Die Seitengründe haben nicht bloß noch viel stärkeres Gefälle als die größeren Zuflüsse, sondern sie haben noch nicht einmal die einzelnen Absätze oder Talstufen, den horizontalen Sandsteinbänken entsprechend, überwunden; und wenn plötzlich ein stärkerer Wasserzufluß in diesen Gründen erfolgte, müßten zahlreiche Wasserfälle entstehen, die den größeren Bächen bereits fehlen. Und doch sind auch in so wasserarmen Gründen, wie der Uttewalder, so malerische Szenerien entstanden, wie sie nur irgend die Sächsische Schweiz bietet. Zu diesen malerisch schönen Gründen gehört auch der Uttewalder, wird aber vollends, weil er den Zugang zu der Bastei bildet, unter allen Gründen des Gebietes am meisten begangen. — Sowie man bei der alten Burg Wehlen die erste Talstufe erreicht hat, wird der Grund ebener, ein breiter bequemer Talweg führt durch herrlichen gemischten Wald allmählich bergan. Im trockenen Bachbett zur Linken treten mehrfach die Sandsteinbänke als Stufen bis zu einem Meter Höhe auf, die vom Wasser noch nicht durchsägt oder allmählich abgeflacht sind. Man sieht aber, daß das Wasser, wenn es einmal größere Kraft zeigt, die unteren Schichten des Sandsteins unterhöhlen kann, bis die Wände, ihrer Stützen beraubt, von oben niederbrechen und mächtige Felsblöcke, denen man zur Unterhaltung der Fremden allerhand unpassende Namen gegeben hat, auf den Talgrund stürzen, wo die sieghafte Natur auch diese starren Massen mit dichten Moospolstern und Farnkraut überzieht oder sogar Nahrung für den Anflug von Tannensamen schafft, der sich zu stattlichen Bäumen entwickelt und wieder einen grotesken Schmuck des Grundes bildet. Denn in den Gründen ist es immer feucht, auch wenn fließendes Wasser fehlt, und statt der genügsamen Kiefer auf den Felsenhöhen siedelte sich im Tal gern die kräftigere hochstrebende Fichte an.

Abb. 81. Herrnskretschen. Talsiedelung.
Nach einer Aufnahme von Dr. Trenkler & Co. in Leipzig. (Zu [Seite 80].)

Der Teufelsgrund.

Weiter aufwärts verengt sich der Grund und die Felswände treten so nahe aneinander heran, daß nur ein Felsenspalt statt eines Tales übrigbleibt. Von oben hereingestürzte Blöcke haben den Talboden nicht erreichen können, sondern sind eingeklemmt so hoch in dem Spalte befestigt, daß man ungehindert durch dieses natürliche Felsentor hindurch und weiter talauf wandern kann. Die Seitenschluchten des Uttewalder Grundes, die alle auf der gleichen Hochfläche ihren Anfang nehmen, müssen bei kürzerem Verlauf auch stärkeres Gefälle haben und daher in verstärktem Maße auch die Erscheinungen kräftiger Talstufen und eingestürzter Felsmassen zeigen. So vor allem der Teufelsgrund, der in seinem oberen Teile eine ganz enge Felsschlucht bildet, die von hineingestürzten Felsblöcken dermaßen erfüllt ist, daß man künstlich einen Durchgang schaffen mußte, um unter und zwischen den Blöcken halb kriechend, halb steigend die Höhe gewinnen zu können.

Der Zscherregrund.

