Er schwieg nachdenklich. Die Mutter hatte sich inzwischen gefaßt und beherrschte von da ab die nicht mehr lange Unterhaltung mit vollkommener Ruhe, aber in einer Art, die dem Freiherrn peinlich sein mußte, denn geflissentlich lenkte sie stets von dem Gegenstande ab, über welchen er noch Manches auf dem Herzen zu haben schien; er mußte fühlen, daß der Zweck seines Besuchs, insofern derselbe eine Art Verständigung mit der alten Dame hatte bewirken sollen, verfehlt war. Höflich fragte sie ihn nach seinen Reisen, seinen Studien, den Ergebnissen derselben; seine Versuche, einige Worte von Herzen zu ihr zu sprechen, ignorirte sie völlig. So stand er nach kurzer Zeit auf, da in dem für mich beängstigenden Gespräche eine Pause eingetreten war. »Ich muß nochmals um Verzeihung bitten«, sagte er, sich leicht vor der Mutter neigend, »wegen meines Ueberfalls. Daß Ihnen ein Zusammentreffen mit mir nicht angenehm sein würde, fürchtete ich, verehrte Frau, aber ich konnte von meinem Standpunkt aus nicht anders handeln, als indem ich vor Ihnen aussprach, was Sie vorhin von mir gehört haben. Noch eins bleibt mir hinzuzufügen: wüßte ich, daß ein Unrecht vorläge, so würde ich stets bereit sein, dasselbe wieder gut zu machen.«

Die Mutter erwiderte diese Worte durch eine steife Verbeugung. Jetzt erst schien Herr Bardolph mich zu bemerken. »Fräulein von Günthershofen?« fragte er höflich. Meine antwortende Verneigung mochte linkisch ausfallen; noch nie war ich mir meines ärmlichen Anzugs so quälend bewußt gewesen als jetzt, vor dem vornehmen Träger unseres Namens.

»Ja, das ist meine Tochter«, bemerkte die Mutter ihrerseits und fügte mit einer gewissen bittern Genugthuung im Ausdruck hinzu: »Sie verläßt mich morgen, um die Stelle einer Gouvernante in England anzunehmen.«

Was dem Freiherrn das niedrige Zimmer, in welchem er sich befand, die Einrichtung, von der er uns umgeben sah, längst hatten sagen müssen, das sprach die Mutter mit diesen Worten zum Ueberflusse aus; er mochte Alles herausfühlen, was sie an herber Anklage hineinlegte, und daß solchen Verhältnissen gegenüber ein blos höfliches Zueinanderstehen zu den Unmöglichkeiten gehöre. So sagte er mir denn einige Worte der Anerkennung über meinen Entschluß, wobei er meine Hand ergriff, und ging dann. In der Thür aber wendete er sich noch einmal um. »Ich möchte Sie noch bitten, zu glauben«, sagte er, »daß nichts mir größere Freude machen würde, als Ihnen in irgend einer Weise dienlich zu sein. Es könnte ja für Sie, hochverehrte Frau, oder für Sie, mein Fräulein, immerhin ein Fall eintreten, in dem Sie eines männlichen Beistandes bedürften. Ihre Angelegenheiten würden mir dann am Herzen liegen wie meine eigenen.«

»Wo er nur diese bürgerliche Bonhommie her hat?« sagte die Mutter, als die Thür sich hinter dem Besucher geschlossen hatte, mit feindseligem Blick. »Die liegt doch wahrlich nicht in der Familie.« Und dann die bösen Worte: »Weißt Du, was das bedeuten kann, wenn einer von den Räubern so zu dem Beraubten spricht? Hätt' ich noch etwas zu verlieren, so würde ich denken, sie trachteten auch danach; so möchte ich den Schritt anders auslegen. Nun, wir werden sehen.«

Dies waren die einzigen Worte, welche die Mutter über einen Vorfall verlor, der mir viel zu denken gegeben hat. Sie ließ sich, wie ich bemerken konnte, durch den Besuch des Freiherrn von Günthershofen nicht im geringsten in ihrer Ueberzeugung in Betreff der vergangenen Ereignisse, von denen ich noch hören sollte, beirren, ja sie deutete denselben in einer Weise, welche diese Ueberzeugung unterstützte. Ihre Erzählung nahm sie, sobald wir uns zurecht gesetzt hatten wie zuvor, wieder auf, als sei kein Zwischenfall vorgekommen.

»Du wirst Dich erinnern, wo wir stehen geblieben sind. Nun, wir konnten nach dem, was ich vorhin andeutete, uns nicht mehr am Hofe aufhalten. Und bald darauf trug sich bei einer nothwendigen geschäftlichen Zusammenkunft zwischen Deinem Vater und dem Fürsten Einiges zu, was uns sogar den Aufenthalt im Lande unmöglich machte. Kind«, unterbrach sich hier die Mutter und sah mich ernst an, »es heißt, man solle Niemand hassen, die christliche Religion verbietet es. Ich habe ihrer Vorschrift in diesem Punkte nicht nachzuleben vermocht, fast möchte ich sagen, ich verwerfe dieselbe. Denn es gibt Menschen, die man hassen muß, mit all der Kraft, die unser Wille besitzt; wir würden an moralischem Werthe sinken, wenn wir in uns nicht den Haß gegen solche vorfänden. Gott Lob, ich kann hassen, einen Menschen freilich nur, und der eine ist der Fürst. Er ist lange todt, aber wie der höchsten Liebe ihre Gegenstände nicht sterben, wie sie mit gleicher Stärke Lebendige und Todte umfängt, so kennt auch der Haß den Tod nicht. Ich würde nicht sagen können, ich habe jenen Mann gehaßt, sondern nur: ich hasse ihn, hasse ihn in diesem Augenblicke und für alle Zeiten. Auch Du, Margarethe, so hoffe ich, wirst ihn hassen lernen, wenn Du erfahren haben wirst, was wir ihm Alles verdanken. Mir hat er die entsetzlichste Kränkung zugefügt, welche man einer Frau anthun kann, und dann, nach Art der ganz Schlechten, die sich vor den Folgen ihrer Schändlichkeiten nicht anders zu sichern wissen, als daß sie den alten stets neue beifügen, dann hat er Deinen edeln Vater ebenfalls bis auf den Tod beleidigt, ihn aus der Heimat vertrieben, beraubt, um Ehre und guten Namen gebracht, zum Bettler gemacht – gebrochenen Geistes und Herzens ist einer der reinsten, besten Menschen im Elend gestorben.«

Traurige Erinnerungen mochten die Sprechende hier fast übermannen, sie fuhr erst nach einer Pause in leiserem Tone fort:

»Ich muß Dir das Alles genauer erzählen, meine Tochter, es ist Dir lange genug unbekannt geblieben. Wir gingen nach der Schweiz; in Frankreich hätten wir gern gelebt, aber das Land blutete noch an den Wunden der Revolution; in der Schweiz, am Genfersee, waren wir ferne Zeugen so mancher Bewegungen dort. Wir hatten bisher von den Einkünften unserer verpachteten Grundbesitzungen gelebt – Dein Vater bezog keinerlei Gehalt mehr vom Fürsten – nach einiger Zeit aber, kurz vor Deiner Geburt, traten plötzlich Stockungen in den Zahlungen ein. Durch Briefe wurde nichts geändert und Dein Vater entschloß sich, obwohl sehr ungern, selber nach B. zu gehen. Ich fügte mich der Nothwendigkeit der Reise, aber mir war entsetzlich bange dabei, ich hatte eine unerklärliche Furcht vor den Folgen derselben. Während der Abwesenheit Deines Vaters wurdest Du geboren, Margarethe. Kein Wunder, daß Du stets ein ernstblickendes Kind warst, daß Du den Zug der Traurigkeit im Gesicht noch jetzt kaum los werden kannst« – ich versuchte zu lächeln, um meiner Mutter das Gegentheil zu beweisen, aber es mochte schlecht gelingen, denn sie schüttelte wehmüthig mit dem Kopfe – »mit der Muttermilch«, sprach sie weiter, »hast Du vielen Jammer eingesogen, Du spätgeborenes armes Kind. Von Deinem Vater erhielt ich zwar häufig Nachricht, er schrieb mir die liebevollsten Briefe, aber sie sagten mir nicht genug, ich fühlte heraus, daß er aus Vorsorge für mich mir Manches verbarg, und dies versetzte mich in die quälendste Unruhe. So verging Woche auf Woche; die Zeit, wo sonst das Kind, das neugeschenkte Leben, der Mutter größte Freude, ihr ernstestes Studium ist, in welchem sich alle ihre Interessen concentriren, diese Zeit verfloß mir in Angst und Sorgen um Deinen Vater. Endlich kündigte er mir in einem kurzen, von Erregung zeugenden Schreiben seine baldige Rückkehr an. Der Tag kam; wir standen auf der Terrasse unseres Hauses, ich und die Wärterin mit Dir – ach, ich weiß es noch, als wenn es gestern gewesen wäre. Obgleich ich nur zerstreut auf die Landschaft umher schaute, hat sie sich mir doch unverwischbar eingeprägt, gerade wie sie an jenem Tage erschien: der stille, kühle See, nach dessen Tiefe ich oft ein eigenes, wildes Verlangen hatte, die grünen Ufer mit glänzenden Häusern übersät, der Himmel darüber, an dem die duftigsten Wolken zogen, die köstliche Frische des ganzen Bildes. Und nun kam Dein Vater: die Landstraße zog sich am Fuße unseres Gartens hin, die Kutsche hielt, ich sah ihn heraussteigen und stürzte mich ihm entgegen. Auf der untersten Terrasse erreichte ich ihn erst, so langsam war er gestiegen. Er nahm mich in seine Arme und hielt mich lange fest, bis ich fühlte, wie er wankte; wir gingen nach einem Sitze und er fiel schwer darauf nieder, mit schlaffen Gliedern. Jetzt sah ich erst, wie sehr er sich in den wenigen Wochen verändert hatte. Sein Haar war völlig ergraut, seine sonst schönen, klaren und durchdringenden Augen blickten matt und trübe, aus dem Gesichte war die Spannkraft gewichen, das Bewußte, Gefaßte; offen stand für Jeden darauf zu lesen, der Mann war tief unglücklich, gebrochen. Er sprach nicht, sah mich auch nicht an, sondern blickte vor sich hin ins Weite. Mit namenloser Angst hing ich mit den Augen an seinem Antlitz; ich wagte auch nicht zu reden. Endlich legte ich leise meine Hand auf die seine, nannte ihn beim Namen und erwähnte unser Kind. Da fuhr Dein Vater auf. »Ja so«, sagte er mit einem Lächeln, das mir in die Seele schnitt, »unser Kind; komm, Louise, wir wollen zu ihm, es ist ja wohl in der Nähe.« Und wir stiegen zusammen hinauf, indem er sich auf mich stützte; er sei sehr müde von der Reise, sagte er, sehr müde.«

Hier hielt die Mutter inne, erschöpft durch die auf sie eindringenden schmerzlichen Erinnerungen. »Ich werde zu weitläufig«, sagte sie dann, »aber es ist schwer, sich kurz zu fassen bei einer solchen Erzählung. Ein jedes Wort weiß ich noch, was an jenem Tage zwischen uns geredet worden. Dein Vater hatte mir das Unglaublichste zu berichten. Man hatte sein Recht auf seine Erbgüter angetastet, der andere Zweig der Familie war mit Ansprüchen auf dieselben hervorgetreten, heimlich vom Fürsten begünstigt, welcher, wie ich glaube, die Schändlichkeit allein ins Werk gesetzt hatte, um uns für immer aus dem Wege zu räumen, seinem Haß und seiner Rachsucht folgend. So war das größte Unrecht begangen worden, eine schamlose Fälschung vorgenommen. Es war damals freilich noch Alles in der Schwebe, aber Dein Vater sah sich in einem Netze von Bosheiten, gegen dessen Gewirre er sich in seinem edlen Geradsinn vergebens zu wehren suchte. Der Kampf gegen offenes, von oben begünstigtes Unrecht ging über seine Kräfte, er zog sich zurück mit der Aussicht, ein Bettler zu werden. Du denkst vielleicht, Margarethe, er hätte nicht aufgeben dürfen, denkst, das Recht hätte am Ende siegen müssen, Dein Vater hätte standhafter und energischer sein sollen. Sein Alter aber und so manche Verhältnisse wirkten niederdrückend mit. Die Welt war damals in einer Gärungsperiode; die Zeit, in welche unsere Jugend gefallen war, schien durch eine große Kluft von der Gegenwart getrennt. Neue Ideen brachen sich Bahn; sie waren ihm, der sich stets in einem gewissen, scharf gezogenen Kreise bewegt hatte und in diesem mit vollkommener Reinheit und Einheit des Charakters, fremd, unheimlich beinahe; schon die Jahre, welche er in der Schweiz verbracht, so fern vom Langgewohnten, unter Menschen, deren Gesichtskreise so verschieden von dem seinen waren, daß sich fast kein Anknüpfungspunkt fand, schon diese waren Schmerzensjahre gewesen. Nun sollte zum Exil die bittere Noth treten, er sollte sein geliebtes Weib und ein kleines, einziges Kind darben sehen, sollte in seinem Alter noch, anstatt eines heitern Abends zu genießen, das würdige, greise Haupt sanft gebettet, die kleinliche, elende Noth des Lebens, täglichen Mangel kennen lernen – das war zu viel. Seine Gesundheit litt unter diesen nagenden Gedanken, die Sorge um uns, der Kummer über die Entbehrungen, welchen wir nach seinem Tode preisgegeben sein würden, machten ihn beinahe wahnsinnig. Wir mußten uns einschränken, mußten unsern bisherigen Aufenthaltsort verlassen; es zog uns nach Deutschland zurück und wir ließen uns in C., einer kleinen Stadt unseres Nachbarländchens, nieder; dort verlebtest Du Deine ersten Jahre, Margarethe, zwischen traurigen Gesichtern. Deinem Vater war Dein Anblick stets ein Stich ins Herz, er war überhaupt menschenscheu geworden. Die Bestätigung seiner Befürchtungen erreichte uns bald: wir verloren Alles bis auf eine kleine jährliche Rente, das Legat einer alten Tante Deines Vaters, welches unantastbar war. Bisher hatte er es immer ganz den Armen überwiesen, jetzt bildete es unser einziges Subsistenzmittel, denn ich besitze kein Vermögen, wie es unsere Verwandten, unsere Rechtsfeinde, geglaubt hatten und noch zu glauben scheinen. Niemand wohl als eine Magd, ein Mädchen von unsern Gütern, welche treu zu uns hielt, hat gewußt, wie arm wir geworden waren. Du warst etwas über drei Jahre alt, da Dein Vater starb, der sich seit seiner Reise nach B. nie mehr erholt hatte.«