Ich saß eines Nachmittags mit meinen Zöglingen im Garten; die regelmäßigen Lehrstunden waren durch die Vacanz der Brüder, während welcher die Familie gewöhnlich eine Erholungsreise unternahm und auch diesmal zu machen gedachte, aufgehoben. Wir lasen »Iphigenie«, zur allgemeinen Erbauung; auch John, welcher von seiner öffentlichen Schule einen guten Grund im Deutschen mitgebracht hatte, betheiligte sich und unvergleichlich klangen aus seinem Munde die Worte des Orestes, da er von künftigen Thaten spricht, die wie Sterne aus dem Nebel auf seine Jugend hineinglänzten. Ich sage, sie klangen unvergleichlich, und doch hörte ich ihn kaum, die Mängel der ausländischen Aussprache konnten mich daher auch nicht stören. Der Sinn des Ganzen sprach zu mir und wurde wunderbar unterstützt durch sein Aussehen, sein Gesicht; ich sah ihn an und erfreute mich daran, daß man kein schöneres Bild eines griechischen Jünglings sich hätte denken können als ihn. Während wir so saßen, trat Roger, der älteste Sohn, mit einem fremden Herrn zu uns, dessen Namen ich bei der Vorstellung nicht verstand; ich hielt ihn für einen Universitätsfreund Roger's, welcher damals in O. studirte.
Die Angekommenen baten, daß man sich nicht stören lasse; wir lasen weiter, unvermerkt aber nahmen die beiden Neuangekommenen die Rollen des Thoas und des Pylades auf, welche ihnen meine Zöglinge, die sich dem fremden Zuhörer gegenüber nicht behaglich gefühlt haben mochten, willig genug überließen, während Iphigenie mir blieb. Mir fiel bald das vortreffliche Lesen des Fremden auf; ich sah ihn zuweilen verwundert von der Seite an – sollte es ein Deutscher sein? Aber warum hätte er dann nicht die Landsmannschaft geltend gemacht? Es entspann sich in den Pausen der Lectüre bald ein Gespräch, und an der Aussprache des Ankömmlings wurde es mir vollends klar, daß ich es nicht mit einem Engländer zu thun hatte, ich befestigte mich in meiner Ueberzeugung, daß er ein Deutscher sein müsse. Warum aber hatte er als solcher mich nicht als Landsmännin begrüßt? Das Unterlassen hatte etwas fast Beleidigendes, denn er hatte gehört, wer ich sei. So ließ ich es denn auch bei dem fremden Idiom, und Herr Forster – aus seinem Namen freilich konnte man auf die Nationalität nicht schließen – Herr Forster und ich begegneten uns von da ab auf dem neutralen Gebiete des Englischen. Er wollte, wie ich bald erfuhr, einige Zeit bei uns bleiben und die Familie sogar auf ihrem Ausflug in die schottischen Hochlande begleiten.
Die Vorbereitungen zur Reise wurden gemacht und es gab viel zu thun im Hause; das deutsche Lesen unterblieb und wir alle waren fast nur während der Mahlzeiten vereinigt, wo Herr Gray sich ein Vergnügen daraus zu machen pflegte, mir politische und andere Nachrichten aus Deutschland mitzutheilen, von denen er wußte, daß sie mir Interesse einflößten, wie mir denn jetzt in der Fremde erst für die staatlichen Verhältnisse meines Vaterlandes einiges Verständniß aufging. Wir sprachen dann häufig viel von deutschen Zuständen, und nun wurde auch Herr Forster in diese Unterhaltung hineingezogen, von dessen Umständen übrigens Niemand außer Roger viel zu wissen schien. Eines Tages gab er uns bei einer solchen Gelegenheit so eingehenden Aufschluß über deutsche Rechtszustände, daß ich zu der Ueberzeugung kam, wir hätten einen deutschen Juristen vor uns. Ein deutscher Rechtskundiger, hier, in meinem Bereiche, der mir über das, was mich Tag und Nacht beschäftigte, Aufklärungen geben konnte! Vor einer solchen Chance mußte meine, wie mich dünkte, berechtigte Zurückhaltung ihm gegenüber weichen. Noch an demselben Tage traf ich ihn in den Gängen des Gartens mit einem Buche; er grüßte und wollte wieder fremd an mir vorübergehen, da trat ich auf ihn zu und bat ihn, ein wenig mit ihm reden zu dürfen.
»Warum«, fragte ich ihn nun auf Deutsch, »warum, mein Herr, reden Sie nicht unsere Muttersprache zu mir? Es scheint sonderbar, daß zwei Deutsche, die sich in der Fremde treffen, nicht in ihrer Sprache mit einander verkehren; es ist fast, als riefe man sich durchs Sprachrohr an, wenn man nahe bei einander steht.«
Er lächelte über den Vergleich und sagte ganz gelassen: »Es ist vielleicht eine Grille von mir, gnädiges Fräulein, daß ich mir vorgenommen habe, Deutschen gegenüber im Auslande mich nicht als Landsmann zu geriren; doch läßt sich mein Verhalten theilweise begründen: man könnte durch die Bekanntschaft mit mir compromittirt werden – ich bin ein politischer Verbrecher.«
Ich hatte in meinem einsamen Leben zu Hause wenig über die zeitbewegenden Fragen gehört, kannte die Stichwörter nicht und mag daher bei diesen Worten nicht wenig entsetzt ausgesehen haben. Herr Forster lächelte wieder und schien nun schon mehr Gefallen an einer Unterhaltung zu finden, bei der die naivsten Vorurtheile zu überwinden waren.
»Und was, denken Sie wohl, kann ich verbrochen haben, Fräulein?« fuhr er fort und sah mich zum ersten Male mit den hellbraunen Augen ganz freundlich an. »Gemordet, gestohlen, Brand gestiftet?« Und dabei lachte er hell auf. »In den feudalen Kreisen hat man von unsereinem oft wunderliche Vorstellungen; wer weiß, vielleicht hat Ihre Wärterin Sie in den Schlaf gesungen mit schrecklichen Geschichten von wilden Demagogen und mordlustigen Rebellen.«
»Sie machen sich über mich lustig, Herr Forster«, sagte ich nun meinerseits, »und meine Unwissenheit mag das wohl verdienen. Ich weiß nicht, was dazu gehört, zum politischen Verbrecher gestempelt zu werden.«
»Dazu kann, um Ihnen ein Beispiel zu geben, gehören, daß man eine Rede gehalten hat, in der man sich mit zu großer Aufrichtigkeit über einige Maßregeln der Regierung ausgesprochen und den Ausspruch des persischen Dichters nicht beherzigt hat: Wer die Wahrheit spricht, muß statt der Arme Flügel haben. Diese Flügel haben mir nun freilich gute Freunde geliehen, denn ich bin aus der Untersuchungshaft entkommen und, wie Sie sehen, hier und frei.«
»Und können Sie nicht in die Heimat zurück?« fragte ich, der jede Art von Exil ein schweres Schicksal schien.