Ich sah den Freiherrn an, aber er blickte nicht zu mir herüber, was ich ihm sehr übel nahm; er dankte unserm Wirthe und sagte, er habe nichts lieber als einen scharfen Ritt an einem Wintertage. Auf Befragen erzählte er vom Winter in der Heimat, von der Jagd dort, so verschieden von der englischen grausamen Parforcejagd, von dem Wildstand auf seinen Gütern, von diesem und jenem, während ich ungeduldig die Aufhebung der Mahlzeit erwartete und dem Freiherrn fast zürnte, daß ihm so wenig an dem Ritt mit mir gelegen schien, da er denselben durch sein Gespräch verzögerte.

Endlich stand man auf. Ich eilte fort, bestellte die Pferde, war im Nu im Reitkleid wieder unten und hatte die Kränkung, einige lange Minuten auf meinen Begleiter warten zu müssen. So drehte ich mich denn gar nicht um, als er endlich kam und aufstieg; ich war schon im Sattel und deutete, halb zu ihm gewendet, mit der Gerte auf den Weg, welchen wir jenseits des Gartens zu nehmen hatten. Dann ging's fort; ich setzte, als wir endlich die schöne ebene Landstraße erreicht hatten, mein kleines Pferd in scharfen Trott, was den Freiherrn überraschen mochte, denn er war nicht gleich bereit, mir zu folgen, und brachte sein Thier erst nach einigen Minuten neben mich. »So rasch, Fräulein Margarethe?« fragte er lächelnd; ich nickte, der alte Trotz und ein ganz neuer toller Uebermuth überkamen mich.

»Mit dem alten Herrn hab' ich immer bedächtig reiten müssen«, sagte ich; »thun Sie mir das Eine zu Gefallen und lassen Sie uns eine Weile galoppiren.«

Statt aller Antwort gab er seinem Rassepferd den Zügel, und es schoß dahin; ärgerlich über den Vorsprung, den er gewann, brauchte ich die Gerte, riß am Zügel und brachte so mein sonst lammfrommes Rößchen in eine der meinen ähnliche Stimmung; es griff tüchtig aus. Die scharfe klare Luft erhöhte den unbeschreiblichen Reiz der raschen Bewegung; mein Herz hüpfte vor Lust, mit meinem ganzen Wesen, möchte ich sagen, begleitete ich den Takt der matt auf dem festen Schnee hallenden Hufe; ich warf den Kopf zurück und sah mit Entzücken auf die schneebedeckten schimmernden Felder, auf den sie begrenzenden hellblauen Himmel, die sonnenverklärte farbige Nebelschicht am Horizont, die dunkelgrünen Tannengruppen hier und da; freilich die gewöhnlichen, unzählige Male hergenannten Factoren der Winterlandschaft par excellence, aber welcher Duft lag darüber, welches unbeschreibliche Etwas war in der Luft, sodaß sie einen vor Lust fast toll machte. Ich sagte Aehnliches, während wir dahinsausten; die wilde Jagd müsse doch nicht so übel sein und ich für mein Theil möchte so fort reiten bis ans Ende der Welt. »Aber auf Geisterpferden«, sagte Herr von Günthershofen; »Ihr Thier zum Beispiel hält schon bald nicht mehr aus.«

Das war nun allerdings die Wahrheit; das Thierchen ließ nach an Schnelligkeit, trotz Zügel und Gerte, es wäre grausam gewesen, dasselbe ferner anzutreiben. Aber des Freiherrn Bemerkung gefiel mir doch nicht; es war von da an, als stände etwas zwischen uns, ich konnte mich nicht mehr, wie den Abend zuvor, der Freude an seiner Nähe hingeben, seine Art und Weise hatte mich erkältet.

So ritten wir denn vernünftig neben einander, und ich erinnerte mich meiner Verpflichtung, ihm, was ich irgend Bemerkenswerthes von der Landschaft wußte, zu erzählen. Auf die Besitzungen, an denen wir vorbeikamen, machte ich ihn je nach ihrer Merkwürdigkeit aufmerksam; ich nannte ihm den Edelmann aus dem Hofstaate Heinrich's VIII., der dies Schloß gebaut, erzählte ihm, wie Georg IV. häufig jenes mit seinem Besuche beehrt, zeigte ihm das Gut, dessen Herr die besten Rennpferde in der Gegend halte, deutete auf den Hügel abseits im Felde, der aus heidnischer Vorzeit berühmt war, kurz, ich machte mich so nützlich, wie ich konnte, und mein Begleiter bewies durch manche Frage, daß er meinem Texte Aufmerksamkeit schenkte.

Nach einem weiten Rundritt kamen wir wieder auf das Haus zu, ohne von einander nur ein Wort gesagt zu haben. Wir hatten den besten Theil des Tages auf unsern Ritt verwendet; als wir vom Mittagstisch aufstanden, dämmerte es bereits; ein Tag, einer von den drei Tagen, die mir das Schicksal als Geschenk gönnte, war nun schon bald entglitten und hatte nicht gehalten, was er versprochen. Schade, schade darum, dachte ich; aber ich mochte mir nicht eingestehen, wie es zum großen Theil meine Schuld gewesen, daß zwischen dem Freiherrn und mir heute kein freundschaftliches Wort gefallen war. Jetzt nahm ihn der alte Herr in Beschlag, ich schlüpfte hinaus und auf mein Zimmer; da saß ich auf einem niedrigen Schemel neben dem alterthümlichen, geradlehnigen Stuhle, der in der Fensternische stand, lehnte den etwas müden Kopf an das geschnörkelte Holz desselben und schaute durch die Scheiben nach dem schönen, hellen Himmel, an welchem der Vollmond mit der Dunkelheit auf der Erde an Macht gewann. Da hörte ich draußen die Stimmen der Großmutter und des Freiherrn, ohne mir viel dabei zu denken; als es bald darauf an meine Thür klopfte, glaubte ich, die alte Dame würde gutmüthig scheltend eintreten und mich hinunterholen, wie sie häufig that. So sagte ich denn, da sich die Thür öffnete: »Ich komme schon«, noch von dem hellen Himmel geblendet nach dem dunkeln Grund des Zimmers hin. Die eingetretene Person schloß die Thür hinter sich und that auf dem weichen Teppich einige Schritte vorwärts. »Darf ich, liebe Margarethe?« Ich erkannte jetzt erst den Freiherrn. »Die alte Dame, glaub' ich, hat sich entsetzt, indem ich um die Erlaubniß bat, Sie hier aufsuchen zu dürfen; aber was blieb mir Anderes übrig, wenn ich Sie einmal für mich haben wollte? Bin ich draußen mit Ihnen, so wollen Sie mir fortreiten bis ans Ende der Welt – ich muß Sie einmal förmlich belagern, um endlich zu erfahren, wie es Ihnen eigentlich geht.«

Ich bat den Freiherrn, sich niederzulassen, und ging, das Feuer im Kamin zu schüren, welches nun hell aufflackernd seltsame Lichter und Schatten im Zimmer erzeugte; die Fensternische wurde vom hochstehenden Monde vollständig erhellt. Als ich zurückkam, hatte Herr Bardolph sich in den Schatten gesetzt und mir den geschnitzten Sessel so gerückt, daß das Licht voll darauf fiel.

»Setzen Sie sich dahin«, bat er. Ich that es ohne weiteres, wollte mich aber meinerseits dem hellen Strahle entziehen, indem ich den Stuhl leise fortzuschieben versuchte. Er legte die Hand auf die Armlehne. »Thun Sie mir das Eine zu Gefallen und bleiben Sie gerade da, Margarethe«, sagte er dabei mit eigenthümlicher Betonung. Er will mir jetzt von seiner Verlobung erzählen und dabei soll ich im Lichte sitzen und er bleibt im bequemen Schatten? dachte ich und fand die Einrichtung unbillig. Doch ergab ich mich darein und saß, die Hände im Schooße, wie Jemand, der sein Urtheil erwartet. Als ein seltsamer Anfang zu den Erörterungen, denen ich entgegensah, mußte es mir erscheinen, daß der Freiherr abermals meine Hand ergriff und fast ängstlich festhielt, während er sich vorbeugte, aus der schützenden Dunkelheit heraus, sodaß ich sehen konnte, wie sein Gesicht sehr bleich war und eine ihm sonst fremde Spannung darauf zu liegen schien.

»Ich wollte Sie besonders fragen«, begann er, nicht mit dem milden Tone, in dem er sonst immer zu mir gesprochen hatte, sondern hastig und fast rauh, »was Sie mit Ihrer Zukunft eigentlich zu thun gedenken, Margarethe. Wollen Sie immerfort als heimatlose Fremde bei diesen Leuten bleiben, immer gewissermaßen abhängig –«