Den ersten namhaften Fortschritt in den afrikanischen Fahrten verzeichnet das Jahr 1434. Gil Eannes, ein Page des Infanten, hatte gegen den Befehl seines Herrn Menschen geraubt. Um die Gunst des Fürsten wieder zu gewinnen, setzte er sein Leben daran, das berüchtigte Cap Bojador, das selbst nach 12jähriger Anstrengung nicht zu überwinden gewesen war, zu bezwingen. Das, wie man meinte, unmögliche Wagniß gelang ohne Unfall, und kühner und sicherer gemacht, erreichte sein Nachfolger Affonso Gonçalez Baldaya den Goldfluß, Rio d’Ouro und damit den nördlichen Wendekreis, also die Grenze der heißen Zone. Am Strande gefundene Fischernetze wiesen darauf hin, daß auch hier das Land noch Menschen beherberge. Die alte Theorie von der Unbewohnbarkeit der heißen Zone begann zu wanken, ohne jedoch zusammenzubrechen, denn man befand sich ja erst am Saume des gefürchteten Erdstriches.
Aber am Cap Bojador war das Thor der heißen Zone geöffnet und Schiff folgte nun auf Schiff; man erreichte unter Nuño Tristão 1441 das Cap Branco und zwei Jahre später unter Leitung desselben Capitäns die Bucht von Arguim. Es ist zu beklagen, daß der Prinz anfänglich den Befehl ertheilt hatte, die Bevölkerung an der Bucht und auf den kleinen Inseln erst zu tödten oder gefangen zu nehmen, ehe man die Entdeckungen fortsetze. Er sah auch bald den großen Fehler, den er damit begangen ein, und verbesserte ihn, ehe es zu spät war. Die Bewohner des Wüstenrandes konnten, wenn man sie in ihren gewohnten Verhältnissen ungestört ließ, und sich mit ihnen in ein freundschaftliches Einvernehmen setzte, den Portugiesen bei ihren Erkundigungen über das Binnenland wesentliche Dienste leisten. Die Insel Arguim wurde für den Mittelpunkt dieses neuen Verkehrs erklärt und erhielt die erste bleibende Niederlassung der Portugiesen nebst einem Castell zum Schutze der Handeltreibenden. Der Tauschverkehr entwickelte sich mit den Azanaghen sehr bald, und wenig Jahre nach der Entdeckung schon sandte eine Handelsgesellschaft in Lagos, dem Hafen östlich von des Prinzen Villa, eine Flotte von sechs Schiffen aus.
Später brachten die portugiesischen Schiffe nach Arguim farbige Tücher, allerart Leinwand, wollene Mäntel, Sättel, Steigbügel, Schüsseln, Honig, Silber, Gewürze, rothe Korallen und Getreide und tauschten dafür Negersklaven aus Guinea, Gold von Timbuktu, Büffelfelle, Gummi, Zibethkatzen, Straußeneier, Kameele, Kühe und Ziegen ein.[70] Die ersten Erfolge waren so verlockend, daß der Prinz Heinrich den Handel nach Arguim an eine Handelsgesellschaft verpachten konnte.
Nun endlich schwiegen auch die Gegner der Seefahrten und das Interesse für die Unternehmungen, welche von Sagres aus geplant wurden, wuchs bald so mächtig, daß man die leicht erregten Portugiesen zügeln mußte. Man schränkte, indem man die Entwicklung einer tüchtigen Handelsflotte im Auge behielt, die Raub- und Abenteurerzüge durch Gesetze ein und monopolisirte sogar den afrikanischen Handel.
Der zweite große Fortschritt in der weiteren Entdeckung geschah im Jahre 1445. Er knüpft sich an den Namen des kühnen Diniz (Dionysius) Dias, eines Vorfahren des bekannteren Bartolomeu Dias, welcher 26 Jahre nach dem Tode des Prinzen Heinrich das Cap der guten Hoffnung umsegelte. Diniz Dias hatte sich bereits im Dienste des Königs Johann I. (bis 1433) ausgezeichnet. Der Prinz rüstete ihm eine kleine Caravele aus und Diniz nahm sich vor, ganz den Plänen seines Herrn folgend, ohne sich auf Handelsverkehr mit den Küstenbewohnern einzulassen, weiter südwärts vorzudringen als alle seine Vorgänger und das Land der schwarzen Mohren, wie man die Neger im Gegensatz zu den weißen Mohren, den Berbern und Mauren, zu nennen pflegte, zu erreichen. So fuhr er kühn an der Mündung des Senegal, welcher beide Menschenrassen trennt, vorüber bis zum grünen Vorgebirge. Seine Caravele erregte unter den schwarzen Bewohnern des Landes gewaltiges Erstaunen. Vier von den muthigsten, welche das große auf dem Wasser treibende Ding untersuchen wollten — denn sie waren unter sich nicht einig, ob es ein Fisch, ein Vogel, oder ein Phantom sei — näherten sich dem Schiffe in einem Canoe; als sie aber Menschen auf dem Ungeheuer gewahr wurden, flohen sie mit solcher Hast zurück, daß die Portugiesen sie nicht wieder einholen konnten.
