H. Major hat nun die Echtheit des Berichts zuerst an den Oertlichkeiten der Faröer nachgewiesen. Es handelt sich um einen Wikingerzug des Zichmni, des Herrn von Porlanda und Sorona.
Die Namen sind sämmtlich nur nach dem Gehör, nach dem Klange der Aussprache aufgefaßt und dann dem Italienischen angepaßt und umgeformt. So hat bereits Forster gefunden, daß in dem räthselhaften Zichmni der schottische Häuptling Henry Sinclair of Roslyn steckt, welcher von Hakon VI. von Norwegen die Herrschaft über die Orkneys und Caithneß erhielt. Der Pentland-Firth scheidet die beiden Besitzungen. Aus Pentland macht der Italiener Porlanda und die begleitende Karte entstellt diesen Namen, durch falsche Lesung, in Podanda (für rl ist d gesetzt).
Aus Caithneß wird Contanes und unter Sorona ist die kleine Insel Swona in dem Pentland-Firth zu verstehen. Zichmnis Geschwader wollte Friesland erobern. Im Altdänischen aber heißt die Faröergruppe Faeröisland, und in der Biographie des Columbus erzählt sein Sohn Ferdinand, daß sein Vater im Jahre 1477 von Bristol nach Frislanda gesegelt sei. Daraus wird die Identität von Faröer und Friesland ersichtlich. Daß aber der jüngere Zeno diesen Namen nicht aus der Biographie des Columbus entlehnen konnte, erhellt daraus, daß diese Lebensbeschreibung später, nämlich erst im Jahre 1571, also nach dem Reisebericht Zenos veröffentlicht wurde. Wenn die alte Karte Friesland als eine compakte große Insel darstellt, so fällt dieser Irrthum vorwiegend dem jungen Zeno zur Last. Zichmnis Flotte nahm ohne große Schwierigkeit die Inseln Ledovo und Ilofe (verschrieben für Slofe) und andere kleine Inseln im Golfe Sudero in Besitz. In diesem Golf erkennen wir den Suderoefjörd zwischen den beiden Inseln Suderoe und Sandoe. Dann ergibt sich für Ledovo die kleine fast unzugängliche Felseninsel Little Dimon und für Slofe das Nachbareiland Skuoe. Weiter ging das Geschwader nach dem Hafen Sanestol (d. h. Sandoe) und landete bei dem Orte Bondendon (wahrscheinlich Norderdahl auf Stromoe). Von hier zogen die Eroberer quer durch die Insel zur Hauptstadt Frislanda, welche an einer sehr fischreichen Bai lag, von wo sich Schiffe von Flandern, Britannien, Norwegen und Dänemark mit Fischen versorgten.
Die Hauptstadt Thorshaven, welche hier gemeint ist, belegt der Venetianer mit dem Namen der Inselgruppe. Der Reichthum an Fischen ist hier seit alters berühmt. Später leitete Nicolo Zeno ein ähnliches Unternehmen gegen Estland (d. h. Shetland-Inseln), wobei mehrere Schiffe nach der Insel Grislanda südwärts verschlagen wurden. Das Hauptland der Orkneys heißt Hroß-ey, oder Groß-ey oder gross-island, woraus sich die Form Grisland bildete.
Der jüngere Zeno, welcher aus Unverstand Estland für Island nahm, verlegte auch Grislanda an die Küsten jener großen Insel, obwohl der Originaltext von „le Islande“, also von mehreren Inseln spricht; in Folge dieses Grundirrthums werden aber auch alle nach Shetland gehörigen Namen an das Gestade von Island verschoben, nämlich Talas (= Yelli), Broas (= Barras), Iscant (= Unst), Trans (= St. Ronans Isle), Mimant (= Mainland), Dambere (= Hamna) und Bras (= Bressay).
Es lassen sich also alle Localitäten wieder erkennen und gehörigen Orts befestigen. Die durch Zeno den jüngeren in die Karte gebrachten groben Fehler sind von dem Originalberichte nicht verschuldet, bestärken aber die Glaubwürdigkeit der Erzählung; denn wenn das Ganze eine müßige Erfindung des 16. Jahrhunderts wäre, würde sie an solchen geographischen Verstößen gar bald entlarvt werden können. Jener erste Zug nach den Faröer geschah wahrscheinlich im Jahre 1390, der gegen Shetland 1391.[18]
Im Juli des folgenden Jahres ging Nicolo mit 3 kleinen Schiffen auf Entdeckung aus nach Engroneland oder Grenland. Bei dieser Fahrt, welche uns über die Grenzen der den Süd-Europäern bekannten Nordwelt hinausführt, wurde Island und wohl auch Grönland berührt. Aber der Bericht wirft offenbar isländische Verhältnisse nach Grönland. Ob diese Versehen dem Originalberichte zur Last fallen, oder ob die Bruchstücke desselben durch den jüngeren Zeno falsch zusammengefügt sind, läßt sich nicht mehr erkennen; doch liegt die Verwechslung klar vor Augen, wenn wir dem Berichte folgen. Danach fand nämlich der ältere Nicolo in Grönland ein Kloster mit Predigermönchen und eine Kirche des heiligen Thomas am Fuße eines thätigen Vulkans. Die in der Nähe befindliche heiße Quelle hatten die Geistlichen zu ihrer Ansiedlung geleitet, um Kirche und Kloster damit zu heizen und das kochende Wasser selbst zur Bereitung der Speisen zu verwenden oder in erwärmten Beeten Früchte und Blumen zu erzielen, die nur in gemäßigteren Himmelsstrichen gedeihen. Neben dem Kloster leben Wilde (also Eskimos), welche Fischfang treiben und Böte in Gestalt eines Weberschiffchens besitzen. Sie befestigen über das Gerippe von Fischknochen Häute und nähen dieselben fest zusammen, so daß diese leichten Fahrzeuge allen Stürmen trotzen. Während die Art der Ansiedlung und die Benutzung der Thermen nur nach Island paßt,[19] denn in Grönland gibt und gab es auch damals keine thätigen Vulkane, ist das Seegewerbe der Eingeborenen charakteristisch für die grönländischen Eskimos. Eine genaue Kenntniß des südlichen Grönland verräth aber auch der Name der Südspitze Avorf, welche in der dem 14. Jahrhundert angehörigen Beschreibung Grönlands von Ivar Bardsen „Hvarf“ und in der Chorographie Björn Jansens Haf-hvarf heißt, wofür die Karte Zenos Af promontorium setzt.
Nicolo Zeno erlag den für einen Südländer unerträglichen Wirkungen des polaren Klimas und starb bald nach seiner Rückkehr auf Frisland. In seine Stellung und seine Würden rückte sein Bruder Antonio, den Sinclair noch jahrelang bei sich festzuhalten wußte und sogar auf einer großartig geplanten Entdeckungsfahrt nach westlichen Ländern mitnahm. Sinclair hatte nämlich durch Fischer, die vor 25 Jahren über den atlantischen Ocean nach Westen verschlagen waren, von großen Inseln und weiten Festlandsstrichen Kunde erhalten und beschloß jene Länder aufzusuchen. Der Bericht der Verschlagenen, den ein Brief des Antonio an seinen Bruder Carlo in Venedig ausführlich wiedergibt, klingt zwar in manchen Einzelheiten befremdend, verräth aber in großen allgemeinen Zügen eine Kunde der nordamerikanischen Küsten bis nach Mexiko. Da nun erwiesenermaßen die Normannen bereits im 11. Jahrhundert Ansiedelungsversuche am Strande der Neuengland-Staaten gemacht hatten, so bleibt die Möglichkeit weiterer abenteuerlicher, durch Zufall veranlaßter Fahrten nach jenen Gegenden keineswegs ausgeschlossen.
Jene Fischer nun hatten erzählt, daß sie 1000 Meilen westlich von Friesland durch den Sturm an die Insel Estotiland getrieben seien, welche kleiner als Island, aber viel fruchtbarer war und in der Mitte einen hohen Berg hatte. Die Einwohner zeigten sich intelligent, freundlich, besaßen eine eigne Sprache und Schrift, in des Königs Bibliothek fanden sich sogar lateinische Bücher. Sie verkehrten auf ihren Segelbooten sogar mit Grönland, kannten aber den Compaß nicht. Nachdem sie fünf Jahre im Lande geblieben waren, machten unsere Fischer eine Fahrt gegen Süden zum Lande Drogio. Dort wohnten rohe Canibalen, welche einen Theil der Mannschaft erschlugen und verzehrten. Sie besaßen kein Metall, ihre Lanzen bestanden nur aus Holz. Aber weiter südwärts wurden sie civilisirter, wohnten in Städten und opferten in ihren Götzentempeln Menschen, deren Fleisch dann verspeist wurde. Das Land war reich an Gold und Silber.
Während wir in Estotiland Spuren normannischer Ansiedlung erkennen, wenn auch die Kulturverhältnisse in allzustarken Farben ausgemalt sind, lassen sich die Angaben über die südlichen Kulturländer mit ihrem Goldreichthum, ihren Götzentempeln und Menschenopfern ungezwungen auf Mexiko deuten. Doch sind Estotiland und Drogio nicht zu identificiren.