Von Sitten und Gebräuchen hat sich hie und da wohl noch einzelnes erhalten, anderes ist von unverständigem Eifer beseitigt, wohl gar von „polizeiwegen“; anderes hat man neu zu beleben gesucht. Allein man muß befürchten, daß auf dem Naturboden des Volkstums künstliche Blumenzucht nicht gedeihen kann.
Viele dieser Sitten schließen sich oder schlossen sich an den Gang des christlichen Jahres an; allein gleich der erste Brauch scheint durchaus vom Heidentum her überliefert zu sein, wenn um Wintersonnenwende die sogenannte lange Nacht mit Spiel und Gesang und Tanz wie ein altes Julfest gefeiert wurde. Übrigens bergen sich bekanntlich unter manchen Gebräuchen an hohen Festtagen uralte Gepflogenheiten, die unter christlichem Schutz einen Unterschlupf finden und ihr schwaches Leben fristen.
Abb. 144. Stadt und Schloß Hohnstein, vom Hockstein. Stich von Ludwig Richter.
Aus: Dreißig An- und Aussichten zu dem Taschenbuch für den Besuch der Sächsischen Schweiz. 1823.
(Zu [Seite 159].)
Das Weihnachtsfest bietet nichts Besonderes, Abweichendes; die Poesie, mit der die Bewohner des Erzgebirges dieses Fest umwoben haben, hat hier keinen Anklang, keine Verbreitung gefunden. Dagegen wurde das Fastenbeten früher den drei hohen Kirchfesten gleichgestellt. M. Martin erzählt darüber: „Als bei einer Kircheninspektion der Herr Superintendent einen Jungen nach den drei hohen Festen fragte, gab dieser die klassische Antwort: Fastenbeten, Lobetanz und Schweineschlachten.“ Das Fastenbeten besteht in einem kleinen Abendgottesdienst in der Schule und daran anschließender freier Tanzmusik. Vor fünfzig Jahren wurde die Feierlichkeit des Morgens abgehalten und für das gute Hersagen des sogenannten Beteliedes wurden Fastenbrezeln verabreicht.
Schifferfastnacht.
Darauf folgte die Schifferfastnacht, ein, wie es scheint, nur in den Dörfern an der Elbe verbreitetes echtes Volksfest, namentlich für die Jugend. Ursprünglich nur zu Ehren des löblichen Schiffergewerbes entstanden, dessen wir bereits ausführlicher gedacht haben, wurde dieses Fest im Winter, vor der eigentlichen Fastnacht gefeiert, ehe die Elbe eisfrei wird und die Schiffahrt wieder beginnen kann. Den Mittelpunkt des Festes bildete ein von Haus zu Haus durchs ganze Dorf führender Masken- oder Kostümaufzug. Die Teilnehmer des Zuges bestanden aus den sogenannten Schwarzen und Weißen. Zu den Weißen gehörten der Schiffsdoktor und seine Frau, der Kapitän und seine Frau, zwei Hanswürste und die Jungen, die das Festschiff tragen, einen Dreimaster mit vielen bunten Bändern und Wimpeln geschmückt, die von den jungen Frauen im Dorfe verehrt werden. Ein solches Ehrenschiff wird alle Jahre wieder hervorgeholt und dient oft hundert Jahre lang. Die zweite Abteilung bilden die Schwarzen, das sind die jungen Burschen in oft komischer und abenteuerlicher Tracht als Förster, Nachtwächter, Briefträger und Handwerker aller Art. So zieht man unter Vorantritt eines Musikchors durchs Dorf. Nach dem Umzuge beginnt dann der Tanz oder werden auch Schauspiele, am liebsten verwegene Ritterschauspiele, zur Aufführung gebracht. Von den Zuschauern werden kleine Geldbeiträge eingesammelt, die dann am zweiten Tage von den Mitspielern, die als Dorfkünstler mit dem Namen „die Narren“ (ganz nach der Bezeichnung des alten Mummenschanzes) beehrt, in einer heiteren Nachfeier verspeist oder vertrunken werden. In Postelwitz dauerte sonst die Schifferfastnacht vier Tage, zwei für die Erwachsenen und zwei für die Jugend. Seitdem aber die Polizei die Larven und die Vermummung bei Umzügen, wahrscheinlich als groben Unfug, verboten hat und auch sonst dergleichen Festlichkeiten strenger überwacht, hat diese Schifferfastnacht viel von ihrer Urwüchsigkeit verloren. In Schandau wurde sie 1869 abgeschafft, neuerdings, seit 1893, hat man sie wieder zu beleben gesucht.
Abb. 145. Hohnstein.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 159].)
Das Todaustreiben.