»Ja, mein Kind«, sagte die Mutter eines Tages zu mir, »es wird doch am besten sein, daß Du dem Rathe des Herrn Pfarrers folgst und die Stelle annimmst, von der er mit uns sprach; ich sehe wohl, für eine junge Dame Deines Standes, wenn sie mittellos ist, sind hier nur Demüthigungen zu erwarten.« Und nachdem sie diese Worte rasch und in einem Tone gesprochen, welcher trotz seiner Kälte ihre Gereiztheit merken ließ, schloß meine Mutter ihre Lippen fest und fuhr eifrig zu stricken fort. Ich hatte daher Zeit, über eine geeignete Antwort nachzudenken, denn erstens mußte ich der Mutter klar machen, daß etwas mehr als das bloße Annehmen jener Stelle meinerseits nöthig sei, und dann wünschte ich auch zu erfahren, welche Unhöflichkeit oder Unzartheit der Leute des Städtchens sie um den ihr natürlichen vornehmen Gleichmuth gebracht hatte. In beiden Angelegenheiten mußte ich schonend zu Werke gehen. »Ich denke, liebe Mutter«, sagte ich vorsichtig, »daß ich dann wohl am besten sogleich an jene Mrs. Gray schreibe, um ihr zu sagen –« »Daß Du gesonnen bist, die Stelle einer Erzieherin ihrer Kinder, einer Untergebenen in ihrem Hause anzunehmen, Du, ein Fräulein von Günthershofen!« unterbrach mich meine Mutter mit scharfer Stimme und fuhr bitter fort: »Ach, wenn das Dein Vater wüßte!« – »Um ihr vorerst auseinanderzusetzen, in welchen Fächern ich unterrichten kann«, sagte ich und lenkte ein, da ich meiner Mutter Stirnrunzeln bemerkte: »damit sie weiß, was ich zu unternehmen gedenke und was nicht.« – »Thue das, Kind«, entgegnete Frau von Günthershofen streng, »doch vorerst laß uns Thee trinken.« Ich legte das Tischtuch auf den Tisch, wobei ich Sorge trug, daß die gestopften Stellen desselben unter das Theebret kamen, brachte Tassen, Brod und Butter herbei, und zwar mit einem gewissen wehmüthigen Genießen dieser kleinen Dienste; sah ich doch voraus, daß ich sie nun, da meine Mutter endlich ihre Zustimmung zu meinem Fortgehen gegeben hatte, nicht mehr lange würde zu verrichten haben. Und wem fielen dieselben dann zu? Dem kleinen Dienstmädchen aus einem benachbarten Dorfe, welches wir nach seiner Confirmation ins Haus genommen und welches meine Mutter seiner hastigen, ungeschickten Bewegungen halber kaum um sich dulden konnte. Wenn ich daran dachte, daß die stattliche alte Dame, welche in frühern Jahren über die correcte Bedienung von Lakaien verfügt hatte, nun bald den unbeholfenen Versuchen unseres Lieschen allein anheim gegeben sein sollte, so erfaßte mich ein wahres Entsetzen und der Gedanke an ein Fortgehen von hier erschien mir schrecklich. Aber aufgegeben konnte er nicht werden, das verhinderte die bittere Noth; es ging eben so nicht länger. »Margarethe, Du ißt nicht«, sagte meine Mutter scharf nach einiger Zeit des Schweigens. Es war gar so wenig Butter in der Glasschale auf dem Tische – ich versicherte der Mutter, daß ich durchaus keinen Hunger habe und es höchstens über mich gewinnen könne, ein Stückchen Brodrinde zu essen, und darauf verfielen wir beide von neuem in Schweigen, bis ich infolge meines Gedankengangs mich hinüberbeugte und meiner Mutter die Hand küßte, indem ich ihr dankte für ihre Erlaubniß zur Ausführung eines lange gehegten Plans. »Es kommt mir schwer an, Dich gehen zu lassen, mein Kind«, sagte sie weich, indem sie mit ihrer schmalen Hand leise über mein Haar strich, »sehr schwer, aber –« Hier unterbrach sie sich und fuhr erst nach einer Weile in ganz verändertem Tone fort, in dem hochfahrenden, bittern Tone, den ihr das Unglück erst angewöhnt hatte: »Die Frau eines Krämers hier, eines Victualienhändlers, der sich vom Geschäft zurückgezogen, wie ich höre, hat anfragen lassen, ob Du, meine Tochter, eine gewisse Stickerei anfertigen wolltest, ich glaube, zur Aussteuer ihrer Tochter bestimmt. Es ist mir ganz unerklärlich, wie die Person dazu kommt, uns diesen Affront zuzufügen. Kannst Du es begreifen, Margarethe?« Ich begriff den Zusammenhang wohl und hätte ihn meiner gekränkten Mutter leicht erklären können, ich wäre aber lieber gestorben, als daß ich es gethan hätte. So gut ich konnte, lenkte ich daher das Gespräch auf andere Gegenstände und bat zuletzt in unbefangenem Tone, daß meine Mutter ihren Spaziergang heute allein machen möchte, da ich jenen Brief sogleich zu schreiben wünschte. Sie sah mich einen Augenblick scharf an und sagte dann lächelnd: »Du willst mich aus dem Wege haben; nun gut, ich will Dich allein lassen. Ich hoffe, Du wirst so schreiben, wie es einer Günthershofen zukommt.« Ich richtete mich hoch in die Höhe und warf den Kopf zurück, eine Bewegung, durch die ich meine Mutter eher beruhigen konnte als durch viele Worte. »Du wirst Deinem Großvater immer ähnlicher, Margarethe«, sagte sie noch nachdenklich, als ich meine effectvolle Stellung längst verlassen hatte, um ihr den alten, noch immer eleganten Spitzenshawl um die Schultern zu hängen, in welchem sie, wenn sie langsam und aufrecht durch die Straße ins Freie hinausschritt, so prächtig aussah, daß es die Frauen des Städtchens der »alten Adligen« gar nicht verzeihen konnten.

Ich war allein und richtete nun in bescheidenen Ausdrücken einen Brief an jene Mrs. Gray, deren Wunsch, eine Erzieherin für ihre Kinder direct aus Deutschland zu engagiren, ich durch unsern freundlichen Pfarrherrn erfahren hatte. Der Pfarrer war vor Jahren Hauslehrer in England gewesen und hatte seine Verbindungen mit einigen Familien dort mit Vorliebe aufrecht erhalten.

Mit klopfendem Herzen bot ich meiner Mutter bei ihrer Zurückkunft den Brief zum Lesen und fühlte eine große Erleichterung, als sie abwehrend mit dem Kopfe schüttelte, da ich wußte, daß sie, wenn sie das unglückliche Document gelesen hätte, dasselbe unfehlbar zerrissen haben würde.

Die gute Mutter – sie begab sich bald zur Ruhe und ich trug nun mit leisen Schritten aus einem dunkeln Kämmerchen neben der Küche, wo er ängstlich verborgen gehalten wurde, einen Korb mit verschiedenen Wollsorten und Perlenschnüren herbei und begann zu sticken. Hatte ich doch auf diese Weise schon Monate lang, im Complot mit der freundlichen Gattin des Kaufmanns, welcher diese Arbeiten verwerthete, der Mutter manche Erleichterung verschaffen können, mit einer Genugthuung, die freilich getrübt wurde durch das leidige, so nothwendige Geheimhalten des kleinen Erwerbszweigs.

Jetzt regte sich's in der Schlafkammer der Mutter; ich horchte ängstlich und wagte nicht einmal den Faden vollends auszuziehen. »Margarethe!« rief die Mutter plötzlich; ich sprang auf, so hastig, daß ich dabei die Schachtel mit den Glasperlen umwarf, die zu Thautropfen auf meinen wollenen Rosen bestimmt waren. Mit einem Geräusch, welches mir alles Blut nach dem Herzen trieb, rollten die garstigen kleinen Dinger auf den Fußboden, ein nicht endenwollender Regen. »Margarethe, mein Kind«, sagte die Mutter, »Du hast Dir in der letzten Zeit angewöhnt, gar zu lange zu lesen; ich hoffe, Deine Lectüre ist wenigstens eine gediegene; es wird Dir von Nutzen sein, wenn Du Racine und Corneille wieder einmal vornimmst; Du kannst –«

»Liebe Mutter«, wagte ich zu unterbrechen, obwohl mit unsicherer Stimme, »ich las eben nicht, ich war mit Nähen beschäftigt.« Diese Lüge schien mir in dem Augenblick ein geringeres Unrecht als die Unredlichkeit, meine Mutter in ihrem Irrthum zu belassen. »Ich – ich bessere Einiges aus – unsere Tafelleinwand«, fuhr ich in Verzweiflung heraus, da die Mutter in unwilligem Schweigen verharrte. »So«, sagte sie, etwas versöhnt durch meine letzte Wendung. »Strenge Deine Augen nicht zu sehr an, liebes Kind; geh bald schlafen. Gott segne Dich!«

Diese liebreichen Worte brachten mich vollends außer Fassung. Die Scham über meine Lüge und Zorn über die bittere Nothwendigkeit, welche mich zu derselben gebracht, Alles zusammen war zu viel; ich eilte in das Zimmer zurück und brach in heftiges Weinen aus, welches durch die Anstrengung, mein Schluchzen zu unterdrücken und von meiner Mutter ungehört zu bleiben, beinahe krampfhaft wurde. Aber dieser erleichternde Ausbruch durfte nicht lange währen; ich trocknete mir schließlich die Augen und machte mich entschlossen daran, die unseligen Glasperlen aufzulesen, eine jede einzelne, auf daß keine verrätherischen Spuren meines nächtlichen Treibens zurückblieben.

Zweites Kapitel.

Nach einigem Hin- und Herschreiben und auf eine warme Empfehlung unseres Pfarrherrn hin hatte sich Mrs. Gray dahin entschieden, mir das Amt einer Erzieherin ihrer Kinder anzuvertrauen. Meine nicht sehr umfangreiche Garderobe war gepackt und ich hatte mich entschlossen, nun Abschied zu nehmen von den wenigen Familien, mit welchen wir verkehrten. Dazu hatte ich mir den letzten Tag ausersehen, an dessen Nachmittag ich abreisen sollte. Bis dahin hatte ich mich selten und auf Augenblicke nur von meiner Mutter getrennt, von unbeschreiblicher Traurigkeit erfüllt bei dem Gedanken, sie bald verlassen zu müssen. Auch ihr gehaltenes und ernstes Wesen war zu rührender Zärtlichkeit gegen mich erwarmt. Am Abend vor dem letzten Tage rief sie mich, die ich nur wenige Schritte von ihr entfernt die Blumen besorgte.

»Margarethe«, sagte sie, »ehe Du mich verläßt, will ich Dir einige Aufschlüsse über unsere Familienverhältnisse geben, welche Dir, als einem erwachsenen Mädchen, zu wissen gebührt.«