Einen ganz anderen Charakter trägt die Seitenschlucht, die etwa der Teufelsschlucht gegenüber von Nordosten her in den Hauptgrund mündet und Zscherregrund ([Abb. 91]) genannt wird. Hier fehlt das Gewirre von Blöcken, ein bequemer breiter Fußpfad führt in ihm bergan und bildet den nächsten Zugang zur Bastei. Steile, wenn auch nicht sehr hohe aber mehrfach überhängende Felswände begrenzen ihn. Die Felswände sind kahl, der reiche Pflanzenwuchs des Uttewalder Grundes fehlt, das Gestein sieht düster aus, erscheint an manchen Stellen wie geglättet, ob von Wasser oder Eis bleibe unentschieden, eigentliche Talstufen fehlen, denn der Weg steigt stetig aber allmählich an. Indes ist unverkennbar hier besonders am Fuß der Felswände zu sehen, daß ehemals ein kräftiger Bach den Grund durchflutet und Sand und Stein mit sich fortgeführt haben muß. Als Zeugen dafür dienen nicht bloß die geglätteten und unterwaschenen Wände, sondern auch das Vorhandensein eines noch teilweise wohlerhaltenen Riesentopfes, einer kesselartigen runden Vertiefung mit senkrechten Wänden, eingegraben in das feste Gestein. Derartige Riesentöpfe, wie sie namentlich im Hochgebirge gefunden werden und in viel größerem Umfange besonders im Gletschergarten bei Luzern weltbekannt sind, werden der Wirkung wirbelnden Wassers zugeschrieben, das in einer flachen Schale oder Mulde des Gesteins einen größeren Stein unaufhörlich im Kreise herumwälzt, bis dieser Mahlstein durch die beständige Reibung unter sich eine rundliche Vertiefung ausarbeitet, die sich immer mehr eingräbt, solange das Wasser mit gleicher Kraft auf den Stein und in die Vertiefung stürzt. Ob dazu immer ein senkrechter Strahl, ein Wasserfall erforderlich ist, kann fraglich erscheinen; denn auch in einem Bache, der in Stromschnellen stufenweise abwärts stürzt, können ähnliche Wirkungen erzielt werden. Es sei dabei an die merkwürdigen Erscheinungen bei den Katarakten des Rieslochbaches am Arber im Böhmerwalde hingewiesen, wo aus dem schäumenden Bache plötzlich fontänenartig mächtige Wasserstrahlen emporgeschleudert werden, die sich nur dadurch erklären lassen, daß im Felsbache des Bachbettes rundliche Vertiefungen entstanden sind, in die das Wasser stürzt und wieder herausgeschleudert wird.

Jedenfalls sind zur Bildung von Riesentöpfen beträchtliche Wassermassen erforderlich. Und daher erklärt sich wohl, daß auch der Riesentopf im Zscherregrunde auf einen früheren Wasserfall zurückgeführt wird. Allein dafür ist an dieser Stelle keine Möglichkeit vorhanden, da die Felsbänke über dem Riesentopfe überhängen, also das von ihnen etwa herabfließende Wasser gar nicht die Öffnung der runden Vertiefung treffen könnte. Andererseits muß aber, nachdem der Kessel schon ausgehöhlt war, noch lange Zeit hindurch der Bach des Zscherregrundes über den Riesentopf hinweggeströmt sein, denn er hat durch langsame Erosion den oberen Teil des Kessels wieder abgeschliffen und zwar, weil er sich immer mehr an die Felswand herangedrängt hat, in ganz schräger Richtung. Der obere Topfrand ist also in einem starken Winkel abgeschliffen. Wir würden uns mit dieser Frage nicht so eingehend beschäftigt haben, wenn auch jetzt noch ein Bach durch den Grund flösse, also auch heute noch die Hochflächen nach der Bastei zu, von denen das Wasser abfließen müßte, wasserreich wären. Allein das Gegenteil ist der Fall! Gerade das ganze Gebirge in der Umgebung der Bastei mit seinen wild zersplitterten Felsmassen, -Wänden und -Türmen ([Abb. 92], [93] u. [95]) gehört zu den wasserärmsten Gebieten des ganzen Sandsteingebirges. Auch kann der Grüne Bach, der den Amselfall ([Abb. 96]) bildet, nicht als Ausnahme herangezogen werden, denn er hat seine Quellen nördlich von Rathewalde im Granit.

Abb. 82. Die Obere Schleuse.
Nach eigener Aufnahme der Verlagshandlung. (Zu [Seite 82].)