Man hat das Urtheil der wissenschaftlichen Prüfung in Salamanca ebenso verdächtigt und verleumdet, als jenes abfällige Urtheil der Junta in Portugal. Aber alle die Gegengründe, welche vorgebracht sein sollen, klingen so lächerlich, daß sie als platte Erfindung erscheinen, welche später, nachdem der Erfolg sich für Columbus ausgesprochen, zu seiner Verherrlichung erdacht sind.
Im Collegium zu Salamanca fand sich nur Einer, Diego de Deza, der Lehrer des Prinzen Don Juan, später Erzbischof von Sevilla, welcher sich des kühnen Planes annahm; aber da sich Talavera, damals Prior von Prado und später Erzbischof von Granada entschieden dagegen erklärte, so wurde vorläufig die Entscheidung ausgesetzt und Columbus auf eine günstigere Zeit vertröstet. So lebte er, von Jahr zu Jahr auf Erfüllung hoffend, bald in Sevilla, bald in Cordoba, gleichsam von königlichem Gnadenbrote, wenig gekannt und wenig Freunde gewinnend.
Die ganze Angelegenheit rückte nicht vorwärts. Und als selbst noch im Jahre 1491 die entscheidende Commission erklärte, sie könne erst nach Beendigung des Krieges gegen Granada die Sache in genaue Erwägung ziehen und damit gleichsam in einer höflichen Form das Project ablehnte, so entschloß sich Columbus endlich, doch das Land zu verlassen, das ihn seit sieben Jahren in peinlicher Muße hingehalten hatte.
Auf seinem Wege nach Huelva, wo er sich einschiffen wollte, kam er, mit seinem Sohne Diego an der Hand, von Palos, am breiten Rio Tinto abwärts wandernd, zu Fuß nach dem alten Franziskanerkloster la Rabida. Dasselbe liegt nahe dem Meere auf einem dürren Hügel, dessen Anbau den Fleiß der Bearbeiter nur spärlich lohnt. Zwischen verfallenen Mauern und Dornhecken von Nopal und Aloë steigt man jetzt auf die beherrschende Höhe. Auf einer kleinen Plattform hinter den Klostergebäuden bezeichnet ein steineres Kreuz die Stelle, wo Columbus von Kummer gebeugt und von Hunger erschöpft niedersank[188] und für seinen Knaben und sich die Mönche um Brot und Wasser bat. Aber hier, wo er mit tiefem Seelenleiden seine Hoffnungen bereits zu Grabe getragen hatte, sollten sie neu belebt werden. Der seltsame Anblick der Bittenden, der fremde Dialect des Mannes erregten die Neugierde der barmherzigen Brüder, besonders des Juan Perez de Marchena, der den Titel eines Beichtvaters der Königin führte. Columbus wurde ins Kloster eingelassen und in die Wohnung des Priors geleitet. In dem hohen Saal, aus dessen Fenstern man einen prachtvollen Blick auf das Meer genießt und wo Columbus neugestärkt und belebt, im Angesicht des Oceans von seinen Plänen und Enttäuschungen erzählte, sind jetzt zur Erinnerung an diese denkwürdigen Stunden mehrere Gemälde zu sehen, welche die Geschichte dieser Ereignisse darstellen. Der Pater Juan Perez, welcher sich bald von der schwärmerischen Glut des Erzählers angezogen fühlte, ließ einen in der Astronomie und Kosmographie kundigen Physiker, Garcia Hernandez, aus dem nahen Orte Palos zu sich bitten, um mit ihm den Gehalt des vernommenen Berichts zu prüfen, denn er kannte den Genuesen zweifelsohne nicht einmal dem Namen nach. Auch mochte er anfänglich keine große Meinung von dem ärmlich und schlecht gekleideten Fremdlinge haben. Columbus war eben noch eine Persönlichkeit, welche kein Mensch kannte (por que ninguna persona conoscia el dicho almirante.[189]) Aber auch der junge Physiker aus Palos, welcher damals kaum das 30. Lebensjahr überschritten hatte,[190] horchte mit demselben Interesse wie der Pater Marchena. Beide glaubten der Königin einen großen Dienst zu leisten, wenn sie den merkwürdigen Mann zurückhielten. Juan Perez schrieb an die Königin Isabella einen Brief und sandte ihn durch die Hand des Piloten Sebastian Rodriguez an den spanischen Hof von Granada. Einstweilen blieb Columbus als Gast bei den Klosterbrüdern. Nach 14 Tagen kam ein Dankschreiben der Königin zurück, worin der Pater zur Königin berufen wurde. Derselbe reiste noch in derselben Nacht ab und erhielt von der Königin die Zusage, daß Columbus für seine Unternehmung drei Schiffe erhalten solle. Dann gab die Fürstin ihm noch 53 Ducaten mit für Columbus, damit derselbe sich besser kleiden und in anständiger Form zu Hofe reiten könnte.
So war also in Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes eingetreten und wenn auch noch manche Schwierigkeiten zu überwinden sein mochten, so war es doch nun entschieden, daß der kühne Gedanke, den Orient im Westen auszusuchen, seiner Verwirklichung nahe war.
Im Lager zu Santafé vor Granada erwartete man die baldige Uebergabe dieser letzten maurischen Stadt. Als dieselbe im Januar 1492 erfolgte, schien der Weg für Columbus geebnet, denn der maurische Krieg war beendigt. Aber zum letztenmale schien das ganze Unternehmen doch noch sich zerschlagen zu wollen, weil Columbus allzuhohe Forderungen stellte, Forderungen, welche weder mit seiner hilfsbedürftigen Lage, noch mit der Würde der Krone vereinbar schienen; denn er verlangte die höchsten Würden in Spanien und fast königliche Gewalt in den zu entdeckenden Ländern. Seine Bedingungen stellte er dahin, daß er Rang und Würde eines Admirals oder eines spanischen Almiranten für sich und seine Nachfolger erhalte, daß er und seine Familie in den Adelstand erhoben würden, daß er in den neuentdeckten Ländern zum Vicekönig ernannt werde mit dem Rechte, für alle hohen Verwaltungsstellen in jeder Insel, in jeder Provinz drei Männer vorzuschlagen, daß ihm ein Zehntel der königlichen Einkünfte aus dem Gewinn von Perlen, Edelsteinen, Gold, Silber, Spezereien und anderen Handelswaaren zufalle, daß er der einzige Richter sei in allen Processen, welche aus dem Verkehr zwischen jenen Ländern und Spanien entstehen könnten und daß er, wenn er den achten Theil der Ausrüstung von Schiffen bestreite, auch den achten Theil aus dem Gewinn erhalte. Diese Forderungen klangen geradezu unerhört. Eine Reihe von Conflicten war vorauszusehen, wenn man einem Fremden zugestand, was man nie einem Spanier von Geburt zugestanden haben würde. Die Königin, so willig sie sich gezeigt hatte, das Unternehmen doch noch zu fördern trotz aller Widerreden und Zweifel, schreckte vor solchen Forderungen zurück. Und Columbus wich in keinem Punkte von seinen Ansprüchen; so fest glaubte er selbst sowohl an seine Bestimmung, als auch an den großen materiellen Erfolg für Spanien. So zerschlug sich auch noch im Januar die Verhandlung, und Columbus wandte sich zum zweiten Male vom Hofe ab, um über Cordoba nordwärts nach Frankreich zu gehen, wo, wie er selbst behauptete, man ihm glänzende, sichere Versprechungen gemacht. Da versuchten noch einmal seine Gönner bei Hofe, namentlich der Cardinal Mendoza und der Schatzmeister Luis de Sant-Angel, die Königin zu dem Vertrage zu überreden. Sie stellten ihr vor, welche unermeßlichen Reichthümer nach erfolgreicher Fahrt durch die Unternehmung des Genuesen nach Spanien fließen müßten, wie sie durch Zuwachs an Colonialbesitz und durch Ausbreitung des christlichen Glaubens an Ruhm gewinnen würde, und erreichten es, daß Isabella den Befehl ertheilte, Columbus zurückzurufen. Ein Eilbote traf ihn bereits unterwegs in Pinos Puente, eine Stunde von Santafé und rief ihn unter der Versicherung, daß die Königin auf seine Forderungen eingehe, zurück. Der Vertrag wurde am 17. April vollzogen; aber der Besitz der unerhörten Gewalt, die dem Entdecker verliehen, die plötzliche Erhebung in den höchsten Stand führten nur zu bald den Sturz des Mannes herbei, weil er nicht im Stande war, allen Ansprüchen seiner neuen Stellung zu entsprechen. Man kann Columbus nicht frei sprechen von der Schuld, die vielfachen bitteren Kränkungen und schweren Demüthigungen seiner letzten Lebensjahre sich durch das Uebermaß seiner Forderungen selbst heraufbeschworen zu haben.
Der im Bau begriffene Rumpf eines großen Seeschiffes vom Ende des 15. Jahrh.
Augenblicklich dachte er nur an die Ausrüstung seiner Schiffe. Der Staatsschatz war leer, Luis de Sant-Angel schoß der Königin 5300 Ducaten zur Fertigstellung der kleinen Flotte vor und Columbus begab sich sofort nach Palos, nahe bei dem ihm günstigen Kloster la Rabida, um hier seine Abfahrt mit allen Mitteln zu betreiben. Es war ein sehr günstiger Umstand, daß er in dem kleinen Hafenplatz am untern Lauf des Rio Tinto lebhafte Unterstützung durch die einflußreiche und wohlhabende Schifferfamilie der Pinzone fand, welche sich selbst in ihren Hauptträgern erbot, die kühne Fahrt mitzumachen. Ganz besonders machte sich Martin Alonso Pinzon um das Zustandekommen der Expedition verdient und trug sogar zur Bestreitung der Kosten bei. Es wurden drei kleine Schiffe ausgerüstet; nur das größere war vollständig gedeckt, die beiden andern hatten nur am Vorder- und Hintertheil erhöhte Verdecke, waren aber in der Mitte offen. Die Schiffsmannschaft recrutirte sich meist aus den umliegenden Hafenplätzen, aus Moguer, Huelva und aus Palos selbst. Das größte Schiff, die Santa Maria, stand unter dem Befehl des Columbus, auf der Pinta commandirte Martin Alonso Pinzon und außer ihm sein Bruder Francisco Martin als Steuermann, auf der Niña führte Vicente Yañez Pinzon das Commando. Die Mannschaft belief sich im Ganzen auf 120 Köpfe.