Ein anderes Fest galt der Wiederkehr des Frühlings, auf den allerdings auch der Fastnachtsscherz schon anspielen soll. Mit der Wiederkehr des Frühlings und der Sonne verknüpfte sich dann weiter der volkstümliche Glaube, daß damit auch die Krankheiten wieder zunehmen und sich als böse Geister oder Dämonen einzuschleichen suchen. Man darf sie nicht ins Land lassen und muß namentlich im Frühling auf seiner Hut sein, sonst bleiben sie das ganze Jahr und plagen die Menschen, namentlich wenn sie mit der Feldarbeit beschäftigt sind, die vor Ostern beginnen soll. Daher wird am Lätarefest der Dämon der Krankheit und des Todes in Gestalt einer Strohpuppe erst durchs Dorf unter alten Volksversen getragen und dann ins Wasser geworfen. Dieser aus Franken und Thüringen eingewanderte Brauch hat überall eine besondere örtliche Färbung angenommen und wird das „Todaustreiben“ genannt.

Möglicherweise stammt der Brauch noch weiter her aus Südwestdeutschland, wo die Kinder im schwäbischen Saulgau schon zu Fastnacht durch den Ort rufen: „Dåraus, dåraus, Dôt naus, Dôt naus!“

In Süd- und Westdeutschland scheint mit diesem Maskenspiel hauptsächlich der Gedanke verknüpft zu sein, den Sieg des Sommers über den Winter zu feiern. „Das lebendige Naturgefühl der Germanen,“ schreibt Felix Dahn in der „Bavaria“ (Oberbayern, S. 369), „hat den poesievollen Kampf und Wechsel der Jahreszeiten mit innigster Empfindung erfaßt, und wie so viele ‚Mythen‘ ihres Götterglaubens auf diesen Sieg der holden Zeit, des freudigen Lebens und Lichtes über Tod und Finsternis zurückweisen, so hat sich auch in christlicher Zeit noch der Jubel über die Wiederkehr des „milden Mayen“ in den verschiedensten Formen ausgeprägt erhalten... Hie und da kommt noch der Umzug der beiden Figuren des Sommers und des Winters vor... Endlich wird nach kurzem Gefecht der Winter vom Sommer besiegt und nun entweder in dem Dorfbrunnen ersäuft oder unter Jubel und Lachen zum Dorfe hinaus in den finstern Wald gejagt, wohin er auf lange Zeit verbannt ist.“

Ähnlich ist’s auch an der Haardt in der Rheinpfalz, wo noch das Lied dazu gesungen wird: Ri—ra—ro, der Summerdak isch do! Es ist der gleiche Anfang wie in dem weitverbreiteten Kinderliede: Tra—ri—ra, der Sommer, der ist da.

Abb. 146. Altes Häuschen im Dorfe Wehlen.
Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden. (Zu [Seite 160].)

Eine andere Färbung erhält das Spiel in manchen Seitentälern der Rednitz in Mittelfranken, z. B. im Aisch- und Zenngrunde. Da verfertigen die Burschen eine Strohpuppe, die den Tod vorstellt, durchs Dorf geschleppt und schließlich verbrannt wird. Winter und Tod erscheinen fast identisch. Um ein fruchtbares und gesegnetes Jahr zu erzielen, wird der Tod den Wellen übergeben; aber es verknüpft sich zugleich der Gedanke damit, daß die Pest und der jähe Tod wie jene Strohpuppe ersäuft werden mögen. Und dieser spätere Nebengedanke scheint im Mittelalter mit den fränkischen Kolonisten auch nach Sachsen gekommen und an einzelnen Orten zum Ausdruck gebracht worden zu sein.

In Postelwitz und dem Dorfe Ostrau oberhalb Schandau trieben drei Wochen vor Ostern, also am Lätaresonntage, drei Jungen den Tod aus. Jeder trug eine an einen Stock gespießte Strohpuppe, die unter Begleitung der ganzen Jugend erst durchs Dorf getragen und dann in den Bach geworfen wurde. Wer von den dreien mit seiner Puppe zuerst ans Wasser kam, durfte nachmittags darauf den Todbaum tragen, während der zweite den Geldbeutel und der dritte einen Korb bekam. Damit begann wieder ein neuer Umzug durchs Dorf, wobei allerlei Gaben eingesammelt wurden. Der Todbaum war ein Tannenbaum, den man mit buntem Papier und Ketten von durchfädeltem Stroh behängt hatte. Vor jedem Hause wurde dann der altüberlieferte Vers, dessen Wortlaut in den einzelnen Dörfern voneinander abwich, gesungen:

Jetzt treiben wir den Tod aus,

Den alten Mann im Seehaus;