Hohnstein.

Hohnstein, die kleinste unter den Städten des Gebirges, die nicht an der Elbe liegt, ist ähnlich wie Sebnitz am Außenrande, aber doch noch auf dem Sandstein gelegen ([Abb. 144] u. [145]). Das Städtchen, in einer flachen Senkung der Sandsteinkette, auf deren Ende die alte Burg thront, hat eine überaus romantische Lage, von tiefen Gründen auf mehreren Seiten begrenzt. Es gehört nebst seiner grotesken Umgebung zu den beliebtesten Wanderzielen; aber der Ort lag bis vor wenig Jahren, wo er eine Eisenbahnverbindung mit Schandau erhielt, wie aus allem Verkehr weggesetzt. Er ist auch nur gleichsam als ein Anhang zur Burg entstanden, denn diese bildete den Mittelpunkt einer ausgedehnten Herrschaft, die bis ins vierzehnte Jahrhundert ebenfalls dem böhmischen Geschlechte der Birken von der Duba gehörte. Nach Böhmen zu hatte der Ort noch eine leidliche Verbindung, gegen Sachsen erschien er vom tief eingeschnittenen Polenztal aus wie eine unbezwingliche Burg. Unter sächsischer Herrschaft seit 1444, war Hohnstein der Sitz eines Amtes, und hier wurde 1765 durch den damaligen Kurfürsten die erste Merinostammschäferei begründet. Sonnenstein, Hohnstein und Königstein dienten in früheren Jahrhunderten oft auch als Gefängnis, namentlich Hohnstein und Königstein, die am sichersten galten, weil ein Entkommen von den steilen Felsenhöhen für unmöglich galt. Daher der leidige Trost für die Sträflinge auf dem Hohnstein: „Wer da kommt nach dem Hohenstein, der kommt selten wieder heim,“ oder „Den Gefangenen frißt im Turm kein Wolf und sticht keine Fliege“ (in den dunkeln, feuchten, fast lichtlosen Kerkern). Hohnstein hat im Lauf der Jahre Fürsten, Grafen, Edele und gemeine Verbrecher beherbergt. Wir sehen darunter die Grafen von Mansfeld und Stollberg, die Herren Reuß von Plauen; auch viel fahrendes Volk. Mehreren von diesen ist es sogar gelungen, auf abenteuerliche und verschmitzte Weise auszubrechen und zu entkommen. Aber noch verwunderlicher erscheint es, daß auch „ehrliche“ Diebe eingebrochen und, da sie nur Staatsgelder zu stehlen für erlaubt hielten, die aus Versehen mitgenommenen Privatgelder wieder zurückerstatteten. Der Fall ist jedenfalls in der Gaunerpraxis ein Unikum und verdient daher, näher beleuchtet zu werden. Wir folgen hier der auf Akten des Hauptarchivs zu Dresden beruhenden Darstellung Karl von Webers („Aus vier Jahrhunderten“ II. 366), wenn er schreibt:

Abb. 143. Wehlen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 158].)

An einem Dezembermorgen des Jahres 1693 ward der Amtmann zu Hohnstein mit der Schreckensbotschaft geweckt, daß Diebe in der Nacht das Schloß erstiegen (!!), die Kasse erbrochen und eine bedeutende Summe, die darin verwahrt gewesen, entwendet hätten. Wie der Augenschein lehrte, waren die Spitzbuben durch ein sehr hoch gelegenes Fenster, das nur mit äußerster Lebensgefahr vermittels einer langen Leiter zu erreichen war, nach Ausbrechung eines eisernen Gitters in die Amtsstube eingedrungen, hatten dort Licht angebrannt und einen festen Schrank, in dem sich die Steuergelder und Depositen befanden, aufgebrochen. — Sechs Wochen waren in vergeblichen Bemühungen, die Täter zu erforschen, vergangen; keine Spur war zu entdecken. Da fand man am 14. Januar 1694 an der Tür der Pfarrwohnung zu Hohnstein eine Schrift angeklebt des Inhalts, der Herr Magister möge sich mit dem Schulmeister und einem Kirchenvater in die Sakristei der Kirche begeben, da werde er auf dem Boden unterm Fenster etwas finden. Eine ähnliche Aufforderung fand auch der Kirchenvater Jakob Röllich an seiner Haustür angeheftet. Beide begaben sich samt dem Lehrer in die Kirche. Ein enges, wohlverwahrtes Fenster der Sakristei war erbrochen; aber die Täter hatten diesmal nichts geraubt, sondern etwas gebracht, nämlich in zwei versiegelten Säcken 312 Taler. Die Diebe erklärten zugleich, das seien Depositengelder, die sie „aus Ungefähr“ aus der „Hunstner“ (Hohnsteiner) Amtsstube mitgenommen, da sie doch nur kurfürstliche Gelder und Amtmannsgeld zu holen beabsichtigt, aber nicht so blutarmen Leuten, wie den Deponenten, das Ihrige hätten nehmen wollen. Das Wort „stehlen“ war in dem Schreiben vorsichtig umgangen und umschrieben. Auch wurde der Pfarrer dringend gebeten, das Geld nicht wieder ins Amt zu liefern, sondern den Geschädigten selbst wieder zu geben, damit es in die rechten Hände gelange. Diesem Wunsche konnte nun allerdings der Herr Magister nicht entsprechen; er übergab die ganze Summe wieder dem Amtmann zu Hohnstein. Von den großmütigen Dieben fehlt bis heute jede Spur. Aber wem fällt dabei nicht der sarkastische Ausspruch des zweiten Mörders in Shakespeares Richard III. (1. 4) ein: „Das Gewissen hat mich einmal dahin gebracht, einen Beutel voll Gold wieder herzugeben, den ich von ungefähr gefunden hatte; es macht jeden zum Bettler, der es hegt.“

X.
Die ländliche Bevölkerung.

Die ländliche Bevölkerung.

Die ländlichen Wohnungen tragen im allgemeinen denselben Charakter und Baustil zur Schau wie im Elbtalkessel. Zu Grunde liegt der Plan des fränkischen Bauernhauses. Die so anheimelnden Strohdächer verschwinden, weil feuergefährlich und mehrfach ungesund, immer mehr ([Abb. 146] u. [147]). Neue Häuser dürfen nicht mehr mit Stroh gedeckt werden. Neben den bäuerlichen Wohnungen treten aber immer häufiger Bauten im städtischen Charakter und im Villenstil auf; denn in manchen Orten des Gebirges haben sich gesuchte und beliebte Sommerfrischen entwickelt, so daß, wie z. B. in Gorisch, das ehemalige Dorf zwischen den Neubauten fast verschwindet. Andere besuchte Orte sind Cunnersdorf bei Königstein und Hinterhermsdorf.

Die Volkstrachten sind leider nicht bloß im Elbtalkessel und in der Umgebung der Großstadt, sondern auch im Gebirge fast völlig verschwunden ([Abb. 148] u. [149]). Das Zeitalter der Eisenbahnen hat ihnen den Garaus gemacht. Aber noch im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts waren derartige Trachten noch bis nahe an Dresden lebendig. Jetzt erinnern uns hier noch Bilder an diese Vergangenheit. Da sehen wir eine Mutter im Sonntagsstaat mit dem Gebetbuche in der Hand und einer Pelzmütze auf dem Haargeflecht, daneben ein Mädchen mit buntgestreiftem Kopftuch nebst langer und breiter Schürze. Die Männer trugen Kniehosen, dazu eine frackartige Jacke mit ganz kurzen Schößen. Die Erwachsenen trugen einen Hut, die Knaben eine Mütze mit zwei roten Streifen, was an die Uniformmütze unserer Postboten erinnert. Wie nun alle solche Trachten sich aufs Land verbreiten, wenn sie in der Stadt aus der Mode gekommen sind, in der Nähe einflußreicher Städte aber die Tracht auf dem Lande noch etwas moderner, manchmal allerdings auch hundert Jahre jünger ist, als in abgelegeneren Orten, so ist es auch in den Dörfern der Sächsischen Schweiz gewesen. Man trug lange Kittel von ungebleichter Leinwand mit farbigen Aufschlägen und Kragen. In den Waldgegenden wurden Jacken und Beinkleider von ungebleichter Leinwand getragen und im Sommer sehr oft hohe und schwarze Pelzmützen. Diese Tracht erstreckte sich westwärts bis ins Erzgebirge, wo man im Weißeritztal um Schmiedeberg schon die erzgebirgische Tracht beginnen sah.

Alte Sitten und Gebräuche.