Die Mutter schwieg nun, sie hatte ihre Erzählung beendet. Ich hatte während derselben einen wahren Sturm von Gefühlen durchgemacht. Bald drangen mir die Thränen in die Augen und zwar nicht nur bei den traurigsten Momenten der Geschichte, ich mußte weinen, wenn die Mutter die frühern Zeiten schilderte, die jetzt so ganz, ganz vorbei waren, so abgeschnitten von uns für immer. Nicht daß der Gedanke an unsere jetzigen Entbehrungen mich traurig gemacht hätte, nein, dieselbe Wehmuth würde mich überkommen haben, wenn ich von aller Eleganz des modernen Lebens umgeben gewesen wäre. Es war nur das Gefühl des Wechsels in allen menschlichen Dingen, dieses Gefühl, welches einem den Boden unter den Füßen fortnimmt, sodaß man sich losgerissen von Allem und heimatlos vorkommt. Und dann stieg mir auch wieder alles Blut ins Antlitz oder drängte sich nach dem Herzen und nahm mir den Athem, wenn ich von dem brennenden Unrecht hörte, welches uns angethan worden war, wenn ich hörte, wie mein Vater und mein Bruder ja eigentlich auch – so dachte ich wenigstens damals in meiner Bitterkeit – gemordet worden waren durch jenen fluchwürdigen Hof, wenn ich an die zwanzig Jahre der Entbehrung dachte, die hinter meiner armen Mutter lagen. Aber einige Fragen brannten mir noch auf den Lippen. »Der Hof von B.?« sagte ich. »Ist eingegangen«, erwiderte die Mutter, bitter lächelnd. »Das Fürstenthum wurde, wie Du wissen wirst, mediatisirt und der Fürst, dessen Privatvermögen ziemlich bedeutend war – er hatte in den letzten Jahren zu sparen angefangen – zog sich nach Italien zurück, wo er starb. Die Fürstin war schon vor längern Jahren heimgegangen; eine Tochter war unglücklich verheirathet und hatte, wie man sich zuflüsterte, den Verstand verloren über einige Sonderbarkeiten ihres Gemahls; sie hat Jahre lang auf einem einsamen Jagdschlosse in tiefster Abgeschiedenheit gelebt, jetzt ist sie auch todt; die Söhne sind verschollen, wie ich glaube.«
»Und jene Günthershofen, welche sich unsere Güter erschlichen haben?« fragte ich weiter.
»Ei, die essen und trinken, freien und lassen sich freien«, sagte die Mutter bitter. »Es waren mehrere Brüder, Vettern Deines Vaters; einer hat viele Kinder, er wirthschaftet auf Erbrück; die Familie soll etwas verbauert sein. Der andere, ein geiziger, mißtrauischer Mann, welcher sich ein lebenslängliches Unglück in einer schönen, leichtfertigen und verschwenderischen Frau auf den Hals geladen, ist kürzlich gestorben. Bardolph ist sein Sohn, der ist nun Herr auf Günthershofen, dem Stammschlosse, Deinem Erbtheil.«
Also der war es! Ich begriff jetzt das abstoßende Benehmen meiner Mutter gegen den Freiherrn, ich theilte ihren Unwillen. Wie hatte er es wagen können, in unsere Nähe zu kommen, die Augen nur zu meiner edlen Mutter aufzuschlagen, er, der, ein Eindringling und ein Dieb, auf fremdem Erbe saß! War er etwa gekommen, um unsere Armuth sich anzusehen und sie vielleicht nachher in den Salons seiner Freunde zu Bonmots auszubeuten, oder, was noch schlimmer, uns achselzuckend zu bemitleiden, »die eigensinnigen armen Verwandten, die noch nicht einmal mit sich reden lassen wollen«? Ich sagte meiner Mutter, was ich dachte.
»Du weißt noch nicht Alles«, entgegnete sie mir. »Ich kannte ihn ja nicht, als er eintrat, und doch überlief es mich bei seinem Anblick – er ist das Ebenbild des Fürsten. Seine Aeltern haben auch einmal bei Hofe gelebt; Seine Hoheit hat damals nur versuchen wollen, wie ich die Gunstbezeigungen aufnehmen würde, welche bei einer andern Frau von Günthershofen Anklang gefunden hatten.«
Ich war ein unerfahrenes, einfältiges Mädchen und verstand anfänglich die Mutter kaum, aber das Verständniß für Alles, was sie gesagt hatte, kam mir bald, da ich unaufhörlich im Geiste mir ihre Worte wiederholte und über dieselben brütete, und ich wurde fast plötzlich eine Andere; geistige Reife trat ein und mit ihr das Denken und der Schmerz. Wir saßen nun noch eine lange Zeit schweigend bei einander; meine Mutter hatte meine Hände in die ihrigen genommen und es war, als zöge ein geheimer Strom so von ihr zu mir, mir schien es, als sähe ich jetzt mit ihren Augen und fühlte mit ihrem Herzen, sie war mir näher gerückt als je zuvor. Soweit ich zu denken vermochte, war die Mutter zwar stets liebevoll und auch sorgsam, aber gar so unnahbar gewesen. So hatte ich schon vor Jahren bemerkt, daß von so manchen kleinen Künsten, welche Frauen beim Beschaffen des Nothwendigen oft anwenden müssen, die Mutter weniger verstand als ich. Jene Magd, von der sie gesprochen, ein tüchtiges Mädchen, hatte in meinen ersten Jahren das Hauswesen und meine Garderobe aufs sparsamste besorgt; als sie sich verheirathete und mit Thränen und mancher guten Lehre von mir Abschied nahm, fiel alles das zum größten Theil in meine kleinen Hände und verursachte mir vielerlei Sorge. Nicht daß die Mutter das Nähen und Beschicken unter ihrer Würde gehalten hätte, es fehlte ihr die stete Aufmerksamkeit auf das Geringfügige; sie hatte etwas unbeschreiblich Vornehmes in ihrem Wesen, und fast jede Frau, die mit ihr gelebt, hätte sich wohl stillschweigend in die Rolle einer Kammerjungfer neben ihr finden müssen. So hatten wir uns trotz aller Liebe nicht ganz nahe gestanden; ich fühlte, daß die Mutter in einer andern Welt hauste als ich, in einer Welt, von der meine Vorstellungen nur höchst unklar sein konnten, da die Mutter nie zuvor von der Vergangenheit, in welcher sie lebte, ein Wort zu mir gesprochen hatte. Jetzt schien diese Schranke plötzlich gefallen; ich wußte nun, was die starke Frau Alles ertragen hatte, und liebte sie wenn möglich noch tausendmal mehr als früher. Ich selber aber kam mir auf einmal ganz anders vor: herausgerüttelt war ich aus meiner harmlosen, fast demüthigen Weltanschauung; es war aber nicht etwa der Gedanke an den Rang meiner Familie, sondern die Gewißheit unverschuldeten Unglücks, welcher mir eine erhöhte Stimmung gab und für alle Folge auf meine Charakterbildung eingewirkt hat. Die Menschheit war in der Schuld gegen uns, wir hatten an sie zu fordern, und dies Bewußtsein erfüllte mich mit einer Art Stolz; ich sagte mir, daß ich in diesem Falle weit lieber leidend als handelnd mich verhalten wolle.
Die Mutter hatte lange mit einem finstern Ausdruck auf dem noch immer schönen Gesichte starr und aufrecht dagesessen; jetzt lösten sich ihre Züge, und sie sagte weich: »Es war nöthig, daß Du die Schicksale Deiner Aeltern kanntest, liebe Margarethe, sonst hätte ich Dir gern diesen Blick in das Treiben der bösen, bösen Welt erspart. Ich hoffe, mein Kind ist edel genug, um nicht dadurch den Glauben an die Güte der Menschen zu verlieren; es wäre schlimm«, fügte sie freundlich lächelnd hinzu, »wenn Du Deinen künftigen Zöglingen als Misanthropin gegenübertreten wolltest. Und nun laß uns von Deinem demnächstigen Wirken sprechen.«
Die Mutter hatte sich so weit mit meinem Fortgehen ausgesöhnt, daß sie mir manchen guten Rath, manche liebevolle Warnung mit auf den Weg gab. So verging der letzte Abend, den ich mit ihr zubrachte, uns in beinahe feierlicher Stimmung. Der nächste Morgen kam heran, der Morgen meines Reisetags. Ich ging, um Lebewohl zu sagen, zu den wenigen Familien im Städtchen, mit denen wir einigen Umgang hatten, und ließ mir die üblichen guten Wünsche mit auf den Weg geben. Zu dem Pfarrherrn kam ich zuletzt; auf seinen Segenswunsch freute ich mich, denn mir war weichmüthig zu Sinne. Er ergriff denn auch meine beiden Hände und sagte herzlich, wie er wünsche, daß ich dort in dem neuen Kreise Freunde finden möge. »Und einen Freund haben Sie ja hier«, fuhr er fort, »von dem Sie mir noch nie erzählt hatten; ein Freiherr von und zu Günthershofen« – er betonte die Titel mit komischer Gravität – »war heute Morgen bei mir. Er ist lange außer Landes gewesen, wie er mir erzählte, und wollte nun Einiges über Sie und Ihre Mutter wissen; er sei manchen Familienmitgliedern durch die lange Abwesenheit ziemlich fremd geworden, sagte er, wie denn das so gehe. Ein schöner, stattlicher Herr und sehr angenehm. Er sprach davon, daß es ihm hier in der Gegend gefalle und daß er vielleicht für einige Zeit seinen Aufenthalt in der Nähe nehmen werde; aber vorerst wollte er noch einige Monate reisen. Er erwähnte England, und es wäre nicht übel, wenn er Sie dort aufsuchte, liebes Fräulein; eine Gouvernante nimmt oft gleich eine ganz andere Stellung ein im Hause durch den Besuch eines Angehörigen und nun gar eines Barons. Ich sagte das und er bat um Ihre Adresse.«
»Und haben Sie ihm dieselbe gegeben?« brach ich endlich hervor. Ich hatte den alten Herrn bis hierher reden lassen, weil ich nicht wußte, wie ich meinem maßlosen Erstaunen und Zorn über das, was ich zu hören bekam, Worte geben sollte. »Haben Sie ihm die Adresse gegeben, hat er sie?« rief ich noch einmal.
»Ja, mein Kind, ja, und wäre Ihnen dies etwa unangenehm? Warum –«