Mein Herz klopfte; auf ähnliche Worte meiner Mutter hatte ich schon lange gewartet. Ich zog einen niedrigen Schemel neben sie; sie saß in ihrem Lehnstuhl, aufrecht, die noch immer schönen, schlanken Hände übereinandergelegt, und schaute gerade vor sich hin.

»Du wirst Dich Deines Vaters kaum erinnern«, begann sie nach einer Weile, »ach, und ich habe Dir wenig von ihm erzählt. Es reut mich jetzt; sein edles Bild hätte in Dir belebt werden sollen, er wäre mit Dir gegangen ins Leben als eine Stütze, ein steter Hort, in allen Zweifeln hättest Du Dich an ihn wenden können, er würde Dich immer das Gute, das einzig Rechte haben wählen lassen. So ist er mit mir gegangen, im Geiste, diese siebzehn Jahre; täglich hat er mir gerathen, aber ich behielt diesen trostreichen Verkehr für mich wie ein Heiligthum, von dem man kaum reden mag, aus Furcht, es zu entweihen.«

Hier schwieg die Mutter wieder einige Minuten lang und fuhr dann in verändertem Tone fort: »Der Vater war Oberjägermeister beim Fürsten von ..., der damals seinen kleinen, aber prächtigen Hof in B. hielt. Ich lebte dort als Hofdame der Fürstin, einer schönen, vortrefflichen Frau, die mich sehr liebte. Mein Vater, der Freiherr von Ardenberg, hatte bis zu seinem Tode auf unserm Gute, Schloß Ardenberg, mit großem Aufwand gehaust. Als er gestorben, fanden wir Frauen uns beinahe arm; das Majorat fiel natürlich meinem Bruder zu. Meine Mutter blieb bei ihm, ich kam an den Hof und sah von da an meine Angehörigen nur noch selten. Einmal wurde ich plötzlich nach Schloß Ardenberg gerufen – die Mutter lag im Sterben, ich drückte ihr wenige Stunden nach meiner Ankunft die Augen zu. Bei dem Bruder fühlte ich mich nicht wohl, seine Gemahlin war nicht ebenbürtig, ich konnte mich nie an ihre Art und Weise gewöhnen, bald kehrte ich nach B. zurück. Du wunderst Dich wohl, mein Kind«, unterbrach sich hier die Mutter, »daß ich so kalt von meiner Familie spreche; es ist wahr, viel Liebe ist nie zwischen uns verschwendet worden. Wir waren, mein Bruder und ich, im französischen Stil, von einer Hofmeisterin, erzogen, die Aeltern sahen wir als Kinder nur zu bestimmten Stunden des Tages. Meine Mutter war eine kalte Frau von höchst aristokratischem Wesen; der Vater liebte rauschende, kostbare Zerstreuungen und widmete sich seiner Familie selten; nie habe ich, dem äußern Anstande nach, einen vollendetern, liebenswürdigern Cavalier gesehen. Du siehst ihm ähnlich, liebe Margarethe, Du hast seine Augen und seine Stirn und bist schlank wie er, auch erinnert mich Dein Wesen an ihn, bei Deinen kleinen Dienstleistungen, die Du mir mit wahrhaft ritterlicher Galanterie zu Theil werden läßt.«

Ich fühlte mich roth werden vor Vergnügen; die Mutter in ihrer ernsten, beinahe strengen Art lobte mich so selten.

»Aber ich werde geschwätzig, recht wie eine alte Frau«, fuhr sie jetzt fort, »ich muß mich zusammennehmen. Deinen Vater, den Herrn von Günthershofen, kannte ich am Hofe von B. mehrere Jahre lang; er war um Vieles älter als ich, ein herrlicher, ernster, edler Mann, der dastand wie ein Fels der Ehre in den Strudeln des leichtfertigen Hoflebens. Ich hatte ihn stets verehrt; die ausgezeichnete Achtung, mit der er mich vor andern Frauen behandelte, that mir unendlich wohl. Aber als er eines Tages zu mir kam und mich um meine Hand bat, mich selber, in schlichten Worten – als ich den hohen, schönen Mann vor innerer Bewegung zittern und erblassen sah, da verlor ich fast das Bewußtsein, vor Schrecken anfangs, der langsam einem überwältigenden Entzücken wich. Er legte mein Schweigen und meine Gemüthsbewegung falsch aus, aber obwohl er meinte, seine Hoffnung aufgeben zu müssen, schien er an sich selber kaum zu denken in der Sorge um mich.«

