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Wenn schon hier bei verhältnismäßig bedeutender Wassermenge in den Bächen, die beständig fließen, die Wasserwirkung auf den Boden wesentlich geringer und demnach das Gefälle wesentlich stärker ist als in der Elbe, so daß man sagen muß, die Erosion der Bäche hat längst nicht gleichen Schritt halten können mit der der Elbe, so wird sich der Gegensatz noch mehr steigern bei den kleineren und wasserärmeren Bächen oder Rinnsalen, die aus dem Sandsteingebirge selbst kommen.
Abb. 80. Herrnskretschen, von der Elbe gesehen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 80].)
Nun ist die ganze rechte Seite des Stromgebietes der Elbe im Bereiche des Sandsteins viel ärmer an Quellen als die linke Seite, weil hier die undurchlässige Plänerschicht zu tief, zum Teil unter dem Elbspiegel liegt. Also ist der östliche Teil der Sächsischen Schweiz entschieden trockener, und beständig fließende Sandsteinquellen fehlen. Dazu ist nach der Eiszeit ein wesentlich trockeneres, steppenartiges Klima lange in Deutschland verbreitet gewesen, infolgedessen die Erosion nicht ununterbrochen, sondern stoßweise, nur gelegentlich nach plötzlichen stärkeren Niederschlägen erfolgen konnte. Es lagen also ähnliche meteorologische Verhältnisse vor wie in dem Becken auf dem nordamerikanischen Hochlande westlich vom Felsengebirge, wo namentlich im Flußbereich des Rio Colorado die merkwürdigsten unter dem spanischen Namen Cañon bekannten Felsenschluchten ausgehöhlt sind, mit denen die Felsengründe in der Sächsischen Schweiz eine unverkennbare Ähnlichkeit haben, wenn sie auch lange nicht so tief und wild sind und ihr starres Aussehen durch reichlichen Pflanzenwuchs gemildert ist. Doch darf man annehmen, daß in der späteren Diluvialzeit bei den viel geringeren Niederschlägen der landschaftliche Charakter, solange der Wald fehlte, dem der Cañons noch ähnlicher war.
Der Uttewalder Grund.
Der längste unter den ausschließlich im Sandstein liegenden Gründen ist der Uttewalder Grund. Der Name Uttewalde ist leider nach der gemeinen Aussprache des Personennamens Utte statt Otto im neunzehnten Jahrhundert erst offiziell vorgeschrieben, während bis dahin das Dorf, nach dem der Grund benannt ist, Ottowalde hieß. Derselbe Name kehrt in älterer Form, Oddo statt Otto, in dem oberrheinischen Odenwalde wieder. Die Richtung des höchstens 4 km langen Uttewalder Grundes, dessen unteren Teil man höchst überflüssigerweise Wehlener Grund nennt, geht von Norden nach Süden. Im Sommer ist das Bachwasser gewöhnlich versickert und auf der Erdoberfläche nicht zu sehen. Es ist auch bezeichnend für die Wasserarmut, daß der Name des Baches nirgends genannt wird und daß man nur von dem Grunde spricht.
Daß dieser dem Wasser seinen Ursprung verdankt, ist zweifellos, und daß besonders nach starkem Sommerregen an der Mündung bei Wehlen bedeutende Schuttmassen aufgehäuft werden und an Weg und Steg im Grunde arge Verheerungen angerichtet werden können, ist im vorigen Jahrhundert mehrfach beobachtet worden. Ebenso kann das Wasser im Frühjahr nach der Schneeschmelze seine erodierende Wirkung zeigen; dann aber wieder scheint die Erosion monatelang zu schlummern. Jedenfalls nehmen die entstehenden Veränderungen und Vertiefung des Bachbettes lange Zeiten in Anspruch.
Im Gegensatz zu den dauernd fließenden größeren Bächen muß man, um von der Elbe her in den Grund zu gelangen, sofort in die Stadt Wehlen hinein bis auf den Marktplatz und von hier bis zum Fuß der alten Burg die erste Talstufe hinansteigen. Für die Ausmündung des Bachbettes liegt der Elbspiegel jedenfalls bereits zu tief oder mit anderen Worten: Das Elbtal ist den Sandsteinbächen gegenüber übertieft. Die Bächlein der Seitengründe haben mit dem Elbstrom in Bezug auf Erosion nicht gleichen Schritt halten können.