Anfang des Berichts über die ersten Entdeckungen, nach dem ersten deutschen Flugblatte.
Nach dem Original in der Staatsbibliothek in München.
Dieser Bericht enthält eine freie Uebersetzung des lateinischen Briefes, dessen Anfang [Seite 262] gegeben ist. Ein merkwürdiger Uebersetzungsfehler ist bei der Wiedergabe des Namens der vierten Insel begangen, indem man statt Hysabella oder Isabella Isla bella las und durch „schöne Insel“ übersetzte.
Seine schwärmerische Begeisterung, welche der Admiral auch bei dieser Gelegenheit zur Schau trug, mochte recht wohl zu dem eignen Entzücken über die herrliche Natur der neuentdeckten Welt passen und dem beredten Munde des heimgekehrten Helden Ohr und Herz aller Hörer zuwenden. Aber wenn dann die praktischen, nüchternen Fragen herantraten: wo auf der Erde liegt das neue Indien, wie groß sind die bedeutendsten Inseln, dann mußte doch manchem kritischen Geiste hie und da ein Bedenken über die Zuverlässigkeit der Angaben und die Sicherheit der Behauptungen des Columbus auftauchen, zumal derselbe nicht im Stande gewesen war, eine Karte der entdeckten Gebiete zu entwerfen. An der Küste von Cuba war er nach seiner Meinung 107 Leguas in gerader Linie von Osten nach Westen entlang gefahren, ohne das westliche Ende erreicht zu haben; und doch liegt sein Cours nur zwischen 78 n. 74 w. v. Gr. Die Länge der Nordküste Haitis schätzte er gar auf 138 Leguas, während die von ihm besegelte Nordseite der Insel in der That in grader Richtung nur 60 geogr. Meilen lang ist. Aus diesen Irrthümern erwuchsen die Ueberschätzungen der Größe jener Inseln. Cuba war demnach größer als England und Schottland zusammen, Haiti größer im Umfange als ganz Spanien von Catalonien herum bis nach Fuentarabia in Biscaya. Cuba galt ihm, trotz der bestimmten Erklärung der befragten Insulaner, für das Festland von Catayo, Haiti für Cipangu, oder, wie P. Martyr angibt, auch wohl für das Salomonische Ophir. Dazu kommen noch die ganz unbegründeten Breitenangaben dieser Inseln, die Nordküste Cubas soll unter 42° n. Br., der Westen Haitis unter 34°,[223] der Osten unter 26° n. Br. liegen, wenn er die letzte Bestimmung auch nur als Vermuthung gibt.[224] Vor allem aber konnte ihm mit Recht eingewendet werden, daß er nicht gehalten, was er versprochen, daß er Katai nicht erreicht, daß er die eigentlichen Gewürzländer nicht gefunden habe und daß die geringen Goldproben und die zweifelhaften Gewürze die rege gemachten Erwartungen nicht befriedigen könnten.
Darum schreibt auch Peter Martyr kaum einen Monat nach jenem großartigen Aufzuge und Empfang in Barcelona an den Grafen Boromeo ziemlich nüchtern: „Bald darauf (nämlich nach dem Mordanfall gegen den König Ferdinand im December 1492) kehrte von den westlichen Antipoden ein gewisser Cristóbal Cólon zurück, ein Ligure, welcher von meinen Monarchen nur mit Mühe zur Reise nach jener Gegend drei Fahrzeuge erhalten hatte, weil, was er behauptete, als Fabel erschien. Er kam mit vielen werthvollen Dingen heim und brachte namentlich Proben von Gold mit, welches jene Länder von Natur liefern. Doch lassen wir so fern liegende Dinge bei Seite.“[225]
In einem späteren Briefe vom 1. October 1493 an den Erzbischof von Braga bemerkt derselbe fleißige Schriftsteller, Colon habe mehrere Inseln entdeckt an einem Gestade, das er für das indische halte. Angeblich seien es dieselben, welche nach den Kosmographen (Toscanelli?) in dem Ostmeere von Indien liegen sollten. „Ich will das nicht ganz in Abrede stellen; allein die Größe des Umkreises der Erde scheint zu einer andern Annahme führen zu müssen. Doch gibt es Leute, welche meinen, daß die Entfernung zwischen der spanischen Seeküste und dem Gestade Indiens nur gering sei.“[226]
Manche Irrthümer des Columbus wurden auch bald von der Kritik berichtigt oder zu berichtigen gesucht. So sagt Martyr, daß wenn man die Karten genau prüfe, Haiti in der Gegend der Antillen, aber nicht bei Asien liegen müsse,[227] und daß der Admiral die Größe dieser Insel übertrieben habe.[228]
Zunächst aber stand Columbus in der Gunst der Monarchen so fest und wurde so mit Ehren überhäuft, daß auch die kühleren Herzen sich mit ihm zu befreunden beflissen waren. So stand auch Peter Martyr bald mit dem berühmten Entdecker, dem Granden Spaniens, in Briefwechsel und bezeichnete ihn nicht ohne Eitelkeit als seinen intimen Freund.
Am 28. Mai 1493 erhielt Columbus eine neue Bestätigung seiner ausbedungenen Privilegien und Gerechtsame als Admiral und Vicekönig und ein Wappen verliehen, in welchem außer seinem Familienwappen die Wappen von Castilien und Leon und goldene Inseln in blauen Meereswogen enthalten waren. Fünf Anker waren das Abzeichen seiner Admiralswürde und die Umschrift lautete: A Castilla y a Leon Nuevo Mondo dió Colon. (Columbus gab Castilien und Leon eine neue Welt.)