Acht Tage später war ich im Besitz dieser Handschrift, deren Verfasser jeden Augenblick seine Geschichte, statt sie zu Ende zu erzählen, in andern Worten immer wieder von vorne anfängt; erst glaubt der verzweifelte Leser, daß es sich um ein neues Faktum handelt, und schließlich wird die Konfusion so groß, daß man gar nicht mehr weiß, wovon die Rede ist.

Man muß nämlich wissen, daß im Jahre 1742 ein Neapolitaner, ein Mailänder, die vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht hundert Worte hintereinander in toskanischer Sprache gesprochen haben, sich des Toskanischen für den Druck bedienen, weil sie das für schön halten. Der vortreffliche General Colleta, der größte italienische Historiker, hatte auch ein bißchen diese Manie, die seinen Leser oft unsicher über das vom Verfasser Gemeinte macht. Das kaum verständliche Manuskript, das sich Suora Scolastica betitelte, zählte nicht weniger als 310 Seiten. Ich erinnere mich, gewisse Seiten daraus ins reine geschrieben zu haben, um des Sinnes sicher zu sein, den ich dem Gelesenen gab.

Sowie ich einmal die Geschichte genau kannte, hütete ich mich, direkte Fragen zu stellen. Sooft mir aus vielem Geschreibsel des Mönches irgendein sicheres Faktum deutlich war, erbat ich mir mit der unschuldigsten Miene einige Aufklärungen. Und nach einiger Zeit gab mir eine Person, die zwei Monate früher mir jede Antwort auf meine Fragen glatt verweigert hatte, ein kleines handgeschriebenes Heftchen von 60 Seiten, das auf die Geschichte selber nicht weiter eingeht, aber über gewisse 341Fakten pittoreske Details gibt. Zum Beispiel über die rasende Eifersucht.

Aus den Worten ihres Almoseniers, den der Erzbischof dazu gewonnen hatte, erfuhr eines Tages die Prinzessin Donna Ferdinanda de Bissignano, daß der junge Don Genarino nicht in sie, sondern in ihre Stieftochter Rosalinde verliebt sei. Sie rächte sich an ihrer Rivalin, die sie vom König Carlos geliebt glaubte, indem sie Don Genarino de las Flores in eine heftige Eifersucht hetzte. Dieses folgende nun ist die Geschichte, welche ganz Neapel im Jahre 1740 so heftig bewegt hat.

Im Jahre 1740 regierte in Neapel Don Carlos. Er war der Sohn der Fürstin Elisabet von Parma, einer Farnese, die ihm, trotzdem er der Jüngere war, gern eine Krone verschafft hätte, weshalb sie ihm zu günstiger Stunde nach Italien mit einer Armee dirigierte. Er gewann die Schlacht bei Velletri, trotzdem der Kampftag für ihn damit begonnen hatte, daß ihn eine Kompagnie Österreicher des Morgens in seinem Zimmer überraschte. Der Herzog Vargas del Prado, einer der spanischen Granden, welche die Elisabet Farnese ihrem Sohn als Stab gegeben hatte, rettete ihm das Leben oder doch die Freiheit, indem er ihm einen Fußtritt versetzte, der ihn ans Fenster seines nicht niedrig gelegenen Schlafzimmers beförderte, durch das er entkam.

Don Carlos mit der ungeheuern Nase war nicht ohne Geist. Als Karl III. von Neapel hielt er einen glänzenden Hof. Er brachte sich seine Untertanen mit festlichem Zirzenses nah und führte gleichzeitig strenges Regiment in allen Zweigen der Verwaltung. Die spanischen Vizekönige, deren Klugheit durch Masaniellos Revolte berühmt geblieben ist, hatte man davongejagt; die harten 342und geldgierigen österreichischen Generäle hatte man davongejagt; in der Folge so vieler Wechsel und Konfiskationen sah sich der neue König Herr fast über alles Hab und Gut. Die meisten Edelleute hatten die Konfiskation einiger ihrer Güter erlebt oder wurden mit konfisziertem Grundbesitz jener Unzufriedenen beschenkt, die von erkauften Subjekten Verräter genannt wurden. Diese Unsicherheit aller Vermögen verband sich mit der Notwendigkeit großer Ausgaben um der Gunst des Königs willen, und das verpflichtete die großen Herren, hinsichtlich ihrer Geschäfte die Augen recht offen zu halten.

Der Adel drängte sich an den Hof, und der Handelsstand gratulierte sich dazu, die unglaublichen Plackereien der Vizekönige und die Habsucht der österreichischen Generäle los zu sein; das gemeine Volk aber war höchlichst erstaunt, eine Regierung zu haben, von der es nicht immerzu geschunden wurde und gewöhnte sich daran, Steuern zu zahlen, von denen ein Teil als Premie an Adel und Geistlichkeit verteilt wurde.

Also regierte Don Carlos seit fünf Jahren; Ruhe und Wohlstand kehrten wieder; glückliche Zufälle halfen dabei. Der Winter von 1740 auf 1741 sah Festlichkeiten, wie schon lange keiner mehr. Acht oder zehn Damen von seltener Schönheit teilten sich in alles Lob und Preis, aber der junge König, der ein feiner Kenner war, erklärte für die schönste Dame seines Hofes Rosalinda, die Tochter des Principe d'Atella. Dieser Principe d'Atella, früher österreichischer General, war ein ebenso trübseliger wie kluger Mann, der gegen seinen Willen Donna Ferdinanda, seinem zweiten Weibe, darin nachgab, daß sie sich zu Hofe von seiner Tochter, der schönen Rosalinda, begleiten ließ, die der König für die 343allerschönste erklärte und die noch nicht sechzehn Jahre zählte.

Der Principe d'Atella hatte drei Söhne aus erster Ehe, deren standesgemäße Versorgung ihm Schwierigkeiten machte. Die Titel dieser Söhne, die alle Herzöge oder Prinzen waren, fand er in keinem Verhältnisse zu dem mäßigen Vermögen stehend, das er ihnen hinterlassen konnte.

D'Atella liebte seine sehr lustige und sehr unvorsichtige Frau, die, wenn auch um dreißig Jahre jünger als er, doch nicht mehr jung war, und es während der köstlichen Feste dieses Winters nur der Anwesenheit ihrer Tochter Rosalinda verdankte, immer von einem hofmachenden Schwarm der glänzendsten Jugend Neapels umgeben zu sein. Ihre besondere Aufmerksamkeit schenkte sie dem jungen Genarino de las Flores, dessen etwas hochfahrenden spanischen Manieren dem hübschen und lustigen Gesichte mit dem blonden Bärtchen und den blauen Augen, einer Seltenheit in Neapel, sehr gut standen; besonders von diesen blauen Augen waren die Damen des Hofes ganz entzückt. So sehr entzückt, daß Genarino schon zwei Wunden aus Duellen mit Bräutigamen oder Brüdern trug, in deren Familie er Unordnung gebracht hatte.