die Zeit nicht lang, wir gingen, ritten und fuhren umher, nähten und lasen und thaten, was jeder Tag verlangte; dabei wurde jedoch viel von den Abwesenden gesprochen und die Zeit leise herbeigesehnt, da man wieder einmal zusammensein würde wie »damals«, das hieß, den ersten Herbst nach meiner Ankunft.

Auch an jenem Nachmittage, da wir der zunehmenden Dunkelheit wegen unser Buch zugeklappt hatten, kam die Rede auf jene Zeit; wir sprachen von Forster, rühmten ihn und tauschten unsere Muthmaßungen über seine künftige Carrière aus, ob er sich ganz in England einleben, einen englischen Hausstand gründen und dazu ein englisches Weib nehmen, oder ob er, wenn eine Amnestie, welche halb und halb erwartet wurde, eintreten sollte, sich der Heimat zuwenden würde. Mit dem den Engländern häufig eigenen Ernst in kleinen Dingen wurden diese Möglichkeiten von den beiden jungen Geschöpfen neben mir gründlich erörtert. Darüber, daß man wisse, er habe von mir eine Zurückweisung erfahren und wie bleich und grämlich er danach umhergegangen sei, hatte ich schon früher vertrauliche Mittheilungen entgegennehmen müssen, jetzt meinte die kleine Blanche wieder: »Ach, wie haben Sie es auch nur thun können, Miß Margareth! Ein so guter Mensch! Ich würde es nicht übers Herz bringen, nein zu einem zu sagen, wenn ich sehen könnte, daß es ihn so sehr kränken würde.«

Ich war nicht aufgelegt, die Sache ernst zu nehmen und dem Kinde auseinander zu setzen, wie dieses Nein unter Umständen die heilige Pflicht eines ehrlichen Mädchens sei, wußte ich doch auch, daß sie nicht so einfältig sei, wie sie sich oft zu stellen liebte. Von der Schwester wurde sie wegen ihrer etwas weitgehenden Gutherzigkeit geneckt, und vielleicht um eine kleine Rache auszuüben, sagte sie leichthin: »Und wann kommt der Freiherr, Lucy? Hat er es Dir im letzten Briefe nicht mitgetheilt?«

Ich fühlte plötzlich die Nothwendigkeit, mich niederzusetzen; die Schwäche, welche ich weder vor noch nachher empfunden zu haben mich erinnere, mochte in den jüngsten traurigen Vorgängen zum Theil ihren Grund haben. Doch bemerkten die Mädchen nicht, daß Blanche, gegen ihren Willen, die Schwester mit ihrer kleinen Malice weit weniger getroffen hatte als mich; Lucy hob den schönen blonden Kopf langsam in die Höhe und sagte gleichmüthig: »Herr von Günthershofen schrieb mir, wie Du weißt, vor einem Monat zuletzt aus Südfrankreich und meinte, es wäre möglich, daß er Weihnachten bei uns zubrächte.«

»Und Du hast ihn in Deiner Antwort gebeten, sich durch nichts abhalten zu lassen«, fuhr die ungezogene Jüngere beharrlich fort.

»Nein«, sagte Lucy, die nicht aus der Fassung zu bringen war, mit einem schalkhaften Ernst, der sie zum Entzücken kleidete, »nein, das würde sich schlecht schicken; aber er weiß, daß wir uns alle freuen, wenn er kommt. Auch Sie haben Frieden gemacht, nicht wahr?« fragte sie mich, indem sie sich zu mir neigte und meine Hände zwischen ihre schlanken Finger nahm. »Gewiß«, erwiderte ich. »Und so ist es Ihnen nicht unangenehm, hier mit ihm zusammenzutreffen?« Ich antwortete, indem sich mir das Herz schmerzlich zusammenzog, mir wurde bang bei der Aussicht auf eine Zeit, da ich jeden Tag bittere Schmerzen zu leiden haben würde, ich fürchtete mich davor, wie man sich vor dem Zahnweh fürchtet.

Noch spät, als ich mich nach dem Abendessen auf mein Zimmer zurückgezogen hatte, saß ich vor dem Feuer und suchte mir klar zu werden, ob es nicht zu feig für eine Günthershofen sein würde, denn mein Geschlecht legte mir, wie ich damals glaubte, noch ganz besondere Verpflichtungen der Selbstzucht auf, wenn ich all der Pein, die mir bevorstand, auf gute Art zu entkommen suchte. Die Aeltern von Frau Gray, zwei liebenswürdige, sehr alte Leute, hatten mich wiederholt zu sich eingeladen, ich konnte den durch meinen Verlust sehr gerechtfertigten Wunsch nach einer Ruhe aussprechen, die für die kommenden Wochen im Hause nicht zu erwarten stand, und dort, fern im Norden Englands, eine stille Festzeit verleben. Aber eins ließ ich bei diesem Plane außer Acht, meine große Sehnsucht, den Freiherrn zu sehen, und wäre es auch nur auf wenige Augenblicke jeden Tag, und seine liebe Stimme zu hören. Das Verlangen nach ihm wurde denn auch immer mächtiger, je näher die Zeit heranrückte, in welcher wir seine Ankunft erwarten durften, die er inzwischen mit Bestimmtheit angesagt hatte; nach meiner damaligen verschrobenen Art zu denken aber wurde gerade dies Verlangen der Beweggrund für mich, meinen Fluchtplan immer ernstlicher ins Auge zu fassen. »Es ist eine Schwäche« – das war der Name, den ich gern jeder natürlichen Regung beilegte – »und ihr nicht nachzugeben bist du dir schuldig«; so sagte ich zu mir selber, und bedachte ich nun erst, wie ich auch das fröhliche Gesicht John's und Roger's freundlichen Ernst entbehren sollte und all die vielen behaglichen Scenen des köstlichen weihnachtlichen Familienlebens, so erschien mir die Reise erst recht als ein verdienstlicher Act der Selbstüberwindung.

Ich klopfte denn auch eines Tages an das Zimmer der Frau Gray, in der Absicht, ihr meinen Wunsch mitzutheilen. Die liebe Frau saß am Schreibtisch, beschäftigt mit der Expedition einer Anzahl jener Billets haushaltlichen Inhalts, deren die englische Hausfrau so viele schreibt, da der nothwendige Verkehr mit dem Fleischer, Krämer und Gemüsehändler größtentheils ein schriftlicher ist. Ihre anmuthige Erscheinung ist mir gerade von jenem Tage besonders im Gedächtniß geblieben. Die stattliche Höhe, das noch immer schöne und reiche, von vielen Silberfäden durchzogene Haar um ein liebenswürdiges, etwas scharfes Gesicht, dem man die frühere Schönheit ansah, die sichern, ruhigen Bewegungen, die gewinnende Art zu sprechen, alles das machte sie würdig und geschickt, an der Spitze einer so harmonisch entwickelten Familie zu stehen, als Gattin eines echten Gentlemans, als Mutter schöner, kräftiger und braver Söhne und Töchter. Sie sah mir an, daß ich eine Unterredung wünschte, und stand daher sogleich auf, um sich behaglich, auf Alles gefaßt, wie sie lächelnd sagte, am Feuer niederzulassen.

»Nun, mein Kind, was haben Sie vor? Nichts Geringes, das kann man Ihnen abmerken.«

Als ich mein Anliegen vorgebracht und begründet hatte, schüttelte sie den Kopf.