(JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte Furchtbarkeit seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz und schreitet einsam voran, wie gebückt von großer Last.)

DIE ANDERN (sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit):

Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der Stadt ... ein Verhängnis war er ... man verbrannte an seinem Blut ... oh, daß nun doch Frieden würde ... Friede in Israel ... hinab mit ihm, daß versiegelt sei dieser Mund des Schreckens, oh, Erlösung ... daß doch nun Friede würde in Israel ...

(ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab ein Linnen und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)


DAS SECHSTE BILD
STIMMEN UM MITTERNACHT

„Es will Abend werden, und die Schatten werden groß.“

Jer. VI, 4.


Das Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum, dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das weitaufgetan über die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne ein breitgefügter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes.