»Was kann es für ihn ausmachen, ob er mir gefällt oder nicht«, sagte sie gleichmüthig; sie hatte sich entweder sehr in der Gewalt oder sie empfand bei der Nennung seines Namens nicht das, was ich meiner überklugen Hypothese nach erwartete.

»Leben Sie wohl, Sie deutsche Wassernixe«, sagte sie, als ich schon im Coupé saß und sie mich leicht und mit Grazie küßte.

»Was soll das nun wieder heißen, Lucy?«

»Nun, Sie sind wie die Frauen im Märchen, die hatten unter ihren Kleidern einen Fischschwanz und außerdem kein Herz.«

»Ich danke für den Vergleich, schöne Ingeborg.«

Sie lachte und gab mir die Hand. »Aber so eine Undine kann unter Umständen ein Herz bekommen«, flüsterte sie noch. »Sie haben die Geschichte gelesen und gehen der Gefahr aus dem Wege.«

Damit ging das seltsame Mädchen und ließ mich in der nicht eben beneidenswerthen Stimmung derjenigen, welchen eben eine Ahnung aufgeht, daß sie in einem recht dummen Streich begriffen sind, während sie meinten, einen erhabenen Sieg über sich selbst davonzutragen.

Zwölftes Kapitel.

Der erfahrene Leser wird, wenn er meiner Geschichte bis hierher freundlich und geduldig gefolgt ist, sich nun nachgerade bei derselben des beruhigenden Gefühls erfreuen: es muß jetzt bald zu Ende gehen, wir werden nun bald erfahren, ob – immer vorausgesetzt natürlich, daß er nicht schon längst, nach wohl zu entschuldigender Gewohnheit, das letzte Blatt des letzten Kapitels vorweg gelesen hat und das, was sich nun noch ereignen mag, mit behaglicher Ruhe an sich herankommen läßt. Wie weit aber sind die handelnden Personen der kleinen Welt, in die ihm der Autor den Blick eröffnet, gerade zu der Zeit, wo sich ihnen unbewußt die Krisis herannaht, von jener köstlichen Ruhe entfernt, die der Leser besonders dann genießt, wenn er sich durch den eben angedeuteten kleinen Kunstgriff zur Höhe der Vorsehung jenes Weltfragments erhoben hat! Ich dachte damals, als ich in den trüben, kurzen Wintertag hineinfuhr, an alles Andere eher, als daß nun bald eine Wendung und gar eine glückliche in meinem Schicksale eintreten müsse. Mir war es im Gegentheil, als stehe ich am Anfange eines langen, geraden, trübseligen Weges, auf welchem mir rauhe Winde ins Antlitz wehen würden, gegen die ich mich keines Schutzes zu gewärtigen hätte. Du wirst es tragen müssen, sagte ich zu mir selber, daß von vielen nun kommenden Tagen dir ein jeder des Morgens seine Last von Weh aufbürdet, die bis zum Abend getragen sein will, und es ist nur gut, daß die Zeit – denn so klug oder so altklug war ich damals schon, der Zeit auch etwas zuzutrauen – daß die Zeit diese Bürde allmälig leichter machen wird. Uebrigens verhinderte dieser Ansatz zu einer philosophischen Anschauung meines Schicksals mich durchaus nicht, viele Thränen in mein Taschentuch hinein zu weinen, sodaß ich mich gegen Ende des Weges nur schwer zu einer ruhigen Miene fassen konnte. Der Zwang dauerte aber nicht länger, als bis ich, hinter dem alten Diener sitzend, der mich von der letzten Station abgeholt hatte, durch die Wiesengelände der Besitzung und zuletzt auf Kieswegen in den eigentlichen Garten eingefahren war. Hier war Alles so abgeschlossen, so friedlich, fast traurig anzusehen, daß mir die Last vom Herzen gleichsam wegthaute; ich empfand den Genuß – er wird einem nicht eben häufig zu Theil – mich in einer mit meiner Stimmung harmonirenden Umgebung zu befinden, freilich ohne mir, wie ich es jetzt bin, über den Grund dieses melancholischen Behagens klar zu sein. Es war Anfang December und die Luft auffallend mild und frühlingsartig; die immergrünen Sträucher im Garten, die hohen Tannengruppen, welche der bleiche Mond dann und wann, wenn ihn die rasch dahinziehenden Wolken auf Augenblicke frei ließen, matt beleuchtete, verhinderten den Anstrich winterlicher Oede, welchen die freien Felder draußen hatten; wie gefeit erschien die nächste Umgebung des Hauses und das Haus selbst wie der Sitz der gütigen Wundermächte. Im Stil des Zeitalters der Elisabeth gebaut, spitz und vielgieblig, mit schmalen Fenstern in der langen Mauerfläche, war es auf einer Seite ganz mit Epheu überzogen; aus dem Bogen des mittlern Eingangs fiel gastliches Licht auf den Rasen draußen. So steht es mir noch immer, wie Kindern ein Märchenschloß, von eigenem Zauber umweht, im Gedächtniß.

