Noch ehe diese letzte Gesellschaft bestand, trat er mit den genannten Freunden zusammen, um Henry Hudson auf dem Schiffe „Discovery“ nach dem Nordwesten zu senden. Man billigte dessen Plan, südlich von der Meta incognita in die von Weymouth zuletzt besuchte Bucht weiter vorzudringen.
Am 24. Juni kam das Schiff vor die Einfahrt in die Hudsonsstraße, mußte sich aber vor den herausflutenden Eisschollen in die Ungavabucht flüchten und arbeitete sich mühsam im Eise weiter, so daß die Mannschaft umzukehren wünschte, weil sie der harten Arbeit überdrüssig geworden. Erst gegen Ende Juli hatte er bis zur Insel Salisbury am westlichen Ausgange der Straße vorrücken können und wandte sich nun, da die Labradorküste nach Süden verlief und ein weiteres Meer sich vor ihnen ausbreitete, nach Südwesten. Im nördlichen Theile von Labrador setzte Hudson in den Namen Cap Wolstenholm, Diggesinseln und Cap Smith den Förderern der Expedition ein bleibendes Denkmal. Hier bricht leider Hudsons Tagebuch ab und wir sind für den weitern Verlauf und das tragische Ende des Entdeckers auf die Aufzeichnungen beschränkt, welche Abacuk Prickett, ein Diener Sir Digges’, hinterlassen hat. Hudson ging mit seinem Schiffe an der die Festlandsküste in ziemlicher Entfernung begleitenden Inselreihe der Nord- und Süd-Schläfer entlang bis zur südwestlichen Einbuchtung der Jamesbai, wo er am 1. November vor Anker ging und in einer Breite von 52 Graden zu überwintern beschloß. Den meuterischen Steuermann und Hochbootsmann hatte er absetzen müssen und ihre Stellen an Robert Bylot und William Wilson übertragen. Schon am 10. November fror das Schiff ein und wurde erst im Juni wieder frei. Die strenge Winterkälte steigerte den Mismuth der Mannschaft gegen den harten Capitän, der mit eiserner Hand seine Autorität wahren wollte.[533] Als er im Juni 1611 auf dem Rückweg nach Cap Wolstenholm sich befand, brach die Empörung aus, weil Hudson gedroht hatte, er werde die Widerspenstigen an dem unwirthlichen Gestade aussetzen. Zu den Haupträdelsführern gehörte auch Henry Green, den Hudson in seinem Hause in London aufgenommen und erzogen hatte. Er gehörte nicht zu der besoldeten Mannschaft, sondern war von Hudson auf seine Kosten mitgenommen, „weil er gut schreiben konnte“. Das Schicksal, das den Meuterern angedroht war, bereiteten sie dem Capitän. Hudson wurde bei Nacht von ihnen überfallen, gebunden und sammt seinem jungen Sohne und acht Leidensgefährten in einer Schaluppe ausgesetzt und dem unvermeidlichen Untergang preisgegeben. Zwar ereilte auch den undankbaren Green und einige seiner Genossen das Verhängniß; denn sie wurden am 29. Juli bei den Diggesinseln von Eingeborenen erschlagen. Das Schiff kehrte dann nach England zurück.
Die Hudsonsbai wurde Hudsons Grab. Um den Verschollenen aufzusuchen, wurden 1612 zwei Schiffe, auf welchen auch Robert Bylot und Abacuk Prickett mitgingen, nach dem Schauplatz des Verraths ausgesendet unter Thomas Button und Ingram, aber sie fanden von den Verlorenen keine Spur. Sie umkreisten den nördlichen und westlichen Rand der großen Bai bis zum Nelsonflusse, wo sie überwinterten, und da der Winter ausnahmsweise milde verlief, nur vom 16. Februar bis zum 5. April vom Eise besetzt waren. Weil man in Port Nelson eine Fluthöhe von 15 bis 18 Fuß beobachtet hatte, so folgerte man in England daraus, die Hudsonsbai müsse im Südwesten mit dem großen Ocean in Verbindung stehen, denn in einem geschlossenen Binnenmeere könnten die Gezeiten eine solche Höhe nicht erreichen. Von Westen kommende Fluten galten mit Recht als Anzeichen einer weitern Wasserverbindung nach jener Himmelsgegend. Button war von der Existenz der Passage westlich von der Hudsonsbai aus fest überzeugt.
