»Jetzt, in dieser Jahreszeit dahinauf – Sie werden krank werden, und dann, gesetzt Sie kämen leidlich hin, dann die Weihnachtszeit in dem einsamen Hause verbringen, bei den Aeltern, die keine Einladungen mehr annehmen und zu denen gewiß in diesem Winterwetter auch kein Mensch kommt, da muß ja eine junge Seele wie Sie melancholisch werden. Und nun erst die Kinder hier! Was sollen die Mädchen ohne Sie anfangen? Und die Jungen, die werden es mir nie verzeihen, wenn ich Sie fortlasse. Sagt doch John in jedem Briefe, wie sehr er sich auf Sie freue, und Roger, der so große Stücke auf Sie hält!«

Sie war lebhaft geworden, jetzt hielt sie nach ihrer Art eine Weile inne und beschränkte dann selber ihre Gründe gegen meine Absicht.

»Ich darf freilich nicht nur an uns denken; wir würden Sie alle sehr vermissen, aber das ist Nebensache. Auch sind ja Blanche und Lucy alt genug, um im Hause selbstständig figuriren zu können, und in Gesellschaft zu Andern kann ich sie begleiten. John würde seine Enttäuschung mit Würde tragen müssen und Roger ist vernünftig genug, um Ihre Gründe zu ehren. Aber Sie selbst, liebe Maggie, sind Sie auch sicher, daß Sie das Rechte wählen? Denken Sie darüber nach, ob es im Sinne Ihrer Mutter gehandelt ist, wenn Sie sich von Freunden, von unschuldigen Familienfesten zurückziehen, um nur Ihren traurigen Erinnerungen zu leben.«

In dem liebevollsten Tone fuhr sie fort mir abzurathen, während ich schwieg und meine Lüge immer peinlicher, immer entwürdigender empfand. Ich konnte es zuletzt nicht mehr ertragen, stumm dazusitzen und mit sanftem Vorwurf, dem sich eine gewisse Anerkennung beimischte, mich von meinem Vorhaben abmahnen zu lassen, ich war auf dem Punkte, der mütterlichen Freundin Alles zu gestehen, ihr zu sagen, daß, so viel und so sehnlich ich auch immer an meine Mutter denke, der Schmerz um ihren Verlust nicht der Grund sei, weshalb ich das Leben hier für die kommenden Wochen so sehr fürchte, da störte uns irgend ein geringfügiger Vorfall, ein Dienstbote mit einer Frage, soviel ich mich erinnere, und als wir wieder allein waren, konnte ich die Worte nicht finden, die mir zuvor auf der Zunge geschwebt hatten. Wir verharrten eine Weile schweigend, bis Frau Gray sagte: »Wenn Sie bei Ihrem Wunsche bleiben, Maggie, so steht es mir nicht an, Sie zurückhalten zu wollen, nur werde ich Ihnen keinen sehr langen Urlaub bewilligen, denn ich halte mich für Ihre leibliche und geistige Gesundheit doch einigermaßen verantwortlich, obgleich unser Gesetz Sie für mündig erklärt. Einer von den Jungen soll Sie gleich nach Neujahr wieder hierher holen; Sie versprechen mir dann zu kommen.« Ich schlug zögernd ein, sie zog mich an sich und küßte mich. »Kind«, sagte sie, wieder Kind, wie der Freiherr schon damals mich genannt hatte. Mich peinigte das, so sehr mich die Güte der liebenswürdigen Frau rührte; fast wie der thörichte Tannenbaum im Andersen'schen Märchen, der nur wachsen will, sehnte ich mich danach, alt zu werden, um endlich einmal in der Welt für voll zu gelten.

Der Widerstand der Dame meinem Vorhaben gegenüber war Kinderspiel gewesen gegen den Sturm, den Lucy und Blanche dagegen erhoben; für nicht viel abenteuerlicher und absonderlicher als die projectirte Reise hätten sie es gehalten, wenn ich einen Zug nach Island gegen die Nebelriesen hätte unternehmen wollen. Uebrigens waren sie wirklich betrübt darüber, daß ich sie verlassen wollte, und das dauerte mich; ich kam mir zuletzt recht selbstsüchtig vor bei dem eigensinnigen Durchführen einer Maßregel, mit der ich doch nur mir selber Schmerzen ersparen wollte, welche schon so Viele haben ertragen müssen. Aber ich mußte fort, die leise Reue half nichts; traurig sagte ich dem Hause, dessen Fenster wohnlich schimmerten, um das die immergrünen Stechpalmenhecken freundlich standen, sagte dem leeren Park, der trauten Gegend auf einige Wochen Lebewohl.

Lucy fuhr mich selber nach dem Bahnhofe, obwohl sie noch ein wenig mit mir schmollte. »Wissen Sie«, sagte sie, nachdem wir einen Theil des Weges schweigend zurückgelegt hatten, plötzlich, »wissen Sie, daß ich die ganze Zeit bei mir gedacht habe, Sie gehen doch nur Ihrem Vetter aus dem Wege?« Sie sah mich dabei mit den großen Augen forschend an; zum Glück hatte die scharfe Luft, wie ich hoffen durfte, mein Gesicht schon geröthet, so mochte das Blut, was ich mir in die Wangen steigen fühlte, sich nicht weiter bemerklich machen. Im beruhigenden Bewußtsein dieses günstigen Umstandes vermochte ich denn auch bald gleichgültig zu fragen, wie sie darauf komme.

»Das will ich Ihnen sagen«, entgegnete sie und entwickelte nun ihre Gründe mit der Klarheit, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. »Einen Mann wie Ihren Vetter kann man nicht so einfach nicht leiden können; entweder man hat ihn, an Ihrer Stelle natürlich, gern, schon weil er ein Verwandter, und hat ihn sehr gern, weil er ein überlegener, besonderer Mann ist, oder man sieht ihn ganz und gar mit feindlichen Augen an, denn nur so kann er einem mißfallen, und dazu gehört ein sehr triftiger Grund. Es steht etwas zwischen Ihnen beiden, das hab' ich damals gemerkt, darum ist Ihnen seine Nähe unangenehm.«

Ja, Lucy mit ihrer Annahme, die für eine junge Dame recht scharfsinnig war, hatte einmal Recht gehabt, aber jetzt, wie anders war es jetzt!

»Sie wollen es nicht eingestehen«, meinte sie, als ich nachdenklich schwieg.

»Nein«, sagte ich mit einiger Hast, »ich habe nichts zu verhehlen. Früher waren Familienverhältnisse die Ursache, daß ich dem Vetter, der übrigens eigentlich gar nicht mit mir verwandt ist und den ich nur der Bequemlichkeit halber so nenne, allerdings nicht freundlich gesinnt war, jetzt hat sich Alles aufgeklärt und wir stehen so gut mit einander, wie man es verlangen kann. Es freut mich, daß Dir der Freiherr so gut gefällt, Lucy« – hier machte ich eine Kunstpause – »daran kannst Du sehen, daß ich ihm wohlwill.«