Spät am Abend noch, ganz ausnahmsweise spät für sie, wie mir die alte Dame freundlich sagte, saß ich zwischen den lieben Leuten am Feuer und erzählte, erzählte alles Mögliche von Goldwell-House, von dem Befinden eines Jeden, von Menschen und Thieren bis zu den Katzen hinab und bewunderte das rege, gern eingreifende Interesse, mit welchem besonders die Großmutter dem Leben dort folgte, das vortreffliche Gedächtniß und die scharfe Beobachtungsgabe, welche sie dabei unterstützten. Bis auf vierzehn Tage vor meiner Abreise wußte sie so ziemlich Alles, was sich dort von wichtigen und unwichtigen Dingen zugetragen, da sie von Tochter und Enkeln regelmäßig und in kurzen Zwischenräumen Briefe erhielt. Aber es sei doch einmal etwas ganz Anderes, erzählt zu bekommen, und ich erzähle so hübsch, meinte sie. Uebrigens wechselten wir nachgehends die Rollen und dabei stand ich mich besonders gut; der alte Herr war der Repräsentant einer in ihrer Reinheit immer mehr verschwindenden ehrenwerthen Gattung des altenglischen, auf dem Lande lebenden Grundbesitzers, innig verwachsen mit den Angelegenheiten der Landschaft, die er seit Jahren im Parlament vertrat, wohl bewandert in den oft romantischen Geschichten der in der Nähe begüterten Adelsgeschlechter und sonstigen Honoratioren, dazu unerschöpflich an Jagdanekdoten und nebenbei treu anhänglich den literarischen Koryphäen der Periode, in welche seine Jugend gefallen, im Ganzen tüchtig gebildet und weit freisinniger, als es die Klasse, zu der er gehörte, zu sein pflegt – man konnte sich keinen bessern Gesellschafter in langen Winterabenden wünschen. Es ist mir erst in spätern Jahren, als der gute Herr lange todt war, ja, als ich selber anfing, mich für eine alternde Frau zu halten, klar geworden, was seine Lebensanschauung auszeichnete, was ihr eine erquickende, beruhigende Klarheit verlieh, was das warme Licht über all die Scenen ausgoß, welche er schilderte, sodaß sie zu köstlich vollendeten Bildern wurden – es war ein Strahl von Humor, von dem echten Humor, der einige seiner Landsleute groß gemacht, von der Weisheit, welche die Welt liebevoll nimmt, wie sie ist, ohne sie etwa für vortrefflich zu halten, etwas von dem Bewußtsein des nicht zu lösenden Widerspruchs, der in den Erscheinungen zu Tage kommt. Seiner sonst so praktischen Gattin fehlten diese Gaben gänzlich; sie hatte große Reformationsgelüste und hielt dafür, daß es einigen klugen Leuten vorbehalten sei, die Welt von Grund aus zu verbessern. Beide aber hatten sich, trotz bedenklicher Verschiedenheiten in den Charakteren, so in einander gelebt, daß es eine Lust war, sie zu beobachten.