Er hielt inne; wie tief hatte er mich mit den wenigen Worten verwundet! Ich glaubte sein Motiv zu erkennen, er wollte nicht, daß Jemand, der seinen Namen trug, in einem Verhältniß zu der Familie seiner Braut stände, welches seinen Stolz kränkte. Und war ich nicht – ich empfand das aufs bitterste in jenem Augenblick – war ich nicht auch gewissermaßen von ihm abhängig? Band mich nicht eine Schuld der Dankbarkeit an ihn? War nicht, nach Allem, Schloß Günthershofen doch nur ein Geschenk von ihm? Ich fühlte mich hülflos, heimatlos, namenlos elend, ich schlug die Hände vors Gesicht und sagte tonlos: »Wo wollen Sie, daß ich hingehe? Für mich ist auf der ganzen Welt kein Platz; kein Platz«, wiederholte ich leise, »nirgends, nirgends!«
Da wurden mir die Hände leise von den Augen weggezogen; ich schrak zusammen, als ich das Antlitz des Freiherrn dicht vor mir erblickte; er war von seinem Sitze herab leicht auf ein Knie geglitten, als wolle er mir besser ins Gesicht sehen.
»Was fehlt Ihnen, Margarethe, liebe Margarethe?« sagte er leise und leidenschaftlich. »O daß ich ein Recht hätte, Sie zu fragen, in Sie zu dringen, daß Sie mir Alles sagen müßten! Sie schweigen? Sie haben mir nichts zu erwidern? Und doch will ich weiter fragen, sind Sie doch immer wenigstens offen gegen mich gewesen. Wer ist es, den Sie lieben, Margarethe, der Thor, vor dessen Thür das köstliche Kleinod liegt und er hebt es nicht auf, er ahnt nichts davon; das Kleinod, welches alle seine Tage beseligen würde, welches zu besitzen ich wohl nicht verdiene, nach dem aber schon jahrelang meine Sehnsucht steht?«
Ich war von diesen Worten wie betäubt; während der Schall an mein Ohr drang, vermochte ich den Sinn nicht gleich zu fassen und starrte den Freiherrn fast entsetzt an.
»Wollen Sie mir nichts sagen?« fuhr er in derselben Weise fort. »Natürlich, wer bin ich auch, daß ich ein Recht auf Ihr Geheimniß hätte! Warum mußte mir Forster den Brief zeigen, der mich aus meiner Laßheit aufrüttelte! Aber Sie leiden sehen – o Margarethe, kann ich Ihnen gar nichts zu Liebe thun?«
Ich mußte nun freilich etwas sagen, aber wo waren die Worte, um diese Wirren zu lösen, wie schwer gerade das, was mir zu gestehen oblag, denn daß ich es ihm jetzt gestehen müsse, war der Gedanke, der mich ganz beherrschte. So sprach ich endlich, aber ich wußte kaum, was, die Worte kamen hart und hastig von meinen Lippen, und wenn sie gesprochen waren, mutheten sie mich fremd an und erschreckten mich. Er sei es gewesen, von dem ich in meinem Briefe an Forster gesprochen, ich habe mich in die Idee eingelebt, er liebe Lucy und wünsche sie sich zum Weibe. Der Freiherr stand langsam auf, als ich ausgeredet hatte. »Ich, Margarethe?« sagte er mit seltsamer Ruhe. »Mir ist, als träume ich. Sie sagen mir, daß Sie mich geliebt haben, wie man von vergangenen Geschichten erzählt, und jetzt, jetzt –«
Da überkam mich bei dieser sonderbaren Scene und vielleicht im Vorgefühle des Glückes, das ja doch nahe war, obgleich wir beide uns blind nebenher tasteten, eine wilde Laune, ich sagte fast drohend zu dem Manne vor mir: »Ja, Herr Freiherr, ich liebte Sie damals. Und wenn ich Sie jetzt noch ebenso liebe, nein, viel tausendmal mehr, was geht es Sie an?«
Und nun war der Bann gebrochen, das Glück da. Fast jauchzend hatte der Freiherr meinen Namen gerufen, als wolle er mich aufwecken oder als sei ich fern, ich saß still vor mich hin, ganz eingehüllt in das Gefühl, daß ich nun weiter nichts zu sagen oder zu thun brauche. Er stand vor mir, zog mich zu sich in die Höhe und verschränkte seine Arme fest um mich; dann drückte er mit der einen Hand meinen Kopf sanft gegen seine Brust. »Hier ist Dein Platz, Margarethe, meine Margarethe; seit ich Dich zuerst gesehen, habe ich mich gesehnt, Dein Köpfchen hier betten zu können. Jetzt werd' ich gesunden; mich hat in der letzten Zeit der Wunsch fast verzehrt, Dir nahe sein, Dich hegen und lieben zu dürfen.«
So sprach er leise in mich hinein, während ich still in seinen Armen lag, von einer seligen Ruhe erfüllt. Ich antwortete ihm dann auch, in halblauten Wechselreden gingen wir die Jahre gegenseitigen schmerzlichen Entbehrens durch; in dem sanften Mondlicht klärte sich Alles und zuletzt lag die Zeit, in der wir uns gekannt, hell und schön da, wie ein Blatt, auf dem wir jetzt lesen konnten, daß wir stets zu einander gehört hatten. »Ich habe viel wieder gut zu machen«, sagte mein Bräutigam, indem er mir das Haupt zurückbog und das Haar aus der Stirn strich. »Deine lieben, ernsten Augen, Margarethe, die von keiner frohen Jugend zeugen, scheinen mir immer vorwurfsvoll ins Herz zu blicken.«
»So will ich sie schließen«, entgegnete ich lächelnd. Er küßte mich sanft darauf. »Bald sollst Du sie öffnen auf das Land, nach dem Du Dich oft gesehnt hast, Du sollst Dir von dem Himmel Italiens goldene Lust hineinscheinen lassen. Wann willst Du mein Weib werden, Margarethe?« fragte er mich plötzlich hastig.