Hier will ich nehmen (wird kein Wahn mich trügen)

Die schwerste Rach’ an dem, der mich entdeckt.

(Lusiaden V. 43. 44, übersetzt von Wollheim.)

Außerdem wurde auch das Schiff des Diogo Dias vollständig von den übrigen verschlagen und gelangte auf die Ostseite von Madagascar. Erst am Nordende bemerkte Dias, daß er eine Insel entdeckt habe. Von der stattlichen Flotte Cabrals waren somit nur noch sechs Fahrzeuge vorhanden, die sich auf der Rhede von Sofala am 16. Juli wieder zusammenfanden.

Die Schiffe hatten furchtbar gelitten, mußten aber doch noch den Weg bis Mosambik zurücklegen, ehe man Gelegenheit fand, sie für die Fortsetzung der Reise wieder seetüchtig zu machen. Der ganze Küstenstrich von Sofala bis Sansibar stand unter der Botmäßigkeit des Scheich von Kiloa. Nach diesem Mittelpunkte der arabischen Niederlassungen gelangte Cabral von Mosambik mittelst einheimischer Lotsen, hatte aber dort wenig Erfolg, als er Handelsbeziehungen anknüpfen wollte; denn der Scheich erklärte ihm ziemlich unumwunden, er könne die ihm vorgelegten portugiesischen Waaren nicht gebrauchen. Auch die Bekehrungsversuche der Geistlichen an Bord trugen keine Früchte. Am 2. August erschien die Flotte vor Melinde. Mit dem dortigen Oberherrn wurden die Freundschaftsbezeugungen erneuert. Hier ließ man auch zwei portugiesische Sträflinge zurück, João Machado und Luis de Moira, mit dem Auftrage, bis ins Land des Priesterkönigs nach Abessinien vorzudringen; ein Unternehmen, das damals ebenso fehl schlug als im 17. Jahrhundert, wo mehremal portugiesische Missionare, unter ihnen Lobo, um 1626, sich abmühten, das Gebiet der Galla zu durchbrechen. Der Scheich von Melinde gab den Portugiesen wiederum zwei Steuerleute mit, welche die Schiffe glücklich in sechzehn Tagen nach Indien hinübergeleiteten. Schon am 23. August wurden die Andjediven wieder erreicht. Dort gönnte man sich vierzehn Tage Rast, die Schiffe wurden wieder kalfatert und mit Wasser versorgt, denn man mußte mit einer wohl in Stand gesetzten Flotte vor Kalikut auftreten. Wenn auch die Seemacht auf die Hälfte reducirt war, war sie immerhin doppelt so stark an Zahl der Schiffe, als das kleine Geschwader Gama’s und mußte wohl den Verdacht eines Korsarenwesens zurückdrängen. Der Samudrin bekundete seine friedliche Gesinnung dadurch, daß er die Fremden sofort nach ihrem Eintreffen durch zwei Nair und einen angesehenen Kaufmann aus Gudjerat begrüßen ließ. Cabral schickte die vier Indier, welche Gama mitgenommen, wieder ans Land und ließ den Fürsten ersuchen, ihm Geißeln als Bürgen eines friedlichen Geschäftsverkehrs zu senden. Der Brief des Königs Manuel enthielt denselben Wunsch, sprach aber daneben, unüberlegter Weise, viel von Bekehrungsplänen, wodurch die religiösen Gegensätze und Antipathien in Indien von neuem aufgeregt werden mußten.

