Ich war aufgestanden und zur Seite gegangen. Der Fremde trat einige Schritte ins Zimmer und blieb dann stehen, von meiner Mutter zu mir und von mir wieder zu meiner Mutter blickend. Die saß am Fenster, durch welches der Abendhimmel so hell glänzte, daß der Eintretende geblendet ihr Gesicht gar nicht sehen konnte. So entstand eine Pause von einigen Augenblicken, welche peinlich zu werden begann. Ich konnte nicht begreifen, warum meine Mutter, sonst die höflichste Wirthin, nicht aufstand und dem Herrn entgegentrat. Jetzt erst sah ich nach ihr hin und erschrak; sie war todtenbleich geworden und starrte mit einer Art Entsetzen auf das Gesicht des Fremden hin.
»Mutter«, sagte ich endlich, indem ich näher trat und meine Hand leise auf ihren Arm legte, »Mutter, der Herr wünscht Dich zu sprechen.« – »Ja, mein Kind?« erwiderte die Mutter fragend und zerstreut, dann aber, sich ermannend, stand sie auf, und mit der ihr eigenen stattlichen Höflichkeit nöthigte sie den Gast, auf dem Sopha Platz zu nehmen, auf dem kleinen, ärmlichen braunen Sopha – es war mit Heu gestopft, und mir stieg immer thörichterweise das Blut ins Gesicht, wenn sich unter einem Niedersitzenden das verrätherische Knistern der zusammengedrückten Halme hören ließ. Die Mutter aber lud zum Sitzen darauf mit derselben unnachahmlichen Handbewegung ein, mit der sie ehemals die Höchsten des Landes auf seidene Causeusen eingeladen hatte.
Der Fremde hatte noch nichts gesprochen, aber in seinem Wesen nicht etwa Befangenheit oder gar Verlegenheit, sondern die überlegene Ruhe eines weltgewohnten Mannes und dazu ein gewisses freundliches Sichgehenlassen gezeigt, welches ihn als einen Grandseigneur erscheinen ließ.
»Sie kennen mich nicht, Frau von Günthershofen«, sagte er endlich lächelnd, »und das wundert mich nicht; es ist sehr lange her, daß wir uns nicht gesehen haben.«
Er schwieg wieder und schien zu erwarten, daß die Mutter etwas sagen würde. Auf deren Zügen aber malte sich jetzt von neuem das ängstlich Forschende von vorhin, sie ahnte offenbar, wen sie vor sich habe.
»Ich bin Bardolph von Günthershofen«, sagte er endlich – die Mutter bewegte sich auf ihrem Sitze – »und komme nach langer Abwesenheit von Deutschland, um unter meinen Verwandten auch Sie zu begrüßen. Ich fühle, verehrteste Frau, daß der Schritt, welchen ich wage, der Bitte um Entschuldigung bedarf; vielleicht werden Sie mir verzeihen, daß ich Sie mit meiner Gegenwart belästige, wenn Sie gehört haben werden, was mich zu Ihnen trieb. Es war der Wunsch, hier auszusprechen, daß ich jetzt, als Mann, mich von dem Vorgehen meiner Familie während meiner Knabenzeit in Betreff jenes beklagenswerthen Processes lossage, daß ich Ihnen, als einzige Sühne, die zur Zeit in meiner Macht steht, meine Mißbilligung einer Handlungsweise ausdrücke, welche vom Standpunkte des Rechts vielleicht nicht anzutasten ist, sich aber schwerlich von dem der Humanität aus vertheidigen läßt.«
Die Mutter, welche bisher mit unbewegter Miene geradeaus geblickt hatte, wendete jetzt den Kopf und sah den Freiherrn groß an.
»Recht, Humanität? Das sind sonderbare Worte von Ihrer Seite«, sagte sie dabei in einem Tone, bei dem mir das Blut heiß in die Wangen stieg. »Sie müssen mir erlauben, den einen wie den andern Ausdruck als unstatthaft zu bezeichnen in Verbindung mit Allem, was jene Angelegenheit betrifft. Ich will mich deutlicher erklären, mein Herr, es wird das jedem Versuche Ihrerseits vorbeugen, mir ein weiteres Urtheil über die Sache abzunöthigen: ich habe noch keinen Augenblick geglaubt, daß bei der Entscheidung des Processes zwischen Ihnen und meinem Gemahl das Recht irgendwie mitgesprochen habe.«
Die Mutter hatte den Besucher, während sie diese Worte sprach, unverwandt angesehen; auf seiner Stirn war die Röthe des Unwillens erschienen, als er aber nach einigen Augenblicken antwortete, war seine Stimme weich, man hörte ihm Mitleid und Schonung für die Mutter an.
»Sie sind durch Ihr freilich herbes Geschick wohl etwas unbillig geworden, hochverehrte Frau; ich fürchtete das, ist es doch kaum anders zu erwarten. Meiner ernsten Ueberzeugung nach befinden Sie sich im Irrthum über den Verlauf der Angelegenheit, einem Irrthum, den ich um so mehr beklage, da er von vornherein Alles, was ich noch sagen könnte, entkräften muß, während ich die Unmöglichkeit einsehe, ihn zu heben.«