So war also das Negerland endlich wirklich erreicht; aber nicht allein darin liegt die Bedeutung dieser Fahrt, sondern vor allem in der am grünen Vorgebirge unerwartet auftretenden Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Hier unter dem 15° N. befand man sich in der That in der heißen Zone, wo unter dem Einfluß tropischer Regen, welche mit gewaltigen Güssen das Land tränken, ein Reichthum der Flora sich entfaltete, welche zahlreichen und großen Thieren, sowie kräftigen, sogar schönen Menschenstämmen Nahrung in Fülle bot.
Wie paßten zu solchen Beobachtungen und Thatsachen die Lehrsätze des Aristoteles und Ptolemäus von der Unbewohnbarkeit des heißen Erdgürtels? Am grünen Vorgebirge ist diese alte mächtige Theorie zerschellt. Und wiederum sehen wir die Bestrebungen des Prinzen und seinen Wahlspruch auf das Herrlichste belohnt. Denn von hier aus, vom Cabo verde, eröffnet sich uns eine ganz neue Perspektive für die Entwicklung der Erdkunde. Man lernte seinen eignen Augen doch mehr trauen, als den Schriften griechischer Autoritäten.
Es gibt wenig geographische Namen, die so trefflich gewählt sind und den Nagel so auf den Kopf treffen wie dieser des „grünen“ Vorgebirges, und auch wohl keinen, der so einfach sich von selbst bot und so auf der Hand lag wie dieser. Im Gegensatz zu den weißen Dünen des Cabo branco, des weißen Vorgebirges, nördlich von Arguim, am Ufer der Sahara, erhebt sich hier ein in den Ocean auffällig schlank hinausspringender Höhenrücken, über dem sich die gefiederten Wipfel tropischer Palmen wiegen. Unter ihrem Schatten liegt die Geographie des Mittelalters begraben.
Wenige Jahre nach der Entdeckung kam ein intelligenter venetianischer Edelmann, Ludwig da Mosto, hieher. Auf ihrer Fahrt nach Flandern war die venetianische Flotte, die er begleitete, durch widrige Winde am Cap Vicente in Portugal aufgehalten. Als der Infant Heinrich dies erfuhr, schickte er seinen Secretär Antonio Gonsalvez und den venetianischen Consul Patricio de Conti mit Proben des neugepflanzten Zuckerrohrs von Madeira, mit Drachenblut und andern neuen Produkten Afrikas zu ihnen und ließ sie auffordern zu einem Zuge nach dem Senegal. Da Mosto wurde lebhaft von den Berichten angezogen, und erkundigte sich nach den üblichen Bedingungen. Da erfuhr er, daß jeder Schiffsrheder, der selbst sein Schiff ausrüste, nach vollendeter Fahrt dem Prinzen ¼ des Gewinnes zu geben habe, daß aber, wenn der Prinz selbst die Ausrüstung auf seine Kosten mache, er die Hälfte des Ertrags der Fahrt beanspruche. Da Mosto hatte darauf hin eine Unterredung mit dem Infanten und wurde für den Plan gewonnen. Die Venetianer fuhren nach Flandern weiter, für da Mosto aber stellte Prinz Heinrich unter Leitung des bewährten Vicente Dias eine Caravele von 90 Tonnen zur Verfügung, welche die ganze Küste Afrikas entlang bis zum Gambia segelte. Da Mosto selbst hat über diese Reise einen ausführlichen Bericht gegeben, aus welchem hier die Schilderung des grünen Vorgebirges hervorgehoben sein mag und zwar nach der deutschen Uebersetzung von 1534. Da Mosto erzählt: „Das grien Haupt (d. i. Vorgebirge) hatt den Namen von den grienen Bäumen, die da sind vnd schier das gantz jar grünen. Das haben die Portugaleser am jar ehe ich dahin kam, funden, vnd habens von den grienen Bäumen genannt, wie das Weis Haupt (Cabo branco) von dem weißen sand. Aber das grien Haupt ist hoch vnd lustig zu sehen, das steht zwischen zweyen Bergen in der mitten vnd breitet sich in das Meer mit vil Hütten und wohnungen der Schwarzen Mooren umbgeben, zu vor gegen dem Meer.... Es ist auch zu wissen, das nach dem Grienen Haupt sammeln sich die gestaden und machen einen Busen, der rast lustig ist, und ist ein eben erdtrich mit vil hüpschen Bäumen;[71] denn die bletter bleiben bis andre wachsen; die grünen allweg. Und wie wohl sie vom Meer mehr denn mein armbrustschuß stehen, so scheinen sie von weitem an dem Meer zu stehen. Das ist überaus schön anzusehen (chè una bellissima costa de vedere). Ich bin weit gegen Aufgang und Niedergang der Sonnen gereiset zu manich land, aber ich hab kein schöneres gesehen. Es hat viel wasser.“[72]
Das Entzücken über die Schönheit der Tropenlandschaft kommt allerdings in der Uebersetzung eines mäßigen, besonnenen Straßburger Bürgers aus dem 16. Jahrhundert nicht zur Geltung, aber das Original läßt es warm empfinden.