Sechs Geißeln wurden zwar gestellt, allein portugiesischerseits hatte man dabei nicht an die Schwierigkeiten gedacht, welche die brahminischen Religionssatzungen einem längeren Aufenthalte auf den Schiffen entgegenstellte, wo die Indier keine von fremder Hand zubereiteten Speisen zu sich nehmen durften. Man mußte wenigstens gestatten, daß sie von Zeit zu Zeit durch ein Sambuk nach der Stadt geholt wurden, um dort zu essen. Cabral begab sich indessen, durch die Bürgen gedeckt, in prächtigem Aufzug ans Ufer und hatte am Strande mit dem Samudrin die erste Zusammenkunft. Noch war er aber nicht zurückgekehrt, als ein Fahrzeug bei der portugiesischen Flotte erschien, um die Geißeln abzuholen. Da man an Bord die Auslieferung verweigerte, sprangen die Geißeln ins Meer und retteten sich zum Theil auf das befreundete Boot. Geißeln aus vornehmer indischer Kaste erwiesen sich danach als untauglich. Cabral begnügte sich darum fernerhin mit der Stellung von angesehenen mohammedanischen Kaufherrn. So kam denn auch eine zweite Audienz beim Samudrin zu Stande, in welchem ein friedliches Abkommen getroffen und die Preise der Gewürze festgestellt wurden. Dem Factor Aires Correa wurden mehrere Häuser am Hafen für den Handel eingeräumt und diese Waarenlager mit sechzig Mann Besatzung zur Deckung belegt. Auch die Geistlichen versuchten von ihr aus ihr Bekehrungswerk zu beginnen, aber ohne Erfolg, da sie die Sprache des Volks, das Malabarische, nicht verstanden. Cabral scheint auch, klugerweise, diesem Zweige seiner Sendung wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Mit Betrübniß mußte er aber bemerken, daß auch der Handel sich gar nicht beleben wollte. Die Verschleppungspolitik der Mauren steckte offenbar dahinter. Im Laufe von drei Monaten hatten erst zwei seiner Schiffe eine hinlängliche Fracht an Pfeffer eingenommen. Aergerlich darüber ließ Cabral auf Antrieb des Factors ein im Hafen liegendes Schiff, das einem mohammedanischen Händler gehörte und angeblich mit Gewürzen beladen war, gewaltsam untersuchen, fand aber nur Lebensmittel an Bord. Das Gerücht dieses Gewaltstreichs brachte die Stadt in Aufregung. Von den Mauren aufgestachelt, rottete sich das Hafenvolk zusammen und stürmte die fremden Magazine. Aires Correa und ein Theil seiner Leute wurde erschlagen; doch wurde der zwölfjährige Sohn des Factor, Antonio Correa, auf wunderbare Weise gerettet und hat sich später im indischen Dienst besonders hervorgethan. Cabral schritt sofort zu einer energischen Züchtigung: er ließ fünfzehn im Hafen liegende Schiffe in Brand stecken und beschoß einen Tag lang die Stadt. Damit war jeder weitere Verkehr abgeschnitten, man befand sich dem Samudrin gegenüber auf feindlichem Fuß. Cabral begab sich dann nach dem südlicher gelegenen Kotschin, dessen Radscha ihm bereits aus Eifersucht gegen Kalikut eine freundliche Einladung gesandt hatte. Binnen drei Wochen wurden hier und in Kranganor (Cotunglur, Kadungulur nahe bei Kotschin) alle Schiffe mit Gewürz befrachtet. Auch der Fürst von Kollam, südlich von Kotschin, erbot sich, zu mäßigen Preisen die gewünschten Waaren zu liefern. Endlich lief die Flotte noch in Kananor an, welches bereits von Gama besucht war. Hier vervollständigten sie die Ladung noch durch Ingwer und Zimmt; von diesen Artikeln wurden aber solche Mengen angeboten, daß man nicht alles mitnehmen konnte. Der Radscha, im Glauben, den Portugiesen seien die Mittel zum Einkauf ausgegangen, bot ihnen daher an, sie möchten die Waaren nur nehmen und das nächste Mal bezahlen. Ein solches Zutrauen bewies er den handelsbegierigen Fremden. Nachdem er dann noch Gesandte mit nach Europa abgeordnet hatte, ging die Flotte am 16. Januar 1501 wieder unter Segel, verlor aber kurz vor Melinde im Sturm das Schiff des Sancho de Toar; doch wurde die Mannschaft gerettet. Dann ging’s weiter nach Mosambik, wo die Schiffe noch einmal wieder kalfatert wurden, ehe sie in die Sturmregion am Caplande einträten. Toar bekam hier in Mosambik noch den Auftrag, in einem kleinen Schiffe Sofala zu besuchen, eine Aufgabe, welche eigentlich die Gebrüder Dias hatten lösen sollen. Toar ging mit dem indischen Juden Gaspar da India oder da Gama als Dolmetsch und einem Piloten von Melinde nach Sofala, fand dort eine günstige Aufnahme und kehrte von allen Capitänen, die an dieser zweiten indischen Expedition theilgenommen hatten, am spätesten zurück, denn er erreichte Lissabon erst im September 1501. Toar berichtete später von dem Goldreichthum Sofalas, und daß die Eingebornen, von denen die Araber das Gold eintauschten, vier Augen hätten, zwei vorn und zwei hinten am Kopfe. Jedenfalls ein arabisches Handelsmärchen, das der Portugiese ebenso treuherzig glaubte, als Herodot in alter Zeit die phönizischen Schifferlügen erzählte.

