DIE MUTTER:

Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind,
Wie verführungsvoll deine Worte doch sind!
Ach, daß ichs vermöchte,
Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden,
Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde!
Im stillen Haus, einträchtig zu zwein,
Wie friedsam sollte dies Leben sein!
Mit lindem Gang
Schritt ich des Tags deine Stunden entlang,
Und zur Nacht
Säß ich ob deinem Schlummer wach
Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht
In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht,
Ich horchte in deines Atems Getön,
Ob still er weht
Oder heiß von Fiebern und Träumen geht.
Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich,
So weckte ich dich,
Und dein erster, dunkelenttauchender Blick
Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück.

JEREMIAS:

Mutter, Geliebte, sorge dich nicht,
Meine Nächte sind dunkel und träumeleer.
Es ist vorüber: ich träume nicht mehr.

DIE MUTTER:

Du träumst nicht mehr?

JEREMIAS:

Ich träume nicht mehr.
Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm,
Nicht mehr wallen
In meinem Blut die Gesichte um,
Meine Träume sind tief in den Tag gefallen,
Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt:
Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt.

DIE MUTTER (ekstatisch):

Jeremia! Du träumst nicht mehr?
Oh, wie gut! Oh, wie gut!
Siehst du Verzagter, ich wußte es ja,
Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten
Von seiner Wirrnis und seinem Wahn!
Oh, so selig sicher glühts mir im Blut,
Was ich dich lehrte von Anfang an:
Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen,
Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
Ewig werden die ragenden Mauern,
Ewig die Herzen Israels dauern,
Ewig währet Jerusalem!