So lief denn dasselbe Schiff, die „Discovery“, welches Hudson und Button befehligt hatten und welches auch noch im Jahre 1614 mit Capitän Gibbons an der Labradorküste gewesen war, im folgenden Jahre zu neuen Entdeckungen aus, diesmal unter Robert Bylot und William Baffin.[534] Baffin war in den arktischen Gewässern kein Neuling mehr. Im Jahre 1612 war er als Steuermann mit James Hall nach der Westküste Grönlands gegangen, um nach den Trümmern der alten normannischen Niederlassungen zu forschen, hatte dann im Dienste der moskowitischen Compagnie in den beiden nächsten Jahren größere Flotten nach Spitzbergen begleitet und ließ sich nun für die Unternehmungen der Nordwestcompagnie gewinnen. Der Uebergang aus dem Dienste der einen Gesellschaft in den der andern vollzog sich um so leichter, weil beide von Thomas Smith geleitet wurden. Baffin war einer der gebildetsten Seeleute seiner Zeit, der mit der einem Polarfahrer nöthigen Kühnheit und Entschlossenheit das Talent und die Liebe zu wissenschaftlichen Beobachtungen verband. Er war in dieser Hinsicht dem Capitän Bylot bedeutend überlegen, ordnete sich demselben aber im Interesse der Sache unter und ging als Pilot mit.
Am 27. Mai drang die „Discovery“ in die Hudsonsstraße ein, wo Baffin bald darauf den ersten Versuch auf der See machte, die Längen nach Monddistanzen zu bestimmen, eine Methode, welche schon 1514 von dem Nürnberger Astronomen Johann Werner gelehrt, aber bisher von den Seefahrern noch nicht ausgeführt war. Am 3. Juli befand sich das Schiff bei der Millsinsel, am nordwestlichen Ausgange der Straße und versuchte nun, sich nordwärts durch den Foxcanal einen Weg zu bahnen. Man sah auch hier noch mit Betrübniß, daß die Flutwelle von Osten, also aus dem atlantischen Ocean kam. Zwar belebte sich die Hoffnung noch einmal auf kurze Zeit, als man an der westlich vom Foxcanal gelegenen großen Southamptoninsel eine von Norden kommende Flut beobachtete und gab den freudigen Erwartungen dadurch Ausdruck, daß man daselbst ein Vorgebirge Cap Comfort (Trost) benannte (75° n. Br.); allein schon am nächsten Tage zerrann die Hoffnung wieder, denn man sah vom Westen bis herum nach Nordosten ringsum mit Eis umschlossenes Land und beobachtete nur eine schwache Flut. Hier konnte also die Passage nicht erwartet werden.
Das Schiff kehrte dann nach der Südostspitze von Southampton zurück, wo man in offner See ankerte, um die Richtung der Flutbewegung besser beobachten zu können. Das Hochwasser kam ganz sichtlich aus Südosten, die Ebbe von Nordwesten. Schärfer war die Strömung noch nicht wahrgenommen; aber sie vernichtete jede Hoffnung, im Umkreise der Hudsonsbai die Durchfahrt zu finden.[535] Also wandte man sich zur Heimkehr und landete am 6. September in Plymouth, ohne während der ganzen Fahrt einen Mann eingebüßt zu haben.