Die Rückfahrt Cabrals ging weiterhin ohne bedeutenden Unfall von statten. Doch wurde noch das Schiff des Pero de Taide von den übrigen getrennt, gelangte aber auch glücklich nach Portugal. Bei den Capverden stellte sich auch Diogo Dias wieder ein, der auf seiner einsamen Fahrt von Madagascar nach Magadoschu gerathen war und dort am afrikanischen Strande in einem Ueberfall, wahrscheinlich bei Barawa, seine ganze Mannschaft bis auf sieben Köpfe eingebüßt hatte und sich dadurch genöthigt sah, den Heimweg anzutreten, ohne Indien gesehen zu haben. Bei den Capverden fand noch eine zweite Begegnung statt, man fand nämlich die drei Schiffe, welche am 13. Mai von Lissabon abgegangen waren, um die Entdeckung Brasiliens weiter zu vervollständigen. An diesem Unternehmen betheiligte sich auch Amerigo Vespucci, welcher seine zweite Reise nach der neuen Welt antrat.

Cabral hatte zwar fünf Schiffe vollständig verloren, und eins von Brasilien zurückgeschickt, während ein siebentes, dasjenige des Pero de Taide, Indien gar nicht erreicht hatte, trotzdem wog die kostbare Fracht an Gewürzen, Perlen und Edelsteinen die Verluste vollständig auf. Darum entschloß man sich auch in Portugal, da die Handelsvortheile bedeutend überwogen, die Indienfahrten fortzusetzen und mit verstärkter Waffenmacht die mohammedanischen Händler aus den indischen Gewässern zu vertreiben.

Ehe Cabral zurückkam, schickte der König bereits am 5. März 1501 wieder ein kleines Geschwader von vier Schiffen unter Führung des Galiciers João da Nova ab. Eins dieser Fahrzeuge, unter Diogo Barbosa, hatten portugiesische Kaufleute ausgerüstet, ein anderes hatte der Florentiner Bartolomeo Marchioni unter die Leitung des Francesco Vinetti gestellt; denn der portugiesische König gestattete den Kaufherren, welche auf ihre Kosten Schiffe ausrüsteten, auch den Capitän zu ernennen. Das vierte Schiff befehligte Francisco de Novaes.

Auf der Fahrt durch den atlantischen Ocean entdeckte João da Nova, unter 8° s. Br., eine Insel, der er den Namen Ilha da Conceizão (Concepçao, Insel der Empfängniß) beilegte. Wir sehen daraus, welchen Cours die Schiffe einschlugen. Albuquerque taufte zwei Jahre später, wahrscheinlich weil ihm die frühere Entdeckung unbekannt geblieben war, die Insel um und nannte sie Ilha da Ascensão (Himmelfahrtsinsel), wie sie auch heute noch heißt. Am 7. Juli erreichte das Geschwader den Wasserplatz von San Braz an der Mosselbai, östlich vom Vorgebirge der guten Hoffnung. Hier fanden sie einen Brief, den Pero de Taide auf seiner Heimfahrt zurückgelassen hatte; João da Nova ersah daraus, wie die indischen Angelegenheiten standen und was unter Cabral vorgefallen war. Im August erreichte man Mosambik und weiter Kiloa, wo sich ein von der früheren Expedition zurückgelassener Verbrecher, Antonio Fernandez, bei ihnen einfand und den Inhalt des in der Mosselbai gefundenen Briefes bestätigte. Auf dem gewöhnlichen Wege über Melinde gelangte da Nova ohne Fährlichkeit nach Kananor. Hier bot ihm der Fürst die gewünschte Gewürzfracht an, aber da der Flottenführer die Weisung erhalten hatte, sich zuerst in Kotschin mit Hilfe des dortigen portugiesischen Factors zu versorgen, so lehnte er vorläufig das freundliche Anerbieten ab und stach wieder in See, obwohl ihm bereits Warnungen zugegangen waren, daß eine größere Flotte des feindlichen Samudrin ihm den Weg verlegen sollte. João da Nova baute aber auf die größere Gewandtheit seiner Schiffe und die Ueberlegenheit seiner Waffen, und bahnte, während der Fahrt beständig wachsam, mit Gewalt seinen Weg durch mehr als hundert feindliche Schiffe. Mit seinen Geschützen bohrte er neun kleinere und fünf größere Schiffe seiner Gegner in den Grund, wobei 417 Indier sollen ums Leben gekommen sein. Nach dieser Niederlage bemühte sich zwar der Samudrin wiederum, die Schuld auf die Hetzereien der Mauren zu schieben und die Portugiesen mit Freundschaftsversprechen anzulocken; aber diese würdigten ihn keiner Antwort.