Die Mutter schwieg hier; ich merkte es kaum, so sehr war mein Geist erfüllt von den Gestalten, welche sie mit ihrer einfachen Erzählung heraufbeschworen hatte. Ich spann den Faden weiter, ich malte mir die Scene zwischen dem schönen Hoffräulein und dem werbenden Cavalier bis ins Kleinste aus. Wie glücklich hatten sich die zwei gefunden, die so innerlich wahr, so geradeaus und edel waren in einer Welt der steifen Form, der hohlen, anspruchsvollen Etikette. Aber ich fand bald, daß ich mich geirrt hatte mit dem leidenschaftlichen Schlußact, den ich mir ausgedacht. Der Freiherr von Günthershofen hatte, nachdem ihm doch endlich klar geworden, was das Erbleichen und die Verwirrung des Fräuleins von Ardenberg zu bedeuten gehabt, derselben beim Gehen ehrfurchtsvoll die Hand geküßt, als seiner »liebwerthen Braut«, weiter nichts – so fest hatten sich die Formen der Gesellschaft jener Tage auch um die Beiden gelegt.

»Die Fürstin entließ mich ungern, aber mit vielen Beweisen ihrer Huld«, fuhr meine Mutter fort. »Wir blieben am Hofe, wo Deinen Vater seine Stellung festhielt, und waren sehr glücklich in unserm Kinde, einem herrlichen Knaben. Du hast mich von Deinem Bruder sprechen hören – er war ein unvergleichliches Kind. Auffallend schön war er, wie sein Großvater, mein Vater gewesen. Von seinem Vater hatte er die im Knabenalter schon stattliche Höhe, die Kraft, den Muth und die Wahrheitsliebe, welche oft Eigenthum der Starken sind. Nie ist über seine Lippen die geringste Unwahrheit gekommen, er hätte es verachtet, auch nur den Schein einer Lüge auf sich zu laden durch Wort oder Handlungsweise. Wir lebten ganz in ihm – Dein Vater und ich. – Es war während einer kurzen Abwesenheit meines Gemahls, daß das Schicksal uns traf. Unser Sohn, unser Hugo, war am Morgen fröhlich fortgeritten mit einigen jungen Edelleuten, die zum Haushalte des Fürsten gehörten; obgleich er weit jünger war als sie, machten seine Größe, seine Stärke und Gewandtheit und sein durchdringender Verstand ihn zum passendern Gefährten für diese jungen Leute als für seine Altersgenossen. Wie oft habe ich seitdem bereut, daß ich ihn fortgelassen!« Meine Mutter preßte die Hände gegen die Stirn in einer Art hülflosen Sichgehenlassens, wie ich es nie an ihr gesehen. »Ich war stolz darauf, daß sie ihn zum Genossen begehrten, ich sah ihm nach und freute mich an seinem gewandten und sichern Reiten. Am Abend wurde er mir sterbend ins Haus gebracht; er konnte nicht mehr sprechen, aber ich verstand seine Augen wohl, seine schönen, beredten Augen, aus denen er mich ansah mit unendlicher Liebe und Sorge, er bat mich mit ihnen um Verzeihung für das Herzeleid, welches er mir bereitete durch sein Sterben. Todesmatt suchte er noch nach meiner Hand, ohne die Augen von mir abzuwenden, seine großen, flehenden Augen, er versuchte zu lächeln, mich anzulächeln – so starb er.«

Die Mutter schwieg, aber sie hatte keine Thränen; nach einer Pause fuhr sie in hartem Tone fort: »Sein Pferd war gestürzt und er über den Hals des Thieres fortgeschleudert worden. Man hatte ihn für todt aufgehoben, aber während des Nachhausetragens belebte ihn die scharfe Nachtluft noch einmal, seine kräftige Natur wehrte sich gegen den Tod. – Dein Vater war niedergeschmettert durch den schweren Verlust, aber er richtete sich auf an der Aufgabe, mich zu trösten, da mich der Schmerz um meinen Sohn fast wahnsinnig machte. Nach Monaten erst legte sich meine heftige Verzweiflung, ich wurde ruhig, aber Lebensmuth und Energie wollten nicht wiederkehren. Ich saß still vor mich hin, wenn ich allein war – und Deinen Vater riefen Dienstpflichten leider häufig von mir fort – ich lehnte alle Besuche ab und bewegte mich stets in ein und demselben Gedankenkreise; ich dachte das ganze Leben meines Kindes durch, von dem Augenblicke an, wo es geboren worden, bis zu dem seines Todes; jedes Wortes und seiner Miene dabei suchte ich mich zu erinnern; manchmal überfiel mich eine Todesangst bei dem Gedanken, ich könnte irgend etwas von ihm vergessen und es so ganz verlieren. Als ich mich in diesem Zustande befand, welcher gefährlich zu werden drohte, schien in unserm Fürst große Theilnahme für mich zu erwachen. Ich habe von ihm noch nicht zu Dir gesprochen und es kostet mich einige Ueberwindung, es jetzt zu thun.«

Die Mutter schwieg hier, als müsse sie ihre Gedanken sammeln, meinem verwunderten Blick aber begegnete sie mit so abweisender und strenger Miene, daß ich die Frage, welche ich schon auf den Lippen hatte, zurückdrängte. Nach einigen Augenblicken fuhr sie dann fort und man merkte ihrer Stimme den Zwang an:

»Er war uns immer ein gnädiger Herr gewesen. Aus der alten französischen Schule, liebte er die raffinirtesten Genüsse und bereitete seiner edeln Gemahlin viele Kränkungen, ohne jedoch je das, was er ihr äußerlich schuldig war, aus den Augen zu verlieren. Du wirst mich kaum verstehen, mein Kind – genug, er war im Lande gefürchtet und wenig geliebt; er ordnete das Wohl des Volkes seinen Vergnügungen unter. Uns aber, wie gesagt, Deinem Vater und mir, war er stets beinahe ein Freund gewesen; wir hegten nur Empfindungen der Dankbarkeit und Anhänglichkeit gegen ihn, indem wir das, was in seiner Lebensweise zurückstoßend erschien, der Zeit und der Anschauungsweise, in welcher er groß geworden, zuschoben. Als er sich daher bei mir melden ließ, einige Monate nach Hugo's Tod, empfing ich ihn voll dankbarer Ueberraschung in tiefster Ehrerbietung. Er hatte sonst etwas sehr Herbes und Hartes in seinem Wesen; das streifte er so ganz ab, sprach in so liebenswürdiger Weise, erst vorsichtig, dann herzlich und voll Antheil, über meinen Verlust, daß ich es ertrug, ihn reden zu hören, und Deinem Vater, während dessen Abwesenheit der Besuch gemacht worden war, denselben mit mehr Lebhaftigkeit erzählte, als ich seit langem gezeigt hatte. Er war erfreut, besonders über den guten Eindruck, welchen die Gnadenbezeigung des Fürsten auf mich gemacht zu haben schien. Nach einigen Tagen wurde dieselbe wiederholt, und von da ab kam der Fürst häufiger; er kam, bis ich ihm die Thür weisen mußte«, sagte die Mutter mit unbeschreiblicher Bitterkeit in Miene und Ton. Sie wollte fortfahren, als sie durch unsere kleine Magd unterbrochen wurde, welche, in der Thür stehen bleibend, der Mutter sagte, es sei ein Herr draußen, der sie zu sprechen wünsche. Ungeduldig winkte die Mutter mit der Hand, sie war noch so sehr in den Gedanken befangen, welche ihre Erzählung in ihr wachgerufen hatte, daß sie in dem Besuche nur eine Störung auf wenige Augenblicke zu erwarten schien, nach welchen sie fortfahren könne. Sonst hätte sie auch nach dem Namen des Besuchers gefragt, ehe er angenommen worden wäre. So trat der Herr nun gleich hinter Lieschen herein, die ihm mit dem Kopfe eine einladende Bewegung zu machen sich begnügt hatte.