Die christlichen Kreuzfahrer, die mit immer weniger Aussicht auf Erfolg gegen die mohammedanischen Staaten in Kleinasien, Syrien und Aegypten um den Besitz des heiligen Landes gerungen hatten, sahen in den Mongolen einen willkommenen Helfer gegen den zähen Erzfeind ihres Glaubens. Sie nahmen aber auch mit besonderer Freude wahr, daß die neuen Weltstürmer aus Innerasien keineswegs den religiösen Fanatismus der Araber und Türken besaßen, sich vielmehr dem christlichen Glauben ebenso geneigt zeigten als der Lehre Mohammeds. Es liegt das schon in der wesentlich verschiedenen Rassenanlage der Mongolen und Semiten begründet.
Man kann sich in religiösen Dingen kein nüchterneres Volk denken als die Chinesen, während dagegen der Semite Westasiens, der Begründer des Monotheismus und leider auch des religiösen Fanatismus, auf religiösen Fundamenten sein geistiges Leben aufbaut. Die Glaubensglut des Islam übertrug sich auch auf türkische Stämme; aber nicht auf die Mongolen. Diese sahen nicht jeden Christen als solchen für einen Feind an. Sie ließen jeden in seinem Glauben gewähren.
Es gab wirklich Christen unter ihnen in nicht geringer Anzahl. Nicht blos, daß einzelne Gläubige mit den großen Völkerwellen vom heimischen Boden weit hinweg gespült worden waren; — trafen doch die Sendboten des Pabstes am Hofe der Chagane in Karakorum, südlich vom Baikal, Franzosen und Ungarn und begegnete dem Marco Polo sogar noch in China ein Deutscher; — nein, ganze Stämme des großen vielsprachigen Reiches neigten zum Christenthum und es wird von manchen Städten im fernen Osten berichtet, daß nestorianische Christen bis dahin ihren Glauben verbreitet. Als Christen galten die Kerai in N.-W. von China; als Nestorianer bezeichnet Rubruck den Stamm der Naiman am obern Irtysch. Viele Christen hatten sich sogar in dem Dienst und Gefolge der mongolischen Fürsten eine geachtete und einflußreiche Stellung errungen und, was besonders betont werden muß, die Großfürsten des Weltreichs selbst waren in die directe Berührung mit dem Christenthum durch eingegangene Ehen gebracht. Die Mongolenkaiser Kublai und sein Bruder Hulaku stammen von christlichen Müttern ab, deren Einfluß nicht zu unterschätzen ist. Gesandtschaften und Briefe gingen hin und her, es entspann sich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen den Häuptern der Christenheit und den Chaganen, und mehr als einmal wurde das Interesse des Pabstes lebhaft durch die Aussicht auf ein segensreiches Arbeitsfeld von unermeßlicher Weite im fernen Morgenlande angeregt. Darf man unter solchen Umständen den Plan einer systematischen Missionsarbeit unter den Mongolen absolut verwerfen oder auch nur als gar zu sanguinisch bezeichnen?
artist. Inst., Leipzig-Reudnitz.
G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.
Kartenskizze der