Der Pfarrer brach ab und sah mich befremdet an, ich mochte sehr erregt aussehen. Sogleich bedachte ich aber auch, daß, wenn ich jetzt all meinem Unwillen und Aerger vor dem unvorbereiteten Freunde Ausdruck geben wollte, ich dadurch unserer guten Sache nur schaden würde. Sehr ruhig setzte ich ihm daher, soweit es sich thun ließ, auseinander, wie zwischen uns und der Familie jenes Herrn alle andern eher als freundschaftliche Beziehungen existirten, und hütete mich, die Entfremdung als eine romantische Familienfehde aus alter Zeit erscheinen zu lassen; ich sagte ihm, wie jene sich eingedrängt hätten in unsern Besitz und uns hinausgeschoben, und ich mußte erleben, daß der alte Herr den Kopf schüttelte und mir die Heftigkeit meiner Redeweise verwies.
»Gemach, gemach; man kennt Sie ja gar nicht wieder, Fräulein Margarethe«, sagte er. »Sehen Sie das Alles auch aus dem richtigen Gesichtspunkte an? Hatten jene Familien auf die fraglichen Besitzthümer gar kein Recht?«
»Nein, gar keins«, sagte ich rasch.
»Aber sie mußten doch vor Gericht irgendwelche Ansprüche geltend machen; welches waren diese?« Das wußte ich nicht. »Und hat nicht Ihr Herr Vater vielleicht einen gütlichen Vergleich ausgeschlagen?« Auch darüber konnte ich keine Auskunft geben, kurz, mit der Gewißheit in mir, daß falsches Spiel gespielt worden sei, stand ich endlich vertheidigungslos da, wie eine unerfahrene Schwärmerin, welche den Dingen, wie sie einmal sind, keine Rechnung trägt. Das war die erste bittere Erfahrung, die ich in dieser Angelegenheit auf eigene Hand machte und zwar an einem wohlwollenden Menschen. Ich zog darauf die Fühlhörner ein und entschloß mich vor allem, mir bei meiner Mutter, wenn es thunlich, genaue Auskunft zu holen über jene angeblichen Ansprüche und manches Andere, um ein anderes Mal besser gerüstet zu sein. Ziemlich kalt verabschiedete ich mich von dem Pfarrherrn; seine guten Rathschläge nahm ich nicht so willig und unbefangen hin, wie es vor wenig Tagen geschehen sein würde, sondern hörte sie, innerlich in Angriffsstellung, schweigend an. Die meiner Mutter sagten mir besser zu; sie ermahnte mich, nicht zu vergessen, wer ich sei.
»Etwas aber«, fügte sie hinzu, »möchte ich Dir noch anempfehlen, was Dir Deine Arbeit erleichtern wird. Wie Du Dich gegen diejenigen, welche über Dir, und die, welche unter Dir stehen werden, zu verhalten hast, das wird Dir Dein Standesgefühl und Deine Vernunft sagen; die Kinder aber, bei denen mache Dir's leicht: suche sie zu lieben, dann geht Alles und kommt Alles ins rechte Gleis. Und nun segne Dich Gott! O Margarethe, er wird die Gebete einer einsamen alten Frau hören und Dich behüten!«
Damit schieden wir. Ich fuhr von der Heimat fort mit einem Gefühl der Verlassenheit und des Jammers, welches dadurch nicht leichter für den Einzelnen wird, daß es so Viele schon empfunden haben und noch empfinden werden.
Drittes Kapitel.
Die Familie der Mrs. Gray, in welche mich das Schicksal und zwar ein freundliches geführt hatte, bestand aus dem Vater, der Mutter, zwei fast erwachsenen Söhnen, zwei jüngern Mädchen, meinen Zöglingen, und einer ganzen Menge kleinerer Kinder, von damals sechs Jahren an abwärts, deren Zahl sich, da sie sich regelmäßig jedes Jahr um eins vermehrten, auf die Dauer nicht feststellen ließ. Zwischen der fünfzehnjährigen Blanche und dem sechsjährigen Gordon waren mehrere Kinder gestorben und durch diesen Zwischenraum die vier ältern von der Heerde der »Kleinen« ganz abgesondert. Herr und Frau Gray kamen mir bald mit Herzlichkeit entgegen und betonten es in ihren freundlichen Gesinnungen ganz besonders, daß von seiten der Dame sich deutsches Blut in der Familie befinde, während Herr Gray schottischer Abkunft war. Durch diese Umstände herrschte in der Familie nicht der specifisch englische Ton, welcher unangenehm sein mag; man war etwas kosmopolitisch im Hause und meinem Vaterlande besonders zugethan. Von Demüthigungen, welche die Stellung einer Gouvernante oft mit sich bringen soll, habe ich nie etwas erfahren. Die Geselligkeit der Familie war eine liebenswürdige, angeregte und ich bewegte mich in derselben bald mit Genuß, nachdem mir Idiom und Gebräuche geläufig geworden waren.
Eines Abends, wohl ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, saß ich in meinem Zimmer, welches auf eine Veranda hinausging, die auf drei Seiten das Haus umgab, und die Aussicht auf den schönen parkartigen Garten hatte. Noch eine Stunde fehlte bis zur Zeit des Abendessens, und da mehrere Gäste sich im Hause befanden, war ich mit meinem Anzuge beschäftigt und eben recht in das Ausputzen meines leichten Kleides vertieft, als mir plötzlich durch eine Ideenverbindung, vielleicht von dem geringsten Umstand angeregt, ein anderes Kleid einfiel, welches ich oft mit Ehrfurcht und Entzücken betrachtet hatte und das für meine ganze Jugend der Inbegriff von Pracht gewesen war – das Brautkleid meiner Mutter. Nun war freilich meine Mutter, meine einsame, geliebte Mutter, nie ganz aus meinen Gedanken, aber jetzt überfiel mich plötzlich eine Sehnsucht nach ihr, wie ich sie lange nicht mehr gefühlt hatte, und zugleich ein Gefühl des Unrechts, daß ich so ganz in dem Leben hier aufgegangen war, daß ich kein Heimweh mehr gehabt hatte, daß ich vergnügt, ja glücklich gewesen, während meine Mutter stets die Bürde ihrer Einsamkeit und ihrer traurigen Erinnerungen trug. Was that ich denn für sie? Ihre äußere Lage freilich konnte ich erleichtern, aber hatte ich keine andere Mission? Was hatte ich damals bei ihrer Erzählung, was bei den Worten des Pfarrers gefühlt! War es mir nicht klar geworden, daß meine Stellung zu der Welt eigentlich keine andere als eine feindliche sein konnte? War es nicht eine Schwäche, jemals, auch nur auf Augenblicke, das Unrecht zu vergessen, unter welchem wir lebten, welches uns in unsere gegenwärtige Lage hinabgedrückt hatte? Und mein fröhliches Mitleben in dieser Gesellschaft, von deren Existenz ich vor einigen Monaten noch nichts gewußt, war das nicht ein hohler Compromiß mit der uns feindlichen Welt?
So dachte ich, schämte mich meiner Charakterschwäche und fühlte mich dabei sehr unglücklich. Auf den mir bevorstehenden heitern Abend blickte ich nur mit Beklommenheit hin; wäre es nicht recht, daß ich mich von dergleichen Vergnügungen zurückzöge? Ich überlegte, wie sich dies thun lasse, ohne Aufsehen zu erregen, da hörte ich John's, des jüngsten der beiden ältern Söhne, fröhliche Stimme auf der Veranda. Er kam an die Glasthür, welche aus meinem Zimmer auf dieselbe führte, klopfte und trat auf meinen Wink mit einer komischen Geberde schalkhafter Schüchternheit herein. Das war auch ein Zeichen meiner Schwäche, warf ich mir jetzt im Stillen vor, daß ich den siebzehnjährigen wunderhübschen Jungen so rasch vorzugsweise lieb gewonnen hatte. Es wäre freilich schwer gewesen, das zu verhindern, er war der Liebling aller, die ihn kannten. Auch jetzt warf er mit seiner Aufforderung, mich doch zu eilen, man wolle im Garten zu Abend essen und dann noch auf dem Flusse eine Kahnfahrt unternehmen, alle meine misanthropischen Entschlüsse über den Haufen. Aber die Gedanken, welche vor kurzem wieder in mir aufgewacht waren, blieben thätig. Als ich spät, nach einem herrlichen Abend, in mein Zimmer trat, ergriffen sie mich wieder, als hausten sie in der Luft desselben, nur nahmen sie jetzt eine andere Form an. Durch die Stunden froher Geselligkeit, welche hinter mir lagen, fühlte ich mich beschämt, meine vorherigen Anwandlungen kamen mir thöricht vor. Der Zusammenstoß mit einigen heitern, klaren und sicher lebenden Menschen hatte bewirkt, daß mir meine vagen, weltschmerzlichen Ideen unnütz und kleinlich erschienen. Wenn ich nun einem der Herren hier, einem dieser gebildeten, weltgewandten Männer meine Geschichte erzählte, dürfte ich etwas verlauten lassen von meinem Entschlusse, mich von nun an der Welt gegenüber in das Gefühl des Unrechtleidens pathetisch und thatlos einzuhüllen? Ein Engländer würde diese deutsche Gefühlsseligkeit gar nicht verstehen. Aber – der Gedanke durchzuckte mich plötzlich – würde er nicht wahrscheinlich fragen: Und können Sie sich nicht wieder zu Ihrem Rechte verhelfen? Konnten wir nicht unser Recht geltend machen, konnte das damalige elende Spiel nicht jetzt aufgedeckt werden, wo wir unter den Gesetzen standen, wie sie eine unparteiische Regierung verwaltete? Konnte man nicht handeln, anstatt nur zu leiden? Es erschien mir jetzt unbegreiflich, daß ich nie früher daran gedacht, daß meine Mutter nicht diesen Weg eingeschlagen hatte. Sollte ihre Mittellosigkeit sie vor einem Processe haben zurückschrecken lassen? Nein, dazu kannte ich ihren Stolz und die Starrheit ihres Charakters zu gut. Hätte sie müssen ihr Letztes daran setzen, hätte sie es wagen müssen, sich bei dem Versuche vollständig und wörtlich zur Bettlerin zu machen, so würde sie das Alles nicht abgehalten haben, ihr Recht zu fordern. Es mußten andere Gründe, in der Angelegenheit selbst liegend, bei ihrem Verhalten den Ausschlag gegeben haben. Ich wollte mir von ihr Auskunft verschaffen; schon am folgenden Tage schrieb ich und bat sie, mir die nähern Umstände jenes Rechtshandels so genau wie möglich auseinander zu setzen und mir zu sagen, ob ihr nie der Gedanke gekommen, nach meines Vaters Tod die unrechtmäßigen Besitzer unserer Güter mit dem Gesetze anzugreifen. Während ich gespannt auf Antwort wartete, traten Umstände ein, welche mich merkwürdig unterstützen zu wollen schienen.