Baffin sprach nunmehr seine Ansicht dahin aus, daß die Hauptpassage nur in der Verlängerung der Davisstraße zu suchen sei. Um dieselbe weiter aufzuhellen, wurden Bylot und Baffin in demselben Schiffe 1616 noch einmal ausgeschickt. Diesmal steuerten sie direct nach der Davisstraße und erreichten am 30. Mai Hope Sanderson (72° 42′ n. Br.). Von hier aus also begannen die neuen Entdeckungen. Das Schiff ging bis zum 10. Juni an der grönländischen Küste nordwärts und versuchte dann einen Vorstoß in die westlichen, in der Mitte der Bai treibenden Eismassen, um weiter von der Küste abkommen zu können. Aber dieser Versuch, das sogenannte Mittelpackeis zu durchbrechen, schlug fehl[536], und man war gezwungen, das Küstenfahrwasser wieder aufzusuchen. In diesem fuhr man nordwärts bis zum Whalesunde (77° 30′ n. Br.), der nach der großen Anzahl dort gesehener Walfische benannt wurde, und bis zum Eingange des Smithsundes, wo das Schiff zwei Tage lang in Sturm und Nebel umhergejagt wurde. Auf der andern Seite der großen Bai gelangte das Schiff am 10. Juli zur Oeffnung des Jonessundes, am 12. Juli zum Lancastersunde. Hier befand man sich thatsächlich an der Pforte der nordwestlichen Durchfahrt, aber man erkannte sie nicht; denn die Bezeichnung „Sund“ berechtigte noch nicht zur Annahme eines Durchgangscanals. „Vom Lancastersunde an,“ schreibt Baffin, „begann unsere Hoffnung auf eine Passage geringer zu werden. Denn von nun an hatten wir eine geschlossene Eisbank zwischen uns und der Küste. Wir hielten uns bis zum 14. Juli dicht an der Eisbarriere und sahen das Land sich noch bis zum 70° 30′ n. Br. erstrecken. Bei dem Versuche, durch das Eis nach Osten ins grönländische Küstenwasser zu kommen, wurden wir in dem Schollenmeere festgehalten und trieben bis 65° 40′ n. Br. südwärts.“ Nun erst gab man, da auch viele Leute an Bord erkrankt waren, die Untersuchung der Westküste auf und kehrte nach England zurück, wo man am 30. August in Dover landete.
In einem Briefe an John Wolstenholm spricht sich Baffin ganz entschieden dahin aus, daß das große Wasser nördlich von der Davisstraße, die Baffinsbai, nur eine geschlossene Bai sei und daß dort keine Passage existire. Ehe er sich mit eignen Augen davon überzeugte, sei er noch anderer Ansicht gewesen. Er schließt seinen Brief mit den Worten: „Ich darf kühn und ohne Prahlerei behaupten, daß in kürzerer Zeit bessere Entdeckungen nicht gemacht sind, wenn man die Eismassen und die Schwierigkeit einer Segelfahrt so nahe am Pol und dazu die fabelhafte Abweichung der Magnetnadel in Rechnung zieht, so daß ohne die größte Sorgfalt gar keine richtige Karte entworfen werden kann.“[537]
Volle zweihundert Jahre, bis 1818, ruhten die Versuche, durch den nördlichen Theil der Baffinsbai weiter vorzudringen. Doch wurden jene Gewässer für den Walfischfang in ergiebigster Weise ausgebeutet. Erst in unserm Jahrhundert nahm man die Frage der Nordwestpassage in England wieder auf. Nach einer Reihe glänzender, heldenmüthiger Forschungsreisen ist 1850 durch Mac Clure die Existenz einer Wasserstraße von der Baffinsbai aus durch den Lancastersund um Nordamerika sowie durch die Beringsstraße zum großen Ocean nachgewiesen, aber eine Umsegelung der neuen Welt im Norden wegen der höchst schwierigen Eisverhältnisse noch nicht ausgeführt. Der materielle Gewinn, welchen der britische Handel aus den Nordwestfahrten erzielte, ergab sich noch im Laufe des 17. Jahrhunderts, nachdem im Jahre 1631 noch zwei verschiedene Expeditionen unter den Capitänen Fox den Norden und James den Süden der Hudsonsbai erforscht hatten, und sich dann 1670 auf Anregung des Prinzen Rupert eine Gesellschaft bildete (Company of adventurers of England trading into Hudsonsbai), um von den Küsten dieses nordamerikanischen Binnenmeeres aus besonders Pelzhandel zu treiben. Die Hudsonsbai-Compagnie beherrschte sodann in ihrer weiteren Entwicklung den ganzen Norden Amerika’s und legte so den Grund zu der Ausdehnung der britischen Herrschaft über die ganze nördliche Hälfte jenes Continents.