Abb. 36. Großer Ballsaal im Königl. Schlosse zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 40].)
Das Königliche Schloß.
Es kamen auch in diesem Jahrhundert „geschwinde Zeiten, weil man sich nicht wenig von den Türken und Wiedertäufern, je länger je mehr eines Ein- und Ueberfalls und anderes Schadens befahren mußte“. Darum war die nächste Sorge des Herzogs, neue festere Mauern um die Stadt mit Wall- und Wassergräben zu bauen. Die fürstliche Wohnung wurde durch den Bau des Georgenschlosses ([Abb. 36], [37], [38]) erweitert und 1534 das neue Torhaus nach der Elbe durch Hans Dehne Rothfelser begonnen, ein auch wegen seiner Skulpturen vielbewunderter Prachtbau. Leider wurde das Georgenschloß mit seinem herrlichen Giebel 1701 zum Teil durch Feuer zerstört. Kurfürst Moritz ließ dann 1547 das ältere enge und winkelige Schloß abbrechen und erneuern. Die Stadt wurde dadurch erweitert, daß die Frauenkirche samt ihrer Umgebung, die bis dahin außerhalb der Mauern gelegen hatte, in die Stadt einbezogen und in den Mauerring aufgenommen wurde. Damit wurde zugleich ein neuer Marktplatz gewonnen, der im Gegensatz des früheren, nun Altmarkt genannten, der Neumarkt hieß. Auch wurden die beiden bisher in der Verwaltung getrennten Städte Altstadt und Neustadt um 1550 zu einer Stadtgemeinde vereinigt. Die beiden wichtigsten Stadttore, das Brückentor und das wilische Tor wurden verstärkt, das Brückentor noch weiter hinausgerückt und zählte dann zu den sieben Wunderwerken. Daß alle übrigen Tore nach außen hin keineswegs die Bedeutung für den Verkehr hatten, als die beiden genannten, wird recht ersichtlich daraus, daß man im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts, zuerst 1548 das nach Süden geöffnete Seetor zumauerte, dafür mehr nach Südosten das Kreuz- oder Salomonistor öffnete, aber auch dieses 1592 wieder vermauerte und im Osten der Stadt das pirnische Tor dafür erbaute. Gegen das Gebirge zu war das Bedürfnis für eine Verkehrsstraße, wie es scheint, nicht vorhanden, eher in der Richtung flußaufwärts nach Pirna; aber als am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, 1678, der Große Garten ([Abb. 39]) angelegt wurde, mußte auch der Weg nach Pirna sich einen unbequemen Umweg, zur Ausbiegung vor dem Großen Garten gefallen lassen, gewiß ein Zeichen, daß das öffentliche Interesse an der Erhaltung eines natürlichen Straßenverlaufes nicht so mächtig war, als das private Interesse des Fürsten: oder mit anderen Worten, der Verkehr Dresdens ging vielmehr quer über die Elbe und die Elbbrücke, als im Elbtal entlang. Erst das achtzehnte Jahrhundert wurde für den architektonischen Charakter der Stadt und ihre kunstgeschichtliche Bedeutung maßgebend; und hier waren es in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die beiden Fürsten August der Starke (1696–1733) und Friedrich August II. (1733–1763), denen die Stadt die hervorragendsten Bauwerke und die Pflege und Bereicherung der unvergleichlichen Kunstschätze verdankt. Nach dem Schloßbrande von 1701 beschloß August der Starke den Bau eines großen Königlichen Schlosses, das in Größe des Entwurfes und Pracht der Ausführung mit den Bauten in Versailles wetteifern sollte. Die Ausführung wurde Daniel Pöppelmann (1662–1736) übertragen. Als geeignetster Bauplatz erschien der Raum zwischen den Mauern des Zwingers, der bereits in einen Garten umgewandelt worden war; aber die Schloßanlage sollte bis an die Elbe reichen. Denn es handelte sich nicht bloß um einen Schloßbau, sondern um eine Vereinigung von großen Speise-, Spiel- und Tanzsälen mit Bädern, Grotten, Bogenstellungen, Lust- oder Spaziergängen, Baum- und Säulenreihen, Gras- und Blumenbeeten, Wasserfällen und Lustplätzen, auf denen alle Arten öffentlicher Ritterspiele, Gepränge und andere Lustbarkeiten des Hofes abgehalten werden konnten. So begann man mit dem ersten großen Vorhof und den ihn umgebenden Galerien und Pavillons, ohne bei den ungeheuren Kosten bis zur Grundsteinlegung des Schlosses selbst zu kommen. Aber auch so, in seiner unvollendeten Gestalt, erregen die Gebäude des Zwingers ([Abb. 40] u. [41]), wie jetzt die Schöpfung Pöppelmanns genannt wird, in der Leichtigkeit und Kühnheit, mit der der Baumeister die phantastischen Formen des Barocks beherrschte, die allgemeinste Bewunderung. Der Zwinger ist, nach Steche, mit keinem Bauwerk der Welt vergleichbar, er überragt bei weitem die französischen Bauten gleicher Zeit und gleicher Zwecke, er ist das ganz individuelle Werk zweier sich ergänzender geistvoller Männer, Friedrich Augusts I. und Pöppelmanns, und das Charakteristikum einer ganz originalen sächsischen Kunst. Ganz besonders ragt das nach der Ostra-Allee ([Abb. 42] u. [43]) führende Südtor empor, das sich im Sinne eines römischen Triumphbogens aufbaut, aber in ein Gemisch von Willkür und Haltung, von Ungezogenheit und Grazie sich verliert. Jede ruhige Masse ist fast vermieden bei diesem aus Säulen, Pilastern und Anten zusammengefügten luftigen Gloriettenbau mit seinen vielen Figuren, Blumenkörben, Blumenvasen und seinem kioskartigen Kronenabschluß.
Abb. 37. Gobelinzimmer im Königl. Schlosse zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 40].)
Einen neuen Abschluß erhielt erst der nach der Elbe offengebliebene Zwingerbau durch die Einfügung des in edlem Renaissancestil von Gottfried Semper errichteten Prachtgebäudes für die Gemäldegalerie (1846–1855). Alle Teile des Zwingerbaues dienen gegenwärtig der Aufstellung naturwissenschaftlicher Sammlungen und inmitten des inneren Zwingergartens erhebt sich das von Rietschel 1843 geschaffene, würdige Denkmal Friedrich Augusts des Gerechten (1768–1827).
Die Frauenkirche.
Ein zweiter für die Stadt ebenso charakteristischer, aber ganz anderem Kunstgeschmack huldigender Bau war die Frauenkirche (1726–1748, [Abb. 44]) von George Bähr (1666–1738). Bähr war nach H. Hettners Urteil der einzige deutsche Baumeister des achtzehnten Jahrhunderts, der mit Ehren neben dem großen Andreas Schlüter genannt werden kann. Als rings um ihn, auch im Kirchenstil, entweder der verwildertste Barockstil oder die kahlste Nüchternheit herrschte, war er es allein, der in die gute italienische Renaissance zurückgriff und nach dem Muster der Peterskirche einen Bau errichtete, der in seiner Haltung und Gliederung so durchaus organisch aus sich herausgewachsen und in seinen Massen und Maßen so kraftvoll und würdevoll ist, daß kein zweiter deutscher Kirchenbau des gesamten Jahrhunderts an Mächtigkeit des Eindrucks auch nur entfernt ihm